News aus aller Welt
Start
Theateraktion in Berlin: Wie ein Pool zum Skandal wurde
Kultur · 16.08.2026 11:28

Theateraktion in Berlin: Wie ein Pool zum Skandal wurde

Kurz: Das temporäre Volksbad der Berliner Volksbühne löste eine hitzige Debatte über Identitätspolitik und Safe Spaces aus. Ein Rückblick auf die Eskalation.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Am 7. August 2026 eröffnete Matthias Lilienthal, der neue Intendant der Berliner Volksbühne, ein temporäres Projekt auf dem Rosa-Luxemburg-Platz: das sogenannte „Volksbad“. Die Installation, bestehend aus einem Pool, einer Pommesbude und Umkleidekabinen, war als künstlerische und politische Protestaktion konzipiert, um auf den Verfall der städtischen Infrastruktur und die zunehmende Schließung öffentlicher Schwimmbäder in Berlin aufmerksam zu machen. Das Projekt stieß zunächst auf große Resonanz beim Publikum, wobei die kostenlosen Tickets für die Badeslots innerhalb weniger Minuten ausgebucht waren. Die Situation änderte sich jedoch etwa eine Woche nach der Eröffnung drastisch, als eine junge CDU-Kommunalpolitikerin via Instagram kritisierte, dass ihr der Zugang zu einem bestimmten Badeslot verwehrt wurde. Auf der Website der Volksbühne war vermerkt, dass dieser Zeitabschnitt am Freitag von 12 bis 18 Uhr „exklusiv für Schwarze Communities“ reserviert sei. Das Video der Kommunalpolitikerin verbreitete sich viral und löste eine heftige Kontroverse über Themen wie Diskriminierung, „Safe Spaces“ und Rassismus aus, die schließlich in einer massiven rechten Kampagne gegen die Institution mündete.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen, Orte und Zitate

Die Kosten für das Projekt beliefen sich laut Angaben des Bundes der Steuerzahler auf 300.000 Euro, was bereits vor der Eskalation zu Kritik an der Verwendung von Theatersubventionen führte. Die beteiligten Akteure sind vielfältig: Matthias Lilienthal, der als neuer Intendant der Volksbühne für seine unkonventionellen Ansätze bekannt ist, verantwortete die Aktion. Zu den prominenten Besuchern zählte unter anderem Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken für die bevorstehende Berliner Landtagswahl, die das Bad nutzte. Der Verein EOTO („Each One Teach One“), der sich für die Interessen schwarzer Menschen einsetzt, war als Partner für den umstrittenen Slot vorgesehen. Nach der viralen Verbreitung des Instagram-Posts einer CDU-Kommunalpolitikerin griffen rechte und konservative Influencer das Thema auf. Alice Weidel von der AfD äußerte sich in einem Post kritisch und fragte provokant, ob „Apartheid als Vorbild für Deutschland“ diene. Infolge zahlreicher rassistischer Drohungen gegen den Verein EOTO sahen sich die Veranstalter gezwungen, das Schwimmen abzusagen. Statt des Badebetriebs wurde am Freitag lediglich ein Banner mit der Aufschrift „Fickt euch!“ auf dem Platz gezeigt.

Hintergrund – Vorgeschichte und bisheriger Verlauf

Matthias Lilienthal ist in der Kulturszene für seine volksnahe Art und seine provokativen Projekte bekannt. Bereits 2015, bei seinem Amtsantritt an den Münchner Kammerspielen, sorgte er für Aufsehen, als er ein Sozialwohnprojekt in einem Luxusviertel initiierte, bei dem Bürger in Hütten aus Recyclingmaterialien übernachten konnten, um auf die Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Sein Wechsel an die Berliner Volksbühne im August 2026 wurde daher mit Spannung erwartet. Das „Volksbad“ sollte nahtlos an diesen Ansatz anknüpfen: Das Theater sollte die Bühne verlassen und sich aktiv in gesellschaftliche Probleme einmischen. Dass die Volksbühne nun zur Zielscheibe einer politischen Kampagne wurde, markiert eine Zuspitzung der Debatte um Identitätspolitik. Die ursprüngliche Intention, ein Zeichen gegen den Infrastrukturverfall zu setzen, wurde durch die Debatte über den exklusiven Badeslot vollständig überschattet. Die Volksbühne reagierte zunächst mit einer sprachlichen Anpassung auf ihrer Website, indem sie den Slot nicht mehr als „exklusiv für Schwarze“, sondern als reserviert für den Verein EOTO deklarierte, was jedoch die Eskalation nicht mehr aufhalten konnte.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

In die Auseinandersetzung sind verschiedene Akteure involviert. Auf der einen Seite steht Matthias Lilienthal als Intendant der Volksbühne, der das Projekt initiierte. Auf der anderen Seite stehen der Verein EOTO, der als Interessenvertretung für schwarze Menschen fungiert und Ziel rassistischer Drohungen wurde, sowie die Berliner Öffentlichkeit. Politisch wurde das Thema durch eine junge CDU-Kommunalpolitikerin angestoßen, die den Stein ins Rollen brachte. Die AfD, vertreten durch Alice Weidel, nutzte den Vorfall, um das Narrativ der „Diskriminierung von Weißen“ und einer „staatlich finanzierten Rassentrennung“ zu verbreiten. Auch Elif Eralp, die Spitzenkandidatin der Linken, ist als Besucherin des Bades namentlich genannt. Die Autoren des Berichts, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel, ordnen den Vorfall aus ihrer Perspektive als Wissenschaftler und Experten für soziale Arbeit sowie Bildung ein. Sie betonen dabei die Rolle von Institutionen wie der Volksbühne, die sich durch den Druck der sozialen Medien in einer schwierigen Lage wiederfinden.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist die Debatte laut den Berichten als Symptom einer tieferliegenden gesellschaftlichen Spaltung. Die Autoren betonen, dass die Absage der Veranstaltung aus Angst vor rechten Angriffen ein alarmierendes Zeichen für den Zustand des öffentlichen Diskurses sei. Es sei ein Fehler, die Debatte ausschließlich auf die Frage zu reduzieren, ob Weiße diskriminiert würden. Vielmehr müsse man kritisch hinterfragen, ob die Schaffung von „Safe Spaces“ im öffentlichen Raum tatsächlich ein geeignetes Mittel zur Bekämpfung von Rassismus sei. Den Berichten zufolge besteht die Gefahr, dass durch die räumliche Trennung nach Identitätsmerkmalen die Idee einer gemeinsamen Öffentlichkeit in Enklaven zerfällt. Die Autoren argumentieren, dass gerade die alltägliche Begegnung mit dem Fremden und Unbekannten – etwa durch unterschiedliche Badebekleidung – eine essenzielle Übung in Toleranz darstelle. Eine „gut gemeinte Segregation“ könne das Zusammenleben eher belasten als fördern, da sie Filterblasen in den physischen Raum übertrage und die Grundprinzipien der Demokratie unter Druck setze.

Historische Parallelen und frühere Debatten

Die Diskussion um „Safe Spaces“ im öffentlichen Raum ist kein neues Phänomen. Bereits 2023 gab es eine ähnliche Kontroverse anlässlich der Ausstellung „Das ist kolonial“ im Dortmunder LWL-Museum Zeche Zollern. Dort wurde der Zutritt zu bestimmten Zeiten für von Rassismus betroffene Menschen empfohlen, um einen geschützten Raum für Austausch zu bieten. Auch damals beschränkte sich die öffentliche Debatte auf zwei Lager: Rechte Akteure, die Rassismus gegen Weiße unterstellten, und eine gemeinsame Erklärung der Fraktionen von CDU, SPD und Grünen in NRW, die das Konzept verteidigten. Ein weiterer Fall betraf die Überlegung einer islamischen Gemeinde in Frankfurt, ein eigenes Bad für Muslime einzurichten, um insbesondere Frauen mit Burkini vor Anfeindungen zu schützen. Diese Beispiele verdeutlichen, dass das Streben nach geschützten Räumen oft aus einer nachvollziehbaren Erfahrung von Diskriminierung resultiert, jedoch in der praktischen Umsetzung im öffentlichen Raum auf fundamentale Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe stößt.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für das Verständnis der Gesamtsituation relevant wären. So bleibt unklar, wie genau die Volksbühne die ursprüngliche Idee des exklusiven Badeslots intern diskutiert und legitimiert hat, bevor sie diese auf ihrer Website veröffentlichte. Ebenso wird nicht explizit beantwortet, ob Matthias Lilienthal das Banner mit der Aufschrift „Fickt euch!“ als bewusste künstlerische Provokation oder als spontane Reaktion auf die Drohungen gegen das Projekt autorisiert hat. Auch die genaue Rolle der Berliner Behörden oder der Stadtverwaltung, die das Projekt finanziell und logistisch ermöglicht haben, wird nicht weiter beleuchtet. Es bleibt zudem offen, welche konkreten Sicherheitsvorkehrungen im Vorfeld der Aktion geplant waren und warum diese im Angesicht der rassistischen Drohungen als unzureichend bewertet wurden. Die langfristigen Auswirkungen auf die Programmgestaltung der Volksbühne unter der neuen Intendanz werden ebenfalls nicht thematisiert.

Wie es weitergeht – Ankündigungen und Ausblick

Der Quelltext enthält keine konkreten Termine für eine Wiederaufnahme des Badebetriebs oder für zukünftige Projekte der Volksbühne unter dieser Thematik. Die Absage des Schwimmens erfolgte „aus Sicherheitsbedenken“, was darauf hindeutet, dass das Projekt in seiner ursprünglichen Form als beendet betrachtet werden kann. Die Autoren fordern jedoch eine aufgeklärte Debatte über die Gestaltung von Safe Spaces, um das Feld nicht der AfD zu überlassen, die solche Vorfälle für ihre Zwecke instrumentalisiert. Es bleibt abzuwarten, ob die Berliner Kulturpolitik oder die Volksbühne selbst eine formelle Aufarbeitung des Vorfalls anstreben oder ob das „Volksbad“ als ein gescheitertes Experiment in die Geschichte der Berliner Theateraktion eingeht. Die Frage, wie öffentliche Räume in einer diversen Gesellschaft gestaltet werden können, ohne in Segregation zu münden, bleibt als offene Herausforderung für die Stadtgesellschaft bestehen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/szene-am-spreeufer-mit-modernen-gebauden-in-berlin-38646141/ · Foto: Travel with Lenses
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kolumnen/muslimisch-juedisches-abendbrot/volksbad-der-volksbuehne-berlin-meron-mendel-und-saba-nur-chema-schreiben-in-der-f-a-z-ueber-die-skandalisierung-des-pools-von-matthias-lilienthals-pool-als-politische-falle-accg-201130295.html