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Kultur · 29.09.2026 19:56

Kinderbücher über Aale: Sehnsucht ins Sargassum

Kurz: Zwei neue Kinderbücher widmen sich dem rätselhaften Lebenszyklus des Aals und nutzen die wissenschaftlichen Wissenslücken für fantasievolle Erzählungen.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Wissenschaft steht seit Jahrhunderten vor einem Rätsel: Wo und wie genau sich Aale fortpflanzen, bleibt trotz intensiver Forschung ein Geheimnis. Bekannt ist lediglich, dass diese Fische am Ende ihres Lebens aus den Süßwasserhabitaten wie Flüssen, Seen oder Tümpeln in die Sargassosee im Atlantik zurückkehren. Dort, in tausend Meter Tiefe, inmitten von schwebenden Algenwäldern, vollzieht sich ein Zyklus, der sich der menschlichen Beobachtung entzieht. Genau diese Wissenslücke, die früher zu Mythen über Zwitterwesen oder heilende Aalherzen führte, wird nun von zwei neuen Kinderbüchern mit kreativer Energie gefüllt. Die Künstlerin Nadia Budde legt mit „Alle Aale“ ein Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren vor, während das Autorenduo Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich gemeinsam mit der Illustratorin Nele Brönner das Werk „Aali muss los“ für Leser ab sieben Jahren veröffentlicht hat. Beide Publikationen nutzen den wissenschaftlichen „Blindfleck“ als erzählerische Leinwand, um den Lebenszyklus der Fische in fantasievolle, teils humorvolle und teils atemlose Geschichten zu übersetzen, die dort enden, wo das Meer seine Geheimnisse für sich behält.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Die beiden Bücher sind im Jahr 2026 erschienen. Nadia Buddes Werk „Alle Aale“ wurde im Peter Hammer Verlag in Wuppertal herausgegeben, umfasst 40 Seiten und kostet 16 Euro. Das Buch von Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich mit dem Titel „Aali muss los“, illustriert von Nele Brönner, erschien im Mairisch Verlag in Hamburg, umfasst 64 gebundene Seiten und ist für 20 Euro erhältlich. Die Erzählungen greifen geografische Fixpunkte auf, die für den Lebensweg der Aale stehen: Die Sargassosee als Zielort, aber auch urbane Kulissen wie die Seine in Paris, die Themse in London oder die Spree in Berlin, durch die die Jungaale auf ihrem Weg ins Süßwasser ziehen. Neben dem Protagonisten Aali tauchen in der Geschichte von Zipfel und Heinrich weitere Figuren auf, etwa Frank, die Brasse aus dem Nord-Ostsee-Kanal, der Party-Krebs Hein aus einem nächtlichen Hafenbecken oder die Robbe Jorla, die den Aal bis zu den Färöer-Inseln begleitet. Die Texte nutzen dabei eine spezifische Sprache, um die Reise der Fische – vom „Planktonpuffer“ bis zum „Heimwehbeben“ – für Kinder greifbar zu machen.

Hintergrund – Die Geschichte des Unwissens

Der Faszination für den Aal liegt eine lange Tradition des Nichtwissens zugrunde. Historisch gesehen rankten sich zahlreiche Mythen um diese Fischart. Frühere Generationen hielten Aale für lebendgebärend oder gar für Zwitterwesen, denen man sogar die Fähigkeit zuschrieb, bis zu sechs Tage an Land überleben zu können. Die Römer hegten den Glauben, dass Aale Menschen erwürgen könnten, während andere ihnen medizinische Wunderkräfte zuschrieben, etwa die Heilung von Trunksucht oder die Erlangung großer Weisheit durch den Verzehr eines warmen Aalherzens. Da die Forschung bis heute nicht exakt bestimmen kann, wie die Fortpflanzung in der Sargassosee abläuft, blieb stets Raum für Spekulationen. Diese Lücke wurde im Laufe der Zeit immer wieder mit Phantasie gefüllt. Die neuen Kinderbücher führen diese Tradition fort, indem sie den wissenschaftlichen Ist-Zustand – das Verschwinden der Tiere in der Tiefe – als Ausgangspunkt für literarische Abenteuer nutzen, anstatt zu versuchen, die biologischen Fakten trocken zu vermitteln.

Die Beteiligten – Wer hinter den Werken steht

Die Akteure hinter diesen Projekten sind etablierte Namen der deutschen Kinderbuchszene. Nadia Budde, bekannt für ihren unverkennbaren Stil – charakterisiert durch eine ungleichmäßige schwarze Konturlinie und einen aufgekratzten, hintersinnigen Blick ihrer Figuren –, hat mit „Alle Aale“ ein Werk geschaffen, das den Lebenszyklus in kühnen Reimen beschreibt. Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich agieren als Erzählerduo, das eine „abgebrühte“ und „atemlose“ Geschichte entworfen hat. Sie setzen sich in ihrem Text bewusst mit der Rolle der Erzählerin auseinander, die stets auf der Suche nach den „besten, schönsten, größten, lustigsten, traurigsten Geschichten der Welt“ ist. Unterstützt werden sie dabei von der Illustratorin Nele Brönner, die mit ihrem speziellen Stil, der auf der Abstraktion des Dreifarbdrucks basiert, zwischen Realismus und Überzeichnung changiert. Die Verlage Peter Hammer und Mairisch fungieren als Herausgeber, die diese Projekte in den aktuellen Buchmarkt integriert haben.

Einordnung – Was die Bücher vermitteln

Einzuordnen ist das Erscheinen dieser Bücher als gelungener Spagat zwischen Wissensvermittlung und Unterhaltung. Den Berichten zufolge gelingt es den Autoren, den kindlichen Lesern komplexe biologische Zusammenhänge „wie nebenbei“ näherzubringen, ohne dabei belehrend zu wirken. Während Nadia Budde den Lebenszyklus eher als eine Art „Krabbelstube“ oder „Fischschule“ darstellt, in der die Stationen der Aale denen menschlicher Kinder ähneln, wählen Zipfel und Heinrich einen eher „durchgeknallten“ und reißerischen Ansatz. Das zentrale Thema, das beide Bücher verbindet, ist die Sehnsucht und die Bestimmung. Es geht um das Gefühl, noch nicht dort angekommen zu sein, wo man eigentlich hinmöchte. Die Bücher vermeiden dabei eine zu gefühlige Darstellung; bei Zipfel und Heinrich sorgt der „Klamauk“ dafür, dass die Geschichte trotz der existentiellen Reise des Aals Aali geerdet bleibt. Die Illustrationen dienen dabei nicht nur der Dekoration, sondern unterstreichen die Atmosphäre der jeweiligen Erzählweise.

Offene Fragen – Was bleibt verborgen

Der Quelltext macht deutlich, dass trotz der literarischen Aufarbeitung die wissenschaftlichen Lücken bestehen bleiben. Die Texte beantworten ausdrücklich nicht, was genau in der Sargassosee geschieht, wenn die Aale dort eintreffen. Dieser Moment bleibt, wie es im Buch von Zipfel und Heinrich heißt, eine Geschichte, die das Meer für sich behält. Auch bleibt offen, wie die Forschung in Zukunft mit diesem Rätsel umgehen wird, da der Text sich auf den aktuellen, unvollständigen Wissensstand konzentriert. Die Frage, ob die „Sehnsucht“ der Aale, die in den Büchern als „Heimwehbeben“ oder „Rückwärtsdrang“ beschrieben wird, eine rein literarische Interpretation darstellt oder ob sie als Metapher für biologische Instinkte dient, wird ebenfalls nicht abschließend geklärt. Die Bücher wählen den Weg der Phantasie, was bedeutet, dass der biologische Prozess weiterhin ein Geheimnis bleibt, das den Menschen vor ein Rätsel stellt.

Wie es weitergeht – Der Zyklus schließt sich

Die Erzählungen enden konsequent dort, wo der Lebenszyklus der Aale seinen Abschluss findet. Bei Nadia Budde mündet die Geschichte in ein „großes Nachtfinale“, bei dem alle Aale wieder in die Sargassosee zurückkehren, um den Kreislauf von Neuem zu beginnen – symbolisiert durch den „Milchkaffee“ am Morgen danach. Bei Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich verschwindet der Protagonist Aali in der Dunkelheit der Tiefe. Damit ist der erzählerische Bogen gespannt. Weitere Schritte oder Termine, etwa zu einer wissenschaftlichen Klärung des Aal-Rätsels, werden im Text nicht genannt. Die Bücher stehen somit als abgeschlossene Werke für sich. Die Leser werden mit der Erkenntnis zurückgelassen, dass manche Geheimnisse der Natur – wie die Reise des Aals – nicht durch Fakten, sondern nur durch die Kraft der Erzählung und der Vorstellungskraft erfahrbar gemacht werden können.

Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/kinderbuch/zwei-buecher-ueber-aale-fuer-junge-leser-accg-201256709.html