Ein breites Spektrum musikalischer Ausdrucksformen
Die aktuelle Musiklandschaft zeigt sich in ihrer ganzen Vielfalt, wie eine Zusammenstellung von vier neuen Alben eindrucksvoll belegt. Die Bandbreite reicht von politisch aufgeladenem Retro-Rock aus den Vereinigten Staaten über die Wiederentdeckung vergessener barocker Concerti aus Italien bis hin zu anspruchsvollen Jazz-Kollaborationen und einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit der spätromantischen Symphonik Anton Bruckners. Jedes dieser Werke spiegelt eine eigene künstlerische Haltung wider, die sich entweder durch gesellschaftliches Engagement, historische Spurensuche oder eine stetige Suche nach der perfekten Interpretation auszeichnet. Die beteiligten Musiker und Ensembles demonstrieren dabei, dass der künstlerische Geist stets die Herausforderung und die Gefahr sucht, um sich weiterzuentwickeln. Während die einen mit ihrer Musik direkt auf die politischen Verhältnisse in ihrem Heimatland reagieren, graben andere in Archiven nach verloren geglaubten Notenblättern oder wagen sich an die komplexen Strukturen eines unvollendeten Meisterwerks. Diese Vielfalt unterstreicht, wie unterschiedlich Musik als Medium genutzt werden kann, um sowohl Zeitgeist als auch zeitlose Schönheit zu transportieren.
Die Details der vier Neuerscheinungen
Die Band Low Cut Connie aus Philadelphia veröffentlicht mit „Livin’ in the U.S.A.“ ein Album, das den Zeitgeist des heutigen Amerikas einfängt. Sänger Adam Weiner betont den rebellischen Charakter des Rock ’n’ Roll. Parallel dazu widmet sich das Ensemble Locatelli unter der Leitung von Thomas Chigioni der Musik von Lodovico Ferronati, der bis 1767 an der Basilika S. Maria Maggiore in Bergamo wirkte. Die Musiker stießen in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien sowie in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden auf bisher kaum beachtete Handschriften. Das Ergebnis sind fünf Concerti, die durch die Solistinnen Francesca Longa und Margherita Maria Sala veredelt werden. Der Gitarrist Martin Iaies präsentiert sein Album „People. Places.“ mit einem zwölfköpfigen Ensemble, zu dem unter anderem Alana Macpherson, Thomas Quendler und Maximilian Kreuzer zählen. Besonders hervorzuheben ist die Beteiligung von Klaus Gesing, der mit seiner Bassklarinette und dem Sopransaxophon neue Klangfarben einbringt. Schließlich hat der Dirigent Gerd Schaller gemeinsam mit dem London Philharmonic Orchestra Anton Bruckners 9. Symphonie eingespielt. Es ist Schallers fünfter Anlauf bei diesem Werk, wobei er erneut seine eigene Fassung des unvollendeten Finales verwendet.
Historische Kontexte und bisherige Entwicklungen
Die Entstehungsgeschichte dieser Aufnahmen ist so unterschiedlich wie die Musik selbst. Bei Low Cut Connie ist das Album eine direkte Reaktion auf die politische Situation in den USA, die von der Band als „trumpisiert“ beschrieben wird. Die Konfrontation geht so weit, dass die Gruppe mit Konzertabsagen zu kämpfen hat, was Sänger Adam Weiner jedoch nur in seiner Haltung bestärkt. Im Fall von Lodovico Ferronati handelt es sich um eine archivarische Leistung. Dass ein Komponist, der an einem so bedeutenden Ort wie der Basilika S. Maria Maggiore wirkte, nahezu in Vergessenheit geraten konnte, wird von den Interpreten als unbegreiflich empfunden. Die Arbeit von Martin Iaies wiederum ist das Ergebnis einer langjährigen künstlerischen Entwicklung, seit er seine Wahlheimat Österreich fand. Die Zusammenarbeit mit Klaus Gesing stellt für ihn eine fast surreale Bereicherung dar. Bei Gerd Schaller und dem Label „hänssler Profil“ blickt man auf eine seit 2007 bestehende Langzeitaufgabe zurück: die systematische Erschließung der gesamten Symphonik Bruckners, wobei die aktuelle Einspielung der Neunten einen weiteren Meilenstein in diesem Prozess darstellt.
Die Akteure und ihre Rollen
Die Liste der beteiligten Personen und Institutionen ist lang und illustriert die internationale Vernetzung der Musikszene. Adam Weiner von Low Cut Connie fungiert als politisch aktiver Kopf der Band und scheut sich nicht, die Regierung für ihr aus seiner Sicht moralisches Vakuum zu kritisieren. Auf der anderen Seite stehen die Forscher und Musiker des Ensembles Locatelli, die durch ihre akribische Arbeit in Wien und Dresden die Musik Ferronatis zurück ins Licht der Öffentlichkeit holen. Die Solistinnen Francesca Longa und Margherita Maria Sala tragen mit ihrer stimmlichen Leistung wesentlich zur spirituellen Qualität der Aufnahme bei. Martin Iaies hat sich als Gitarrist in Österreich etabliert und ein Ensemble um sich geschart, das durch Musiker wie Alana Macpherson, Thomas Quendler und Maximilian Kreuzer glänzt. Besonders der Gastmusiker Klaus Gesing, bekannt durch seine Arbeit mit Norma Winstone, spielt eine zentrale Rolle. Gerd Schaller arbeitet für sein Bruckner-Projekt eng mit dem London Philharmonic Orchestra zusammen, was eine Abkehr von seinem bisherigen Stammorchester, der „Philharmonie Festiva“, markiert.
Einordnung der künstlerischen Leistungen
Einzuordnen ist das Schaffen dieser Künstler als ein ständiger Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt und der Geschichte. Den Berichten zufolge ist das Album von Low Cut Connie nicht nur als musikalisches Werk, sondern als politisches Statement zu verstehen, das den Rock ’n’ Roll als „table flipping artform“ begreift. Die Wiederentdeckung Ferronatis kann als ein Akt musikalischer Gerechtigkeit gewertet werden, der dem Hörer eine „spirituelle und sinnliche Freude“ bereitet. Bei Martin Iaies zeigt sich eine Entwicklung hin zu einer komplexen, fast surrealen Klangwelt, die durch die Integration von Gästen wie Klaus Gesing eine neue Tiefe gewinnt. Die Bruckner-Einspielung von Gerd Schaller wird als respektables Unterfangen bewertet, das durch die Zusammenarbeit mit dem London Philharmonic Orchestra eine neue Transparenz und Farbigkeit in das Werk bringt. Den Rezensenten zufolge gelingt es Schaller, die „Neunte“ als einen innigen Hoffnungsgesang zu interpretieren, wobei selbst die dunkelsten Passagen eine „Dunkelglut-Leuchten“ entwickeln, das den Hörer unmittelbar berührt.
Offene Fragen und verbleibende Lücken
Trotz der detaillierten Berichterstattung bleiben einige Aspekte unbeantwortet. So wird nicht explizit dargelegt, welche spezifischen Kriterien die Konzertveranstalter in den USA dazu bewegten, Low Cut Connie auszuladen, außer dem allgemeinen Hinweis auf die politische Haltung der Band. Auch bleibt offen, warum die Handschriften von Lodovico Ferronati über Jahrhunderte hinweg in den Archiven von Wien und Dresden unentdeckt blieben, obwohl der Komponist zu Lebzeiten an einem solch prominenten Ort wie der Basilika S. Maria Maggiore wirkte. Hinsichtlich der Jazz-Produktion von Martin Iaies wird zwar die Bedeutung von Klaus Gesing hervorgehoben, doch die genauen Hintergründe der musikalischen Entscheidungen, die zu dieser speziellen Besetzung führten, werden nur angedeutet. Ebenso bleibt die Frage, wie die Fachwelt auf die spezifische, von Schaller bearbeitete Fassung des unvollendeten Finales von Bruckners Neunter reagiert, da die Rezension lediglich die Perspektive des beteiligten Kritikers wiedergibt. Die langfristigen Auswirkungen dieser vier Alben auf ihre jeweiligen Genres bleiben naturgemäß zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch spekulativ.
Ausblick auf zukünftige Entwicklungen
Die genannten Künstler und Projekte befinden sich in unterschiedlichen Stadien ihrer Arbeit. Während Low Cut Connie mit der Einstellung „jetzt erst recht“ auf die Widerstände reagiert, ist das Projekt des Ensembles Locatelli ein abgeschlossener Akt der Wiederentdeckung, der nun durch die Veröffentlichung der CD für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Martin Iaies hat mit „People. Places.“ ein aktuelles Album vorgelegt, das seine bisherige Entwicklung zusammenfasst und Raum für zukünftige Projekte lässt. Gerd Schaller setzt seine Langzeitaufgabe mit dem Label „hänssler Profil“ fort, wobei die Einspielung der Neunten einen weiteren Schritt in der kontinuierlichen Qualifizierung seiner Arbeit darstellt. Es ist davon auszugehen, dass die Auseinandersetzung mit Bruckners Symphonik auch in Zukunft ein zentrales Thema für Schaller bleiben wird. Die weiteren Wege der genannten Musiker hängen stark von der Rezeption dieser Werke ab, wobei insbesondere die politische Dimension der Arbeit von Low Cut Connie in einem polarisierten Amerika auch in Zukunft für Gesprächsstoff sorgen dürfte.