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100 Billionen Geisterteilchen pro Sekunde: Kosmische Strahlung im menschlichen Körper
Technik · 30.08.2026 15:39

100 Billionen Geisterteilchen pro Sekunde: Kosmische Strahlung im menschlichen Körper

Kurz: Jede Sekunde durchdringen Billionen Neutrinos und Myonen unseren Körper. Ein Blick auf die physikalische Realität hinter diesem unsichtbaren kosmischen Dauerbes

Ein unsichtbarer Teilchenregen aus dem All

Jede Sekunde prasselt ein unsichtbarer, ununterbrochener Teilchenregen auf die Erde nieder, der den menschlichen Körper in einer schier unvorstellbaren Intensität durchdringt. Was wie ein abstraktes Szenario aus einem theoretischen Gedankenexperiment anmutet, stellt eine messbare physikalische und biologische Realität dar. Wie aktuelle wissenschaftliche Berichte verdeutlichen, ziehen in jeder einzelnen Sekunde etwa 100 Billionen sogenannte Neutrinos durch jeden Menschen hindurch. Diese Elementarteilchen, die aufgrund ihrer geringen Masse und ihrer elektrischen Neutralität kaum mit Materie interagieren, passieren den menschlichen Körper sowie den gesamten Planeten, ohne dabei eine Spur zu hinterlassen. Dieser Prozess geschieht völlig unbemerkt und ist biologisch betrachtet absolut harmlos. Dennoch ist die schiere Menge der Teilchen, die uns sekündlich durchqueren, ein faszinierender Beweis für die ständige Interaktion zwischen dem menschlichen Organismus und dem Universum. Während wir unser tägliches Leben führen, sind wir Teil eines kosmischen Stroms, der seinen Ursprung in nuklearen Prozessen tief im Weltraum oder in den Tiefen unseres eigenen Planeten hat.

Die Herkunft der Geisterteilchen und ihre Wege

Die Neutrinos, die uns ständig umgeben, stammen aus unterschiedlichen Quellen. Ein Großteil dieser Teilchen, so erläutert die Physikerin Lu Lu von der University of Wisconsin-Madison, entsteht durch Fusionsreaktionen in der Sonne. Doch der Ursprung ist vielfältig: Einige Neutrinos haben ihren Ursprung in weit entfernten Galaxien, während andere, die sogenannten Geoneutrinos, direkt aus dem Inneren der Erde stammen. Diese entstehen beim natürlichen radioaktiven Zerfall innerhalb des Erdmantels. Zudem tragen menschengemachte Neutrinos, die in Kernkraftwerken oder durch Teilchenbeschleuniger freigesetzt werden, zum ständigen Fluss bei. Der Physiker Michael Pravica von der University of Nevada in Las Vegas betont, dass diese Teilchen so schwach mit Materie interagieren, dass sie den gesamten Planeten fast ungehindert durchqueren. Statistisch gesehen kommt es im Laufe eines gesamten Menschenlebens nur zu einer einzigen direkten Interaktion zwischen einem Neutrino und einem Atom im eigenen Körper. Da bei diesem seltenen Ereignis jedoch nahezu keine Energie übertragen wird, bleibt der Vorgang für den Betroffenen völlig unbemerkt und ohne biologische Folgen.

Kosmische Strahlung und die Rolle der Myonen

Neben den Neutrinos gibt es weitere extraterrestrische Partikel, die stetig auf die Erde treffen: die kosmische Strahlung. Dabei handelt es sich primär um elektrisch geladene Teilchen, die sich mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aus allen Richtungen dem Planeten nähern. Während die Sonne eher niederenergetische Strahlung liefert, stammt der Großteil der hochenergetischen Teilchen von außerhalb unseres Sonnensystems – etwa aus explodierenden Sternen, kollidierenden Galaxien oder der Nähe schwarzer Löcher. Diese Strahlung besteht meist aus Protonen oder Atomkernen schwererer Elemente. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre kollidieren diese mit Luftmolekülen, wodurch Schauer aus sekundären Teilchen entstehen, darunter die Myonen. Myonen sind negativ geladene, subatomare Teilchen, die Elektronen ähneln, jedoch eine über 200-mal höhere Masse besitzen. Auf Meereshöhe durchquert etwa ein Myon pro Quadratzentimeter pro Minute die Erdoberfläche, was für einen Menschen bedeutet, dass sekündlich Dutzende bis Hunderte dieser Teilchen den Körper passieren. Die genaue Trefferquote hängt dabei stark von der Körperhaltung ab: Wer aufrecht steht, bietet eine geringere Fläche als jemand, der flach auf dem Boden liegt.

Die Messung des Unsichtbaren in der Antarktis

Da Neutrinos elektrisch neutral sind und fast keine Masse besitzen, ist ihre Detektion eine enorme physikalische Herausforderung. Forscher nutzen daher spezielle Anlagen wie das IceCube Neutrino Observatory in der Antarktis, um diese Teilchen indirekt zu erfassen. Die Anlage arbeitet tief im Eis mit Tausenden von Lichtsensoren. Wenn ein Neutrino mit einem Atomkern im Eis interagiert, entstehen schnelle geladene Teilchen, die einen schwachen blauen Blitz aussenden – das sogenannte Tscherenkow-Licht. Dieses Leuchten entsteht, wenn sich geladene Teilchen schneller durch das Eis bewegen, als es das Licht in diesem Medium kann, vergleichbar mit einem optischen Überschallknall. Anhand der Helligkeit und des Musters dieses Lichts können Wissenschaftler die Energie und die Richtung des ursprünglichen Neutrinos rekonstruieren. Lu Lu vergleicht diese Methode mit der Bestimmung einer Fischpopulation: Kennt man die Größe des Netzes und die Durchschlupfrate, lässt sich auf den gesamten Fluss zurückrechnen. Da Neutrinos so schwach interagieren, können sie auch aus Regionen entkommen, die für Licht undurchdringlich sind, und liefern so wertvolle Daten über extrem dichte Bereiche des Universums.

Einordnung der Strahlenbelastung für den Menschen

Die Belastung durch kosmische Strahlung bleibt bei einer durchschnittlichen Lebensweise überschaubar. Eine Person erhält auf diesem Weg etwa 0,4 Millisievert pro Jahr. Zum Vergleich: Eine herkömmliche Röntgenaufnahme des Brustkorbs verursacht eine Strahlenexposition von etwa 0,02 bis 0,05 Millisievert. Die jährliche kosmische Dosis entspricht also etwa acht bis 20 solcher medizinischen Aufnahmen oder etwa vier Interkontinentalflügen zwischen Frankfurt und New York. Dieser Wert macht nur einen kleinen Bruchteil der gesamten natürlichen Hintergrundstrahlung von etwa 2,4 Millisievert aus, der Menschen jährlich ausgesetzt sind. Den Berichten zufolge stellt die auf Meereshöhe ankommende Strahlung kein besonderes Gesundheitsrisiko dar. Bei Flugreisen in großen Höhen tragen jedoch andere sekundäre Teilchen, wie etwa Neutronen, zu einer messbar höheren biologischen Dosis bei. Einzuordnen ist das so, dass der Mensch seit seiner Entstehung dieser natürlichen Umgebung ausgesetzt ist und der Körper mit diesen winzigen Skalen der Interaktion umgehen kann.

Offene Fragen zur Risikobewertung

Obwohl die gemessenen Werte für die kosmische Strahlung als gering eingestuft werden, ist die Risikobewertung bei solch niedrigen Dosen wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Es existiert bis heute kein globaler Konsens darüber, ab welchem exakten Schwellenwert niedrige Strahlendosen tatsächlich eine Gefahr für den menschlichen Organismus darstellen. Gängige Strahlenschutzmodelle verfolgen einen vorsichtigen Ansatz und gehen davon aus, dass jede noch so geringe Dosis ein theoretisches, wenn auch minimales Risiko birgt. Der Quelltext lässt hierbei offen, wie genau sich die kumulative Wirkung über ein ganzes Menschenleben hinweg in Bezug auf langfristige biologische Effekte verhält, da die Datenlage bei extrem niedrigen Dosen schwierig zu isolieren ist. Auch die genauen Auswirkungen der unterschiedlichen Teilchenarten in Kombination miteinander sind Gegenstand fortlaufender Forschung, da die bisherigen Modelle primär auf Durchschnittswerten basieren und individuelle Lebensumstände wie Wohnort oder Reiseverhalten nur grob berücksichtigen.

Die Bedeutung für die moderne Astrophysik

Die Beobachtung dieser Teilchenströme ist für die Astrophysik von unschätzbarem Wert. Sie bietet belastbare Daten über extrem dichte und aktive Bereiche des Universums, die mit herkömmlichen Teleskopen nicht einsehbar sind. Neutrinos fungieren dabei als Boten aus dem Inneren von Sternen oder aus der Umgebung von schwarzen Löchern, da sie Materie durchdringen können, ohne absorbiert zu werden. Wie die Physikerin Lu Lu betont, verdeutlichen diese dauerhaften Partikelströme zudem auf einer grundlegenden physikalischen Ebene, dass der Mensch untrennbar mit den kosmischen Abläufen verbunden ist. Die Erforschung dieser Geisterteilchen ist somit nicht nur ein technisches Unterfangen zur Messung von Strahlung, sondern ein wesentlicher Bestandteil, um die Funktionsweise des Universums und unsere eigene Rolle darin besser zu verstehen. Die kontinuierliche Datenerhebung durch Observatorien wie IceCube ermöglicht es, die Dynamik des Kosmos in Echtzeit zu verfolgen und die physikalischen Modelle stetig zu verfeinern, während wir gleichzeitig mehr über die natürliche Hintergrundbelastung auf unserem Planeten lernen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-eines-computerbildschirms-mit-code-34804024/ · Foto: Daniil Komov
Quelle: https://t3n.de/news/kosmische-strahlung-neutrinos-menschlicher-koerper-1760628/?utm_source=rss&utm_medium=newsFeed&utm_campaign=newsFeed