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Wie beliebt sind wir?: Der Irrtum vom peinlichen Deutschen im Urlaub
Kultur · 31.08.2026 11:30

Wie beliebt sind wir?: Der Irrtum vom peinlichen Deutschen im Urlaub

Kurz: Deutsche Touristen leiden oft unter einem Fremdscham-Reflex, doch die Realität sieht anders aus: International gelten sie als geschätzte Gäste.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Am Ende der sommerlichen Reisesaison stellt sich in Deutschland regelmäßig eine spezifische Form der Selbstreflexion ein, die oft in einer deutlichen Abwertung der eigenen Landsleute gipfelt. Wenn man Bundesbürger nach den unbeliebtesten Urlaubsgästen in klassischen Destinationen wie Spanien, Italien oder Österreich befragt, fällt die Antwort meist prompt und negativ aus: Es sind die Deutschen selbst. Diese Wahrnehmung ist jedoch tief in einem kollektiven Fremdscham-Reflex verwurzelt, der bei näherer Betrachtung jeder objektiven Grundlage entbehrt. Die Kernbotschaft der aktuellen Debatte ist, dass das deutsche Selbstbild im Ausland massiv von der tatsächlichen Einschätzung durch internationale Gastgeber abweicht. Während wir uns im Urlaub oft für das Verhalten unserer Mitbürger genieren – etwa für das berüchtigte Reservieren von Strandliegen oder ein als peinlich empfundenes Auftreten in touristischen Zentren –, werden deutsche Urlauber von Hotelmanagern weltweit als äußerst angenehme Gäste geschätzt. Die verbreitete Annahme, man müsse sich für das eigene Herkunftsland im Ausland schämen, ist somit als ein spezifisch deutsches Phänomen zu entlarven, das mit der Realität der internationalen Tourismusbranche wenig zu tun hat. Die Deutschen sind international deutlich beliebter, als sie es sich selbst zugestehen würden.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Die Klischees, die deutsche Urlauber über sich selbst pflegen, sind zahlreich und fest in der populären Vorstellung verankert. Es geht um das Handtuch auf der Strandliege in Torremolinos, das exzessive Feiern mit Schlager und Weißbier im Bierkönig auf Mallorca oder das Klischee des deutschen Touristen in Phuket, der ausschließlich Schnitzel verlangt. Auch das Bild des Wanderers in Rom, der mit Wandersandalen und weißen Socken durch das Kolosseum marschiert und sich dabei gegenüber dem lokalen Reiseleiter als Besserwisser hervortut, gehört zum Standardrepertoire dieser Selbstkritik. Historisch betrachtet reicht die Abwertung des Touristenbegriffs weit zurück: Bereits im Jahr 1770 bezeichnete Adam Smith Männer aus gutem Hause, die ihre Zeit mit „liederlichem Müßiggang“ verbrachten, als „tourists“. In der heutigen Zeit führt dieser Reflex sogar dazu, dass sich manche Deutsche im Ausland als Österreicher ausgeben, um der vermeintlichen Schande der deutschen Identität zu entgehen. Solche Verhaltensweisen sind jedoch, wie die Analyse zeigt, völlig unnötig. Internationale Hotelmanager, die in Befragungen ihre Erfahrungen mit verschiedenen Nationalitäten teilen, setzen deutsche Gäste regelmäßig auf die vorderen Plätze der Beliebtheitsskala. Nur japanische Touristen werden in diesen Rankings noch häufiger als besonders positiv hervorgehoben. Die Gründe hierfür sind klar definiert: Deutsche gelten als ordentlich, höflich und fallen durch eine angenehme Zurückhaltung auf, insbesondere in Bezug auf die Lautstärke in Restaurants. Einzig bei der Großzügigkeit – dem Trinkgeldverhalten – gibt es gelegentlich Abzüge in der B-Note, da deutsche Gäste als knausrig wahrgenommen werden. Da jedoch das Management und nicht das Servicepersonal befragt wurde, fällt dieser Aspekt kaum ins Gewicht.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die negative Sicht auf die eigenen Landsleute ist kein rein deutsches Phänomen, aber die Intensität, mit der sich Deutsche für ihr eigenes Volk schämen, ist bemerkenswert. Laut vorliegenden Studien teilen nur Briten und Norweger in ähnlichem Maße diesen Fremdscham-Reflex für das Verhalten der eigenen Mitbürger. Interessanterweise zeigt der historische Rückblick, dass solche Schamgefühle oft politisch oder gesellschaftlich kontextualisiert sind. Ein Beispiel hierfür ist die Ära nach der zweiten Amtszeit von Donald Trump, in der sich US-Bürger in Europa aus Scham über ihren Präsidenten häufig als Kanadier ausgaben. Auch bei den Deutschen ist dieses Phänomen der Identitätsverschleierung bekannt, wenngleich es hier eher auf kulturellen Vorurteilen als auf akuten politischen Krisen basiert. Die Unterscheidung zwischen dem „Touristen“, der lediglich Massenkonsum sucht, und dem „Reisenden“, der nach authentischen Erlebnissen strebt, spielt dabei eine zentrale Rolle. Jeder Deutsche, der sich über seine Landsleute ärgert, nimmt für sich selbst in Anspruch, zur zweiten Gruppe zu gehören. Diese psychologische Distanzierung ist ein Schutzmechanismus, um sich von den als peinlich empfundenen Klischees abzugrenzen. Die Studie, die diese Zusammenhänge beleuchtet, deutet darauf hin, dass die Wahrnehmung des „unbeliebten Touristen“ global existiert, aber die spezifische Form der Selbstverachtung ein deutsches Charakteristikum bleibt.

Die Beteiligten – Wer ist betroffen und wer entscheidet?

Im Zentrum dieser Debatte stehen primär die deutschen Urlauber selbst, die sich durch ihr eigenes Verhalten oder das ihrer Mitbürger in eine Identitätskrise im Ausland manövriert fühlen. Auf der anderen Seite stehen die internationalen Hotelmanager, deren Einschätzungen die Grundlage für die objektive Bewertung der deutschen Gäste bilden. Diese Institutionen – also die Hotellerie in den jeweiligen Urlaubsländern – sind es, die entscheiden, wer als angenehmer oder unangenehmer Gast wahrgenommen wird. Die Autorin Judith Lembke, Redakteurin im Ressort „Reiseblatt“, ordnet diese Beobachtungen journalistisch ein. Sie beleuchtet, wie das Selbstbild der Deutschen mit der Fremdwahrnehmung kollidiert. Andere Nationalitäten, wie etwa die Chinesen, zeigen ein völlig anderes Verhalten: Trotz internationaler Kritik an ihrem Auftreten sind sie laut Berichten davon überzeugt, beliebte Gäste zu sein. Hier zeigt sich ein deutlicher Kontrast zum deutschen Selbstzweifel. Auch die Japaner werden als Vergleichsgruppe angeführt, deren Verhalten – etwa das kollektive Falten von Decken nach einem Flug oder das Mitnehmen des eigenen Abfalls – als Goldstandard für ordentliches Verhalten gilt. Die Entscheidung, wer als „beliebt“ gilt, liegt also letztlich bei den Gastgebern, während die Deutschen sich in einer selbst auferlegten Schamrolle verlieren.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist das so: Die Diskrepanz zwischen dem deutschen Selbstbild und der internationalen Realität ist ein klassisches Beispiel für eine verzerrte Wahrnehmung. Den Berichten zufolge leiden Deutsche unter einer Form der „kulturellen Über-Reflexion“. Während man sich in Deutschland intensiv mit der Frage beschäftigt, wie man im Ausland wahrgenommen wird, ist diese Sorge im internationalen Vergleich eher unbedeutend. Die Einstufung der Deutschen als ordentliche und höfliche Gäste durch Hotelmanager zeigt, dass die gefürchteten Klischees – wie das Handtuch-Reservieren – in der professionellen Bewertung kaum eine Rolle spielen. Es ist ein Ausdruck von Zweckoptimismus oder möglicherweise auch kultureller Selbstsicherheit, dass beispielsweise chinesische Touristen trotz gegenteiliger Wahrnehmungen an ihrem positiven Selbstbild festhalten. Die Deutschen hingegen neigen dazu, sich durch die Brille ihrer eigenen Vorurteile zu betrachten. Diese Selbstkritik ist jedoch, so die Einordnung, in der Praxis völlig unbegründet. Die internationale Tourismusbranche schätzt die Zuverlässigkeit und die Ruhe, die deutsche Gäste an den Tag legen, weit mehr als das gelegentliche Ausbleiben von übermäßigem Trinkgeld, das als „Knausrigkeit“ interpretiert wird. Die Angst vor dem „peinlichen Deutschen“ ist somit eher ein internes deutsches Problem als eine reale Bedrohung für den Ruf des Landes im Ausland.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte offen, die für ein tieferes Verständnis des Themas hilfreich wären. So wird zwar erwähnt, dass Hotelmanager die Deutschen auf die vorderen Plätze der Beliebtheitsskala setzen, doch es fehlen konkrete Daten oder Namen der Studien, auf die sich diese Aussagen stützen. Es bleibt unklar, in welchen spezifischen Regionen oder Ländern genau diese Befragungen durchgeführt wurden und ob es regionale Unterschiede in der Wahrnehmung gibt – etwa ob deutsche Touristen in Italien anders bewertet werden als in Thailand. Auch die Frage, warum genau die Deutschen neben Briten und Norwegern zu dieser spezifischen Form der Selbstscham neigen, wird zwar psychologisch angedeutet, aber nicht weiter wissenschaftlich vertieft. Zudem bleibt offen, wie sich das Verhalten der Touristen in den letzten Jahren durch soziale Medien oder veränderte Reisegewohnheiten tatsächlich gewandelt hat. Die Frage, ob die „unbeliebten“ Nationalitäten wie Russen, Franzosen oder Chinesen tatsächlich objektive Gründe für ihre Platzierung liefern oder ob hier ebenfalls nur Klischees bedient werden, wird im Text lediglich angerissen, aber nicht durch belastbare Fakten untermauert. Auch die genaue Methodik der Hotelmanager-Befragungen bleibt im Dunkeln, was eine abschließende wissenschaftliche Bewertung der Beliebtheitsskala erschwert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/schloss-herrenhausen-in-hannover-deutschland-38260918/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/urlaub-im-ausland-die-deutschen-sind-beliebter-als-gedacht-201164251.html