Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich
Der aktuelle Roman von Valeria Gordeev, „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, hat sich in der literarischen Öffentlichkeit als einer der bedeutendsten Anwärter auf den Deutschen Buchpreis etabliert. Die Autorin, die bereits 1986 in Tübingen als Kind sowjetischer Auswanderer geboren wurde, legt mit diesem über 600 Seiten umfassenden Werk eine komplexe Erzählung vor, die weit über das Genre eines klassischen Gegenwartsromans hinausgeht. Der Roman, der im S. Fischer Verlag erschienen ist, verwebt verschiedene Erzählstränge, die von der russischen Hauptstadt Moskau bis in die deutsche Metropole Berlin reichen. Im Zentrum steht dabei die Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen der heutigen Zeit, wobei Gordeev das aktuelle Russland in einer Weise porträtiert, die sowohl satirische als auch phantastische Züge trägt. Die Handlung setzt sich aus einer Vielzahl von Perspektiven zusammen, die erst gegen Ende des Buches in einer dichten, wenn auch bewusst bruchstückhaften Struktur aufeinandertreffen. Dass Gordeev ein solch ambitioniertes Werk vorlegt, wird von Kritikern als bemerkenswerte Leistung für eine Autorin ihres Alters gewertet, die bereits durch ihre Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im Jahr 2023 große Aufmerksamkeit auf sich zog.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Die Handlung des Romans erstreckt sich über mehr als 636 Seiten und wurde im Jahr 2026 im S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main veröffentlicht. Ein zentraler Handlungsort ist Moskau, wo das Institut für biologische Strukturen angesiedelt ist, welches sich in unmittelbarer Nähe zum Lenin-Mausoleum befindet. Der Protagonist Konstantin Molot arbeitet dort unter skurrilen Bedingungen. Seine Schwester Lada hingegen lebt in Berlin, wo sie mit den Folgen einer systematischen Entmietung ihres Wohnhauses kämpft. Eine weitere wichtige Figur ist die Mutter Nadja, die ukrainischer Abstammung ist und für die telefonische Pilzberatung einer deutschen „Mykologischen Gesellschaft“ tätig ist. Zu den weiteren Charakteren zählen ein im Exil lebender russischer Oligarch, der als Patenonkel fungiert, sowie ein bolivianischer Stigma-Experte, dessen Reisebericht gegen Ende des Romans in drei Abschnitten eingefügt ist. Politisch spielt der Roman in einem Russland, in dem der amtierende Präsident durch einen kuriosen Hubschrauberunfall ums Leben kommt – ausgelöst durch den Versuch, einen Schneeleoparden aus der Luft zu füttern. Sein Nachfolger wird der Premierminister Karpow. Diese Ereignisse spiegeln laut der im Buch zitierten Agenturmeldung eine absurde Realität wider, die Gordeev satirisch verarbeitet.
Hintergrund – Die Entstehungsgeschichte
Die literarische Entwicklung von Valeria Gordeev lässt sich eng mit ihrem Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt Ende Juni 2023 verknüpfen. Damals präsentierte sie einen Text mit dem Titel „Er putzt“, der von der Jury einstimmig ausgezeichnet wurde. Dieser Text, der die obsessive Reinlichkeit eines jungen Mannes thematisiert, fand später Eingang in den nun vorliegenden Roman, nimmt dort jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle ein. Der Roman entstand in einer Zeit, in der das heutige Russland durch den Ukrainekrieg und die damit verbundenen politischen Spannungen geprägt ist. Gordeev greift dabei auch den gescheiterten Aufstand der Wagner-Söldnergruppe unter Jewgeni Prigoschin vom Juni 2023 auf, der im Roman eine direkte Entsprechung findet. Die Autorin nutzt diese realen politischen Ereignisse als Folie für ihre fiktionale Erzählung, wobei sie die Grenzen zwischen historischer Realität und satirischer Überhöhung bewusst verwischt. Die Entstehungsgeschichte des Romans ist somit eng mit der aktuellen geopolitischen Lage verknüpft, wobei Gordeev bewusst entscheidet, die düstere Kontinuität der russischen Diktatur durch eine phantastische Farce zu brechen.
Die Beteiligten – Personen und Institutionen
Im Zentrum des Geschehens stehen die Geschwister Konstantin und Lada Molot, deren Lebenswelten in Moskau und Berlin durch die Handlungen ihres Patenonkels, eines exilierten Oligarchen, miteinander verknüpft werden. Konstantin ist in Moskau am Institut für biologische Strukturen tätig, wo er sich mit der Konservierung der Leiche Lenins befasst und gleichzeitig im Auftrag seines Onkels Präparate entwendet. Lada hingegen ist in Berlin mit der sozialen Kälte des Immobilienmarktes konfrontiert, wobei ihre Mitbewohnerin Hanne, die taub ist, eine stille Begleiterin ihres Leidensweges darstellt. Die Mutter Nadja bildet mit ihrer Tätigkeit bei der „Mykologischen Gesellschaft“ eine eigene, fast autarke Erzähllinie. Politisch agieren der fiktive Präsident und sein Nachfolger Karpow als zentrale Figuren der russischen Staatsmacht. Die Institutionen, wie das Institut für biologische Strukturen in Moskau oder die „Mykologische Gesellschaft“, dienen Gordeev als Schauplätze für ihre satirischen Beobachtungen, wobei die Charaktere oft in einem Spannungsfeld zwischen persönlicher Not und den großen politischen Umwälzungen agieren.
Einordnung – Was das bedeutet
Einzuordnen ist der Roman als eine postmoderne Farce, die sich durch eine hohe Dichte an Motiven und eine bewusste Missachtung chronologischer Erzählweisen auszeichnet. Den Berichten zufolge erinnert Gordeevs literarische Strategie an David Foster Wallace, während die Schilderung des russischen Alltags und der Objektskurrilität an Thomas Pynchon denken lässt. Die Einordnung des Werks als „heißer Anwärter“ auf den Deutschen Buchpreis unterstreicht die literarische Qualität, die Gordeev trotz ihrer Jugend bereits erreicht hat. Der Roman ist mehr als nur eine politische Satire; er ist eine Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus, der deutschen Wohnungskrise und dem Neostalinismus. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass die psychologische Tiefe der zentralen Figuren unter der Fülle der skurrilen Episoden zu leiden scheint. Dennoch gelingt es Gordeev, durch den Andeutungsreichtum ihrer Nebenfiguren – etwa der schwangeren Frau in Leningrad – eine emotionale Dichte zu erzeugen, die das mosaizierende Erzählprinzip stützt. Die Einordnung als ein bedeutendes Werk der Gegenwartsliteratur scheint somit gerechtfertigt, auch wenn die kompositorische Komplexität den Leser fordert.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Handlung bewusst offen oder geht nicht in die nötige Tiefe, um alle Fragen zu klären. So bleibt beispielsweise die genaue Art der Tätigkeit, der Konstantin Molot am Institut für biologische Strukturen nachgeht, weitgehend im Unklaren. Auch die Rolle des bolivianischen Stigma-Experten, dessen Reisebericht gegen Ende des Romans eingestreut wird, bleibt für die Haupthandlung rätselhaft; es wird nicht explizit dargelegt, wie seine Beobachtungen mit dem Schicksal der Geschwister oder dem politischen Umbruch in Moskau final zusammenlaufen. Ebenso bleibt die Motivation des Patenonkels, der die Geschwister für seine Zwecke einspannt, in ihren letzten Konsequenzen vage. Die Verbindung zwischen der Pilzkunde, die Nadja betreibt, und der Haupthandlung wird zwar als „köstliche Seitenlinie“ beschrieben, eine inhaltliche Relevanz oder eine tiefere symbolische Verknüpfung wird jedoch nicht weiter ausgeführt. Der Leser erfährt zudem nicht, wie sich die politische Zukunft unter Karpow nach dem Ende des Buches konkret gestaltet, da die Erzählung abbricht, bevor alle Stränge zu einem Ganzen verschmelzen.
Wie es weitergeht – Ausstehende Entwicklungen
Die unmittelbare Zukunft des Romans entscheidet sich mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises, für den das Werk nominiert ist. Ob Gordeev sich gegen andere Konkurrenten, wie etwa Shida Bazyar mit ihrem Roman „Die Lücken“, durchsetzen kann, bleibt abzuwarten. Die literarische Debatte um das Werk wird zweifellos anhalten, insbesondere hinsichtlich der Frage, wie ein deutscher Roman das heutige Russland angemessen thematisieren kann. Für die Leserschaft bedeutet das Erscheinen des Romans, dass sie sich auf eine komplexe Lektüre einlassen muss, die keine einfachen Antworten liefert. Weitere Schritte oder Termine, etwa Lesereisen oder öffentliche Diskussionen mit der Autorin, werden im Quelltext nicht explizit genannt, doch die Nominierung garantiert eine anhaltende Aufmerksamkeit in den Feuilletons. Die Entscheidung der Jury wird zeigen, ob die experimentelle, mosaizierende Konstruktion des Romans als zukunftsweisend für die deutsche Literatur angesehen wird oder ob die Kritik an der psychologischen Zeichnung der Hauptfiguren das Urteil beeinflussen wird.