Ein sommerlicher Ausklang in Marseille
Bevor der offizielle Kunstherbst in den französischen Metropolen, allen voran in Paris, mit seinen zahlreichen Ausstellungseröffnungen und großen Messen beginnt, bietet Marseille eine erfrischende Alternative. Die Kunstmesse Art-O-Rama markiert seit fast zwei Jahrzehnten einen festen Termin zum „Rentrée“, dem Ende der sommerlichen Ruhephase. In der Hafenstadt zelebriert man mit dieser Veranstaltung eine besondere Leichtigkeit, die sich deutlich von den oft steifen Abläufen großer internationaler Kunstevents abhebt. Die Messe findet auf dem Gelände der „Friche la Belle de Mai“ statt, einer ehemaligen Industriefläche, die heute als Kulturzentrum fungiert. Das Areal, geprägt durch Graffiti und einen Skatepark, bildet einen unkonventionellen Rahmen für die Präsentation zeitgenössischer Kunst. Mit einer überschaubaren Anzahl von 35 Galerien gelingt es den Veranstaltern, eine Atmosphäre zu schaffen, die weniger auf den kommerziellen Druck ausgerichtet ist als vielmehr auf den Austausch und die Entdeckung junger, aufstrebender Positionen. Hier treffen sich nicht nur Sammler, sondern auch zahlreiche Museumskuratoren, die die Messe als letzten Stopp ihrer Sommerreise an der Côte d’Azur nutzen, um die Entwicklungen der jungen Kunstszene in entspanntem Ambiente zu begutachten.
Die Details der Messepräsentation
Die Art-O-Rama verzichtet bewusst auf den glanzvollen Pomp, den man von anderen Kunstmessen kennt. Statt Champagner-Empfängen und aufwendigen VIP-Programmen stehen hier die Werke und die Vernetzung im Vordergrund. Die Kosten für eine Messekoje sind mit 3600 Euro vergleichsweise moderat angesetzt, was den Galeristen ermöglicht, auch risikoreichere oder weniger marktgängige Arbeiten zu zeigen. Ein Beispiel für diese Freiheit ist die Installation „Anew“ des japanisch-schweizerischen Duos Enterprise, präsentiert von der Galerie Hayashi + Art Bridge aus Japan. Die Arbeit, die mit rund 10.000 Euro dotiert ist, besteht aus auseinandergesägten Strommasten, die in der Koje gestapelt wurden. Sie thematisiert die Veränderung der Landschaft durch den rasanten Ausbau digitaler Infrastruktur. Ein weiteres Highlight ist die Arbeit von Max Blotas, vertreten durch die DS Gallery aus Paris. Die Installation „Le Dauphin / Private Eyes“ kostet 16.000 Euro und ist in künstlichen Lüftungsschächten verborgen. Sie zeigt im Maßstab 1:20 einen Underground-Nachtklub, dessen Geschehen live auf einen Monitor übertragen wird. Die Galerie Miłość aus London hingegen setzt auf Intimität: Ihr in Rosa gehaltener Stand zeigt Werke des Ehepaars Sophie und Douglas Cantor, darunter einen mit Großkatzen bemalten Paravent für 19.500 Euro sowie kleinere Selbstporträts für 1750 Euro.
Ein Rückblick auf die Ursprünge
Die Geschichte der Art-O-Rama ist eng mit dem Engagement ihres Gründers Jérôme Pantalacci verbunden, der die Messe im Jahr 2007 ins Leben rief. Der Ursprung des Projekts liegt jedoch weiter in der Vergangenheit. Pantalacci war langjähriger Mitarbeiter des Galeristen Roger Pailhas, der bereits 1996 ein ähnliches Konzept unter dem Namen „Art Dealers“ etablierte. Damals präsentierten lediglich acht Galeristen, darunter renommierte Namen wie Yvon Lambert, ihre Arbeiten in einer Halle am alten Hafen von Marseille. Lambert brachte seinerzeit bedeutende Künstler wie Cy Twombly oder Sol LeWitt in die südfranzösische Stadt. Nach dem Tod von Pailhas im Jahr 2005 führte Pantalacci die Idee fort und entwickelte sie zu der heutigen Messe weiter. Das Ziel war und bleibt es, eine Plattform zu schaffen, auf der sich Galeristen gegenseitig unterstützen und Künstler austauschen können. Diese historische Kontinuität ist ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses der Messe, die sich als Gegenentwurf zu den großen, anonymen Kunstmessen versteht und den Fokus konsequent auf die Zusammenarbeit legt.
Die Akteure und ihre Kooperationen
Die Art-O-Rama zeichnet sich durch eine ungewöhnlich starke Vernetzung der teilnehmenden Galerien aus. Ein Beispiel für diese gelebte Kooperation ist die DS Gallery aus Paris, die sich ihren Stand mit der Galerie Xxijra Hii aus London teilt. Die beiden Akteure haben sich vor drei Jahren auf der Messe kennengelernt und teilen sich seither nicht nur die Standfläche, sondern auch die Kosten. Diese Zusammenarbeit soll in Zukunft sogar auf die jeweiligen Galerieräume in London und Paris ausgeweitet werden. Auch die Galerie Zyrland Zoiropa aus Berlin, die bereits zum zweiten Mal teilnimmt, setzt auf Partnerschaft und teilt sich den Stand mit der Galerie The Horse aus Dublin. Gemeinsam präsentieren sie ein breites Spektrum, das von den kleinformatigen Aquarellen von Inigo Batterhams (600 Euro) bis zu den skulpturalen Papier-T-Shirts von Alistair Frost reicht. Diese Form der Zusammenarbeit ist genau das, was Pantalacci bei der Konzeption der Messe im Sinn hatte: Die Galerien bewerben sich mit eigens entwickelten Projekten und gestalten ihre Kojen selbst, was den individuellen Charakter der Präsentation unterstreicht.
Einordnung der künstlerischen Strategien
Einzuordnen ist die Art-O-Rama als eine Messe, die den Fokus auf den Prozess und die Vernetzung legt, statt auf den reinen Verkaufserfolg. Den Berichten zufolge ermöglicht die geringe finanzielle Belastung für die Galeristen eine kuratorische Freiheit, die auf größeren Messen oft fehlt. Die ausgestellten Werke spiegeln aktuelle gesellschaftliche Themen wider, etwa die Digitalisierung oder den Verlust von Freiräumen für die Klubkultur. Die Arbeit von Max Blotas wird hierbei als besonders zeitgemäß wahrgenommen, da sie eine schwindende Subkultur in einem musealen, aber dennoch lebendigen Kontext konserviert. Die Entscheidung der Galerie Miłość, ihren Stand durch einen bemalten Paravent vom Messetrubel abzugrenzen, unterstreicht den Wunsch nach einer intimen Auseinandersetzung mit den Werken. Diese Strategien verdeutlichen, dass die Messe nicht nur als Verkaufsplattform fungiert, sondern als ein Ort, an dem sich Künstler und Galeristen mit den drängenden Fragen der Zeit auseinandersetzen, ohne dabei den sommerlichen, leichten Ton des Standorts Marseille zu verlieren.
Offene Fragen zur Zukunft der Messe
Obwohl die Art-O-Rama ein etablierter Bestandteil des Kunstkalenders geworden ist, lässt der Quelltext einige Fragen offen. Es wird nicht explizit thematisiert, wie sich die Messe langfristig gegen die wachsende Konkurrenz durch andere europäische Kunstmessen behaupten will, insbesondere wenn der Druck auf den Kunstmarkt insgesamt zunimmt. Auch bleibt unklar, wie die Finanzierung der Messe über die Standgebühren hinaus gesichert ist und welche Rolle öffentliche Fördergelder oder private Sponsoren spielen könnten, um das Konzept der „Friche la Belle de Mai“ als Ausstellungsort dauerhaft zu erhalten. Zudem wird nicht ausgeführt, inwieweit die Messe beabsichtigt, ihre Größe in den kommenden Jahren zu verändern oder ob man bewusst bei der kleinen, familiären Struktur bleiben möchte. Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Lage auf die Kaufkraft der Sammler, die die Messe besuchen, werden ebenfalls nicht weiter vertieft, ebenso wenig wie die langfristigen Pläne für eine internationale Expansion der Kooperationen zwischen den teilnehmenden Galerien.
Ausblick und laufende Veranstaltungen
Die Art-O-Rama läuft noch bis zum 30. August 2026. Besucher haben bis zu diesem Datum die Möglichkeit, die Messe in der „Friche la Belle de Mai“ zu besichtigen, wobei der Eintritt 12 Euro beträgt. Parallel zur Messe findet in Marseille das Performancefestival Systema statt, was die kulturelle Dichte in der Stadt zusätzlich erhöht. Zudem wird darauf hingewiesen, dass eine Vielzahl von Projekträumen in Marseille neue Ausstellungen eröffnet hat, was die Stadt zu einem lohnenden Ziel für Kunstinteressierte macht. Ob die Messe nun das Ende des Sommers markiert oder als Auftakt für den Kunstherbst dient, bleibt eine Frage der Perspektive. Fest steht jedoch, dass die Veranstaltung ein breites Spektrum an zeitgenössischer Kunst bietet, das weit abseits der Pariser Pfade liegt. Die kommenden Tage werden zeigen, wie sich die Vernetzung der Galerien weiterentwickelt und welche Impulse von diesem sommerlichen Treffen in Marseille für die kommenden Monate ausgehen werden, während die Kunstwelt gespannt auf die weiteren Entwicklungen in Frankreich blickt.