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Kunstmesse in Dänemark: Bloß nicht den Kopf verlieren!
Kultur · 29.08.2026 12:00

Kunstmesse in Dänemark: Bloß nicht den Kopf verlieren!

Kurz: Die Kopenhagener Kunstmesse CHART setzt in diesem Jahr auf Bescheidenheit, Gemeinschaft und skandinavische Identität statt auf reinen Kommerz.

Ein neues Kapitel der Bescheidenheit in Kopenhagen

Die diesjährige Ausgabe der CHART Art Fair in Kopenhagen markiert eine bewusste Abkehr von monumentalen Gesten hin zu einer Atmosphäre der Konzentration und des gemeinschaftlichen Innehaltens. Während die Eröffnung der wichtigsten skandinavischen Messe für zeitgenössische Kunst noch bei strahlendem Sonnenschein in den historischen Räumen der Kunsthalle Charlottenborg gefeiert wurde, brachte der zweite Tag eine klimatische Wende. Der einsetzende Regen und die kühleren Temperaturen wirkten für die Aussteller wie eine willkommene Erleichterung nach einem ungewöhnlich heißen August. Die Kunsthalle, ein ehemaliges Schloss und heutiger Sitz der Königlichen Dänischen Kunstakademie, bietet den perfekten Rahmen für dieses Ereignis, das sich in diesem Jahr durch eine spürbare Bescheidenheit auszeichnet. Das Motto „Shared Realities“ – gemeinsame Wirklichkeiten – spiegelt den Wunsch wider, in einer zunehmend digital fragmentierten Welt einen Raum für echte Begegnungen und konzentrierte Betrachtung zu schaffen. Die Messeleitung betont, dass es gerade in Zeiten allgemeiner gesellschaftlicher Unsicherheit wichtig sei, den Fokus auf Qualität und gemeinschaftliches Erleben zu legen, anstatt den üblichen hektischen Marktmechanismen zu folgen.

Die Details der Präsentationen und das Tivoli-Konzept

Ein zentraler Bestandteil der CHART ist die Einbindung des historischen Tivoli-Vergnügungsparks, der weit über Dänemark hinaus für seine Attraktionen und Gartenanlagen bekannt ist. Seit vier Jahren nutzt die Messe das Gelände für skulpturale Interventionen. Während in der Vergangenheit großformatige Arbeiten dominierten, die das übliche Messeformat gesprengt hätten, präsentiert sich das diesjährige Konzept deutlich zurückhaltender. Zwölf Beiträge wurden auf das Blumenparterre des Parks begrenzt, wobei die meisten Skulpturen kaum über die umgebende Vegetation hinausragen. Diese Entscheidung korrespondiert mit einem allgemeinen Trend zum kleineren Format, der sich auch in den Messekojen widerspiegelt. Zu den bemerkenswerten Werken im Tivoli gehört eine kleine Herde kopflos weidender schwarzer Schafe des schwedischen Künstlers Ulf Jevin, die von der Galerie Arnstedt aus Östra Karup betreut wird. Ebenfalls zu sehen ist eine Marmorbüste der Wettergöttin Asiaq aus der grönländischen Mythologie, geschaffen von Martin Brandt Hansen. Die Arbeit, die von der Kopenhagener Galerie Andersen’s Contemporary präsentiert wird, besticht durch ihre fließenden Formen, die an Wolkenbilder erinnern und als subtile Reflexion über den Klimawandel gedeutet werden können.

Grönland als kultureller und politischer Ankerpunkt

Die historische und aktuelle Verbundenheit Dänemarks mit Grönland findet auf der CHART einen starken künstlerischen Niederschlag. Die Wilson Saplana Gallery aus Kopenhagen widmet sich in diesem Jahr unter anderem dem Werk des Fotografen Inuuteq Storch, der Dänemark bereits auf der Venedig-Biennale repräsentiert hat. Seine großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen ein erhabenes Panorama schneebedeckter Berge, in denen winzige menschliche Figuren auf Eisschollen agieren. Die Galeristin Christina Wilson berichtet, dass das Interesse an Storch im vergangenen Jahr sprunghaft anstieg, als die politische Rhetorik der Vereinigten Staaten bezüglich Grönlands an Schärfe gewann. Inzwischen ist eine Phase der Ruhe eingekehrt, die es ermöglicht, die künstlerische Qualität wieder stärker in den Fokus zu rücken. Die Preisgestaltung in der Koje von Wilson Saplana, die wie alle anderen Bereiche der Messe offen und ohne strikte Hierarchien gestaltet ist, bewegt sich in einem Spektrum zwischen 2.500 und 44.000 Euro. Dies unterstreicht den Anspruch der Messe, sowohl für etablierte Sammler als auch für ein jüngeres Publikum zugänglich zu bleiben, insbesondere durch die gezielte Förderung aufstrebender Galerien im Bereich „Please Notice“.

Die Philosophie der Gemeinschaft und die Stiftungsstruktur

Die CHART Art Fair verfolgt seit ihrer Gründung im Jahr 2013 eine Philosophie, die den Gemeinschaftsgedanken über den reinen Profit stellt. Ursprünglich von fünf Kopenhagener Galerien ins Leben gerufen, wird die Messe heute von einer nicht gewinnorientierten Stiftung getragen. Dies ermöglicht eine demokratische Herangehensweise, die sich in einem umfangreichen Rahmenprogramm manifestiert, das von Videokunstvorführungen und Vorträgen bis hin zu Performances und Konzerten reicht. Auch die Einbindung öffentlicher Räume, etwa durch Kunst in der Metro, unterstreicht diesen integrativen Ansatz. Für die 37 teilnehmenden Galerien, die ausschließlich aus Skandinavien stammen oder eine enge Verbindung zur Region aufweisen, steht die kollegiale Zusammenarbeit im Vordergrund. Bo Bjerggaard, einer der Gründer, betont, dass man sich eher als Kollegen denn als Konkurrenten verstehe. Diese familiäre Struktur, die an ein Sippentreffen erinnert, soll dazu dienen, die nordische Kunstszene klarer zu profilieren und durch Kontinuität sowie Loyalität Stabilität in einem volatilen Markt zu gewährleisten. Die Werke an seinem Stand, darunter ein Gemälde von Tal R für knapp 91.000 Euro, spiegeln die spielerische Vielfalt wider, die die Messe auszeichnet.

Einordnung der künstlerischen Vielfalt und Gattungen

Ein wesentliches Merkmal der CHART ist die Abwesenheit einer rein malereizentrierten Ausrichtung. Stattdessen bietet die Messe eine breite Palette an künstlerischen Gattungen, die in den offenen Kojen gleichberechtigt nebeneinander existieren. Die Kopenhagener Galeristin Susanne Ottesen, ebenfalls Mitgründerin der Messe, präsentiert beispielsweise die mannshohen Aquarelle von Kehnet Nielsen in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Glasköpfen des 79-jährigen Bildhauers Bjørn Nørgaard. Diese Arbeit mit dem Titel „7 Frères d’Outre-Tombe“ wirkt wie ein stummes Gespräch und zeugt von der ungebrochenen schöpferischen Energie des Künstlers. Andere Galerien setzen auf noch experimentellere Ansätze: Dorothée Nilsson aus Berlin zeigt eine Fotoserie ausgebrannter Blitzlampen von Marike Schuurman, während die V1 Gallery aus Kopenhagen Tattoo-Motive in Form schräger Keramiken von Rose Eken offeriert. Berg Contemporary aus Reykjavík steuert technoide Plexiglasarbeiten der jungen Þórdís Erla Zoëga bei. Diese Vielfalt wird von den Beteiligten als große Stärke empfunden, da sich die unterschiedlichen Arbeiten gegenseitig Halt geben und ein kohärentes, wenn auch heterogenes Gesamtbild der nordischen Gegenwartskunst erzeugen.

Offene Fragen zur Marktentwicklung und Zukunft

Obwohl die CHART Art Fair ein klares Profil zeigt, bleiben einige Fragen hinsichtlich der langfristigen Entwicklung des Kunstmarktes unbeantwortet. Der Quelltext thematisiert zwar den Trend zum kleineren Format und die Zurückhaltung der Käufer, lässt jedoch offen, wie sich diese Entwicklung konkret auf die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der beteiligten Galerien auswirkt. Auch die Auswirkungen der globalen wirtschaftlichen Unsicherheit auf die Preisstabilität im mittleren und gehobenen Segment werden nur angedeutet, nicht aber detailliert analysiert. Ebenso bleibt unklar, wie die Messe ihre Rolle als „demokratisierendes“ Element der Kultur in Zukunft gegen den Druck einer zunehmenden Kommerzialisierung verteidigen will, insbesondere angesichts der Konkurrenz durch andere Formate wie die parallel stattfindende ENTER Art Fair. Die Frage, inwieweit das Konzept der „Shared Realities“ über den Zeitraum der Messe hinaus Bestand haben kann, bleibt ebenfalls offen. Es fehlen konkrete Angaben darüber, welche langfristigen Strategien die Stiftung verfolgt, um die skandinavische Kunstszene gegen internationale Megagalerien zu behaupten, die zunehmend den globalen Markt dominieren.

Ausblick und laufende Veranstaltungen

Die CHART Art Fair läuft noch bis zum 30. August in der Kunsthalle Charlottenborg. Parallel dazu findet in Kopenhagen die ENTER Art Fair im Lokomotivværkstedet statt, die ebenfalls bis zum 30. August besucht werden kann. Für Kunstinteressierte bietet sich somit ein dichtes Programm, das den aktuellen Stand der zeitgenössischen Kunst in der Region abbildet. Die Entscheidung der CHART, das Rahmenprogramm und die Installationen im Tivoli bis Ende September beizubehalten, deutet darauf hin, dass die Messe ihre Präsenz über den eigentlichen Verkaufszeitraum hinaus verlängern möchte, um eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen. Weitere Entscheidungen über die künftige Ausrichtung der Messe oder mögliche Erweiterungen des Teilnehmerkreises wurden im Quelltext nicht explizit angekündigt. Die kommenden Tage werden zeigen, wie das Publikum auf die bescheidenere, aber inhaltlich dichte Präsentation reagiert und ob sich das Modell der gemeinschaftlichen Stiftungsmesse als tragfähige Alternative zu den großen, rein profitorientierten Kunstmessen langfristig behaupten kann. Die Termine für das kommende Jahr stehen noch aus, doch die aktuelle Ausgabe setzt bereits jetzt Maßstäbe für eine neue Art der Messekultur.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-gebaude-reise-20816760/ · Foto: Mihai Vlasceanu
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/kunstmesse-chart-in-kopenhagen-2026-accg-201167349.html