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Preußen-museum Wustrau: So könnte uns Preußen wieder gefallen
Kultur · 29.08.2026 21:47

Preußen-museum Wustrau: So könnte uns Preußen wieder gefallen

Kurz: Das Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau bietet eine neue, vielschichtige Perspektive auf ein historisches Thema, das in deutschen Museen derzeit kaum präsent

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das Brandenburg-Preußen-Museum im brandenburgischen Wustrau, einem Ortsteil der Gemeinde Fehrbellin nahe Neuruppin, hat sich als bemerkenswerte Ausnahme in der deutschen Museumslandschaft etabliert. Während das Thema Preußen in großen deutschen Institutionen derzeit kaum noch eine Rolle spielt oder gar bewusst aus den Programmen verbannt wurde, präsentiert das Haus in Wustrau eine grundlegend überarbeitete Dauerausstellung. Unter dem Titel „Kopfgeburt Preußen“ wurde nach einer zweijährigen Schließzeit und umfassenden Sanierungsarbeiten ein Konzept vorgestellt, das die Geschichte Preußens nicht als lineare Abfolge glorreicher Ereignisse, sondern als komplexes Geflecht aus Widersprüchen und verschiedenen Perspektiven begreift. Die Ausstellung, die maßgeblich vom Historiker und Museumsdirektor Christian Arpasi verantwortet wird, versucht, das oft belastete Erbe Preußens durch eine neue, differenzierte Betrachtungsweise für das Publikum wieder zugänglich und verständlich zu machen. Dabei werden sowohl die machtpolitischen Aspekte als auch die kulturellen und gesellschaftlichen Facetten des Staates beleuchtet, ohne in die einseitige Verherrlichung oder die reine Ablehnung zu verfallen.

Die Einzelheiten der Ausstellung

Die neue Dauerausstellung in Wustrau ist nach fünf zentralen Leitbegriffen strukturiert: Expansion, Effizienz, Innovation, Pragmatismus und Autorität. Besucher werden bereits im Eingangsbereich von einer audiovisuellen Inszenierung begrüßt, bei der vier Herrscherköpfe im Profil an roten Stangen schweben. Durch Lichtimpulse aktiviert, artikulieren diese Köpfe ihre jeweiligen historischen Leistungen: den Wiederaufbau nach Ruinen, die Eingliederung in die europäischen Königreiche, die Stärkung der Armee und den Aufstieg zur Großmacht. Besonders markant ist dabei die Darstellung Friedrichs des Großen, der an seiner Nase und seinem spitzen Hut erkennbar ist. Die Ausstellung nutzt eine Vielzahl an Exponaten, um diese Begriffe zu illustrieren. So findet sich unter dem Punkt „Autorität“ neben Herrscherporträts eine Wahlurne aus der Weimarer Republik, ein Symbol für die Zeit, als Preußen ein demokratisches Bollwerk der Sozialdemokratie war. Der Bereich „Innovation“ zeigt ein Holzmodell der Franckeschen Stiftungen sowie das Modell eines Dampfseglers. Der „Pragmatismus“ wird durch die Büste des Aufklärers Moses Mendelssohn repräsentiert, während die „Expansion“ mit einem Gipsabguss einer pruzzischen Babe beginnt, einer steinernen Frauenfigur aus dem neunten Jahrhundert, die später als Grenzstein diente.

Hintergrund und historische Einordnung

Die Geschichte des Museums in Wustrau ist eng mit seinem Gründer, dem Bankier Ehrhardt Bödecker, verknüpft. Bödecker, der das Museum aus privater Hand finanzierte und mit Stücken aus seiner Sammlung bestückte, vertrat in den Jahren vor seinem Tod 2016 nationalistische und judenfeindliche Thesen. Dies führte dazu, dass seine Stifterplakette vor fünf Jahren aus dem Humboldt-Forum entfernt wurde. Unter seiner Ägide war das Museum in Wustrau stark auf die Verherrlichung des Hauses Hohenzollern ausgerichtet, was sich in der Präsentation von Uniformen, Waffen und Schlachtengemälden widerspiegelte. Erst unter der Leitung seines Sohnes Andreas Bödecker und später unter dem Historiker Christian Arpasi, der 2020 die Direktion übernahm, vollzog sich ein grundlegender Wandel. Die heutige Stiftung hat das Ziel, das Museum von der ideologischen Last der Vergangenheit zu befreien und eine wissenschaftlich fundierte, vielschichtige historische Aufarbeitung zu leisten. Die Sanierung und die Neukonzeption der Ausstellung spiegeln diesen Prozess der Distanzierung von einer rein nationalistischen Geschichtsbetrachtung wider, hin zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit dem preußischen Erbe.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Die Neuausrichtung des Hauses ist das Ergebnis eines langen Prozesses, an dem verschiedene Akteure beteiligt waren. Andreas Bödecker, der Sohn des Gründers, spielte eine entscheidende Rolle bei der Öffnung des Museums für neue wissenschaftliche Standards, indem er den Objektbestand durch Leihgaben und Alltagsgegenstände erweiterte. Christian Arpasi, der seit 2020 als Direktor fungiert, hat als wissenschaftlicher Leiter die inhaltliche Neugestaltung maßgeblich geprägt. Er betont, dass das „eigentlich Preußische“ in den Widersprüchen liege. Neben diesen Personen ist die Stiftung zu nennen, die heute die Trägerschaft innehat und für den Betrieb verantwortlich zeichnet. Auch die Ausstellungsarchitekten trugen durch ihre bewusste Farbgestaltung – etwa das Karmesinrot für die Expansionspolitik oder das Grün für die Aufklärung – zur Vermittlung dieser komplexen Inhalte bei. Im Gegensatz dazu stehen Institutionen wie das Deutsche Historische Museum in Berlin, dessen Dauerausstellung derzeit aufgrund von Sanierungsarbeiten am Zeughaus bis mindestens 2030 nicht zugänglich ist, oder das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam, das sich in „Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte“ umbenannt hat und den Fokus auf andere Themen verschiebt.

Einordnung der aktuellen Situation

Den Berichten zufolge ist die aktuelle Zurückhaltung gegenüber preußischen Themen in deutschen Museen ein Resultat aus verschiedenen Faktoren. Der jahrelange Streit um die Besitzansprüche des Hauses Hohenzollern hat die Verbandelungen monarchistischer Kreise mit den Nationalsozialisten in den Fokus gerückt und das Interesse des liberalen Bürgertums an preußischer Geschichte erkalten lassen. Auch der publizistische Misserfolg des Humboldt-Forums im Berliner Schloss wird als Grund für das Ende der Preußen-Euphorie angeführt. Einzuordnen ist die Situation in Wustrau daher als ein bewusster Gegenentwurf. Während große Häuser das Thema Preußen weitgehend meiden, besetzt das kleine Privatmuseum in Wustrau eine Nische. Es gelingt ihm, das Preußentum aus der Ecke der politischen Rechten zu lösen, die zwar noch von „preußischen Tugenden“ raunt, diese aber selbst kaum praktiziert. Die Ausstellung in Wustrau bietet stattdessen ein Panorama eines Staates, der an seinen eigenen Widersprüchen wuchs, und macht diesen durch eine kluge didaktische Aufbereitung wieder greifbar, ohne dabei in eine unkritische Nostalgie zu verfallen.

Offene Fragen und Lücken

Der Quelltext lässt einige Aspekte der preußischen Geschichte bewusst oder unbewusst aus. So wird explizit erwähnt, dass die Kriege des 19. Jahrhunderts, die den Weg zur Vormachtstellung im Deutschen Kaiserreich ebneten, in der Ausstellung eher in den Hintergrund treten. Ebenso wird konstatiert, dass die bäuerliche Lebenswelt Altpreußens, insbesondere das Leben der Junker und ihrer Leibeigenen, in der Darstellung zu kurz kommt. Auch bleibt offen, wie die breitere Öffentlichkeit außerhalb der Fachwelt auf die Neuausrichtung reagiert und ob das Museum in der Lage sein wird, langfristig eine dauerhafte Relevanz über den Kreis der Preußen-Interessierten hinaus zu etablieren. Zudem gibt der Text keine Auskunft darüber, wie die Finanzierung des Museums nach dem Ende der Ära Bödecker langfristig gesichert ist und welche weiteren inhaltlichen Schwerpunkte für die Zukunft geplant sind, um die „Vielschichtigkeit“ des Themas weiter zu vertiefen.

Wie es weitergeht und Ausblick

Die neue Dauerausstellung „Kopfgeburt Preußen“ ist nun für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Museum in Wustrau, 16818 Wustrau-Altfriesack, hat seine Pforten von Dienstag bis Sonntag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Während andere Institutionen wie das Preußenmuseum in Minden derzeit wegen Umbaus geschlossen sind und erst mit einer neuen Ausstellung namens „Potzblitz Preußen!“ wieder eröffnen wollen, ist Wustrau derzeit einer der wenigen Orte, an denen eine Auseinandersetzung mit der preußischen Geschichte in dieser Form möglich ist. Die Deutsche Richterakademie, die heute im ehemaligen Barockschloss in Wustrau residiert, unterstreicht die historische Kontinuität des Ortes, der einst der Familiensitz des Reitergenerals Hans Joachim von Zieten war. Die Zukunft des Museums wird davon abhängen, ob es gelingt, den eingeschlagenen Weg der wissenschaftlichen Aufarbeitung und der kritischen Distanz beizubehalten und so als Anlaufpunkt für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte zu fungieren, während die großen Museen in Berlin und Potsdam ihre Konzepte erst noch finden oder umsetzen müssen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/elegantes-weisses-gebaude-im-cluj-napoca-park-33692380/ · Foto: gusat silviu
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/brandenburg-preussen-museum-wustrau-so-kommt-uns-preussen-wieder-nah-201147321.html