Was geschehen ist: Die dunkle Seite der fotografischen Entwicklung
Die britische Fotohistorikerin Michelle Henning hat ein Werk vorgelegt, das den Blick auf die Geschichte der Fotografie grundlegend verändert. In ihrem Buch „A Dirty History of Photography“, das 2026 bei der University of Chicago Press erschienen ist, widmet sie sich den ökologischen Folgelasten, die mit der analogen, chemischen Ära der Bildherstellung einhergingen. Während die Fotografie in der klassischen Geschichtsschreibung oft als ein Wunder der Wissenschaft und als Symbol für den technologischen Fortschritt der Moderne gefeiert wurde, deckt Henning die damit verbundenen Umweltbelastungen auf. Sie argumentiert, dass die Produktion von Bildern untrennbar mit extraktiven Prozessen und industrieller Verschmutzung verknüpft war. Der Titel ist dabei wörtlich zu verstehen: Es geht um den physischen Schmutz, den die chemischen Prozesse, die Silberverarbeitung und die industrielle Fertigung von Filmen und Papieren in der Welt hinterlassen haben. Henning bricht damit mit dem Narrativ, das Fotografie lediglich als ein ästhetisches oder dokumentarisches Medium begreift, und fordert eine materielle Betrachtungsweise, die die ökologischen Kosten der Bildproduktion in den Mittelpunkt stellt.
Die Einzelheiten: Rohstoffe, Standorte und industrielle Zusammenhänge
Die industrielle Dimension der Fotografie war enorm. Michelle Henning verweist auf das Unternehmen Kodak, das Ende des 19. Jahrhunderts der zweitgrößte Silberabnehmer in den Vereinigten Staaten war, lediglich übertroffen von der nationalen Münzprägeanstalt. Der legendäre Werbeslogan „You press the button, we do the rest“ verschleierte dabei geschickt, was sich hinter diesem „Rest“ verbarg: eine massive industrielle Maschinerie. Als konkrete Beispiele für die ökologischen Auswirkungen nennt Henning das Umland von Rochester sowie die Stadt Wolfen in Sachsen-Anhalt, die durch die fotochemische Industrie nachhaltig kontaminiert wurden. Ein weiteres zentrales Beispiel in ihrem Buch ist der englische Hersteller Ilford, der seine Produktion in der Nähe von Manchester betrieb. Da die fotochemische Industrie auf Kohle als Energieträger angewiesen war, war sie direkt in die industrielle Geschichte der Bergbauregionen eingebunden. Die Produktionsstätten waren nicht nur Verursacher von Umweltbelastungen, sondern litten auch selbst unter den Bedingungen; so mussten Kameras und andere Präzisionsgeräte in Handbüchern des 19. Jahrhunderts explizit gegen den allgegenwärtigen Kohlenstaub geschützt werden.
Hintergrund: Vom technologischen Wunder zur ökologischen Last
Die historische Einordnung der Fotografie begann oft mit einer euphorischen Darstellung, wie sie etwa der französische Schriftsteller Louis Figuier in seinem vierbändigen Werk „Les merveilles de la science“ zwischen 1867 und 1870 vornahm. Auf rund 3000 Seiten feierte er die Errungenschaften der Moderne, wobei die Fotografie einen prominenten Platz einnahm. Dieses Bild des Fortschritts war jedoch unvollständig. Henning setzt hier an, indem sie aufzeigt, wie die Fotografie Teil eines „extraktiven Kapitalismus“ wurde. Die Abhängigkeit von Edelmetallen wie Silber und die massiven chemischen Prozesse erforderten eine industrielle Infrastruktur, die weit über das bloße Abbilden hinausging. Die Forschung von Siobhan Angus in „Camera Geologica“ und Ausstellungen wie „Image Ecology“ im C/O Berlin stützen Hennings These, dass die materielle Basis der Fotografie bisher zu wenig beachtet wurde. Die 36 kurzen essayistischen Kapitel ihres Buches sind eine bewusste Anspielung auf die Kapazität klassischer Kleinbild-Rollfilme, die genau 36 Aufnahmen ermöglichten und somit die materiellen Grenzen der analogen Fotografie markierten.
Die Beteiligten: Akteure und Institutionen im Fokus
Michelle Henning fungiert als zentrale Autorin und Theoretikerin, die diese ökologische Perspektive in den wissenschaftlichen Diskurs einbringt. Sie stützt sich dabei auf historische Quellen und zeitgenössische Studien. Zu den genannten Institutionen und Unternehmen zählen Kodak, das als Gigant der Branche für den massiven Ressourcenverbrauch steht, sowie der Hersteller Ilford, an dessen Beispiel die Verflechtung von Fotoproduktion und Kohleindustrie verdeutlicht wird. Auch der Fotograf Albert Renger-Patzsch wird erwähnt, dessen Arbeit in den 1920er Jahren stellvertretend für die „Neue Sachlichkeit“ steht. Er dokumentierte industrielle Orte wie die Zeche Zollverein, wobei er jedoch darauf achtete, die sichtbaren Zeichen der Umweltverschmutzung, wie etwa qualmende Schornsteine, aus seinen Aufnahmen auszublenden. Diese bewusste ästhetische Entscheidung zeigt, wie die Fotografie selbst dazu beitrug, das Bild der Moderne von ihren schmutzigen Begleiterscheinungen zu reinigen. Die University of Chicago Press tritt als Herausgeberin dieses Werkes auf, das mit 320 Seiten eine detaillierte Aufarbeitung der Thematik bietet.
Einordnung: Ästhetik als Resultat der Umweltverschmutzung
Ein zentraler Punkt in Hennings Analyse ist die Verbindung zwischen Luftverschmutzung und fotografischer Ästhetik. Den Berichten zufolge nutzten Fotografen der Amateurbewegung im späten 19. Jahrhundert den allgegenwärtigen Kohlenstaub und den sogenannten „Fog“ in den Städten als gestalterisches Mittel. Der fotografische Piktorialismus profitierte gewissermaßen von der ökologischen Kontamination, da der Schmutz in der Luft als natürlicher Weichzeichner fungierte. Einzuordnen ist dies als eine paradoxe ästhetische Tugend, die aus einem ökologischen Notstand gewonnen wurde. Diese Beobachtung unterstreicht, wie tief die Fotografie in die industrielle Umwelt eingebettet war. Während spätere Strömungen wie die Neue Sachlichkeit versuchten, die Industrie als sauberes, geordnetes System darzustellen, zeigt Henning, dass die Fotografie zu keiner Zeit neutral gegenüber ihrer Umgebung war. Die Bilder waren immer auch Zeugnisse einer materiellen Realität, die durch Ausbeutung und Umweltbelastung geprägt war. Hennings Buch ist somit eine kritische Revision der Fotogeschichte, die den Fokus von der Oberfläche des Bildes auf die materiellen Bedingungen seiner Entstehung verschiebt.
Offene Fragen: Die Lücke zur digitalen Gegenwart
Obwohl Henning eine detaillierte Analyse der analogen Fotografie liefert, lässt das Buch wesentliche Aspekte der aktuellen digitalen Bildproduktion offen. Die Autorin konzentriert sich explizit auf die chemische Phase der Fotogeschichte. Die ökologischen Folgen der digitalen Fotografie, die sich durch einen enormen Energiebedarf für Serverfarmen und Datenzentren auszeichnen, werden im Buch nicht in der gleichen Ausführlichkeit behandelt. Es bleibt die Frage, wie die „schmutzige Geschichte“ der analogen Ära mit der heutigen, scheinbar immateriellen, aber dennoch hochgradig ressourcenintensiven digitalen Bildproduktion korrespondiert. Henning deutet zwar an, dass auch die digitale Fotografie nicht unschuldig ist, doch eine systematische Aufarbeitung dieser „37. Frame“-Problematik fehlt. Der Leser erfährt wenig über die konkreten ökologischen Auswirkungen der heutigen Cloud-Speicherung, abgesehen von dem Hinweis auf den Brand eines Datenzentrums in Straßburg vor fünf Jahren, der die physische Realität der digitalen Infrastruktur verdeutlichte. Die Ausdehnung der Untersuchung auf die digitale Ära bleibt somit eine Aufgabe für weiterführende Forschung.
Wie es weitergeht: Die Rezeption eines kritischen Werkes
Mit dem Erscheinen von „A Dirty History of Photography“ im Jahr 2026 ist ein wichtiger Anstoß gegeben, die Geschichte der Fotografie unter ökologischen Gesichtspunkten neu zu bewerten. Das Buch, das mit einem Preis von 37,18 Euro im Handel erhältlich ist, dürfte in den kommenden Monaten für Diskussionen in der Fototheorie und den Umweltwissenschaften sorgen. Die Offenlegung der industriellen Verflechtungen und der Kontamination ganzer Regionen durch die Fotoproduktion markiert einen Wendepunkt in der Wahrnehmung des Mediums. Es ist zu erwarten, dass die Debatte über den ökologischen Fußabdruck von Bildern an Intensität zunimmt, insbesondere da die digitale Bildproduktion in ihrer energetischen Dimension zunehmend kritisch hinterfragt wird. Ob weitere Publikationen den von Henning eingeschlagenen Weg fortsetzen und die digitale Komponente ebenso detailliert aufarbeiten werden, bleibt abzuwarten. Die von der Autorin gewählte Struktur von 36 essayistischen Kapiteln lädt dazu ein, die Fotografie nicht mehr als abgeschlossenes, sauberes Kapitel der Kulturgeschichte zu betrachten, sondern als einen fortlaufenden, ökologisch belastenden Prozess.