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Kolumne „Lost and Found“: Weinkerwe mit den „Desperados“
Kultur · 29.08.2026 17:57

Kolumne „Lost and Found“: Weinkerwe mit den „Desperados“

Kurz: Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja berichtet in ihrer Kolumne „Lost and Found“ von ihrer Zeit als Turmschreiberin während der Deidesheimer Weinkerwe.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja, bekannt für ihre literarische Arbeit, hat sich auf ein ungewöhnliches Experiment eingelassen: Sie wurde zur Turmschreiberin in der pfälzischen Kleinstadt Deidesheim ernannt. Was als vage Anfrage eines ihr unbekannten Autors auf einer Party begann, führte sie mitten in das turbulente Treiben der sogenannten „Weinkerwe“. Dabei handelt es sich um ein traditionelles Weinfest, das die gesamte 3700-Einwohner-Gemeinde in einen Ausnahmezustand versetzt. Petrowskaja, die ihre Wurzeln in Kiew hat und in Berlin lebt, beschreibt ihre Ankunft in der Region als einen Sprung in eine völlig neue Welt. Sie fand sich inmitten eines Festes wieder, das sie als eine Art mittelalterlichen Karneval wahrnahm. Während ihres Aufenthalts lernte sie nicht nur die lokalen Bräuche und die Bedeutung der „Kerwebuwe“ kennen, sondern setzte sich auch intensiv mit der Frage auseinander, wie sich das ausgelassene Feiern in einer Zeit globaler Krisen und des Krieges anfühlt. Die Erfahrung in Deidesheim wurde für sie zu einer Reflexion über die Bedeutung von Gemeinschaft und den Kontrast zwischen historischer politischer Bedeutung und dem alltäglichen Leben in der Provinz.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Deidesheim an der Weinstraße bildet den Schauplatz dieses Erlebnisses. Mit einer Einwohnerzahl von etwa 3700 Menschen ist die Stadt deutlich kleiner als die Metropolen, in denen die Autorin zuvor lebte. Das Fest, die Weinkerwe, konzentriert sich stark auf die „Woigass“, die pfälzische Weingasse, in die sich die Bahnhofstraße während der Feierlichkeiten verwandelt. Zu den lokalen Akteuren, die Petrowskaja traf, zählen die „Desperados“, eine Gruppe lokaler Altrocker, die die regionale Hymne anstimmten. Eine zentrale Rolle spielen die „Kerwebuwe“ – junge Männer in Fracks und Zylindern, die als Sicherheitskräfte, Zeremonienmeister und Narren fungieren. Sie halten die „Kerweredd“ auf Pfälzisch, einen humorvollen, spöttischen Kommentar zur lokalen Politik. Zudem begegnete die Autorin der Deidesheimer Weinprinzessin, der pfälzischen Weinkönigin sowie dem Bürgermeister. Ein markantes Detail ist der Kerwebaum, eine Fichte, die auf dem Marktplatz aufgestellt wird. Das historische Rathaus und der „Deidesheimer Hof“, ein Hotel, das einst Gäste wie Helmut Kohl, Margaret Thatcher und Michail Gorbatschow empfing, bilden den historischen Rahmen. Die Autorin erwähnt zudem das Weingut Winning, wo der Heimatabend stattfindet, sowie ihre Beobachtungen ukrainischer Geflüchteter, die im örtlichen Café arbeiten oder deren Honigkuchen in Winzereien angeboten wird.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die Einladung nach Deidesheim kam für Petrowskaja vollkommen unerwartet. Ein Schriftsteller, den sie nicht persönlich kannte, sprach sie auf einer Party auf ihre Vorliebe für Wein an. Dies war der Auslöser für ihr Engagement als Turmschreiberin. Das Konzept dieses Amtes bleibt jedoch rätselhaft: Weder ist klar, ob man im Turm schreiben, über den Turm schreiben oder die Stadt verteidigen soll. Dennoch ist das Amt mit dem Besitz eines Schlüssels und einer gewissen Verpflichtung zum Weingenuss verbunden. Petrowskaja, die das Weintrinken bereits vor Jahren in Georgien erlernt hatte, reiste mit zwölf Büchern im Gepäck an. Sie traf genau zum Höhepunkt der Weinkerwe ein. Die Tradition des Kerwebaums, der zu Beginn des Festes aufgestellt und am Ende mit Ritualen und Musik abgesägt wird, ist tief in der lokalen Kultur verwurzelt. Die Versteigerung der Baumkrone am Ende der Feierlichkeiten ist ein fester Bestandteil des Programms, wobei der Erlös den Kerwebuwen zugutekommt, die das Fest über zwei Wochen hinweg organisieren und betreuen.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum der Erzählung steht Katja Petrowskaja selbst als Turmschreiberin. Zu den weiteren Akteuren gehören die Kerwebuwe, die als Organisatoren und Bewahrer der Traditionen auftreten. Die politische und gesellschaftliche Repräsentation wird durch die Deidesheimer Weinprinzessin, die pfälzische Weinkönigin und den Bürgermeister verkörpert. Die „Desperados“ sorgen als lokale Musiker für die kulturelle Untermalung. Historisch bedeutsam sind die Gäste des „Deidesheimer Hofes“, wie Helmut Kohl, Margaret Thatcher und Michail Gorbatschow, deren Anwesenheit die Stadt in der Vergangenheit prägte. Auch die ukrainischen Geflüchteten in Deidesheim werden als Teil der heutigen lokalen Gemeinschaft erwähnt. Ein lokaler Lehrer, der die Krone des Kerwebaums ersteigerte, tritt als Vermittler von Traditionen auf, indem er die Kerwebuwe in die Schule einlud, um Kindern pfälzische Lieder beizubringen. Die drei großen Weingüter der Stadt werden ebenfalls als zentrale Institutionen genannt, die das wirtschaftliche und soziale Leben in Deidesheim maßgeblich mitgestalten.

Einordnung – Die Bedeutung des Erlebten

Einzuordnen ist das Erlebte als ein Spannungsfeld zwischen lokaler Tradition und globaler Realität. Petrowskaja empfindet den Zusammenhalt der Deidesheimer Gemeinde als erstaunlich und als ein Gefühl der Gemeinschaft, das ihr aus einer Großstadt wie Berlin oder Kiew weitgehend unbekannt ist. Den Berichten zufolge wirkt das Fest wie eine „Paradenseite“ des Lebens, die jedoch durch die Schatten der Weltgeschichte durchbrochen wird. Die Anwesenheit der historischen Stätten, an denen einst Weltpolitik betrieben wurde, löst bei der Autorin eine bittere Erinnerung an gescheiterte Visionen aus. Besonders die Entdeckung eines Buches von Michail Gorbatschow in der Hotelbibliothek führt zu einer tiefen Reflexion über die eigene Rolle: Darf man sich angesichts des Krieges in der Ukraine, der auch in Deidesheim durch Geflüchtete präsent ist, seelisch beurlauben? Die Autorin bewertet das Fest als eine Mischung aus politischer Träumerei und notwendiger menschlicher Nähe, wobei sie den Kontrast zwischen dem ausgelassenen Feiern und dem Wissen um das aktuelle Weltgeschehen stets präsent hält.

Offene Fragen – Was der Text nicht beantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte bewusst oder unbewusst offen. So wird nicht geklärt, welche konkreten Aufgaben oder Pflichten eine Turmschreiberin in Deidesheim tatsächlich hat, abgesehen von dem vagen Hinweis auf den Schlüssel und den Weingenuss. Auch die genauen Hintergründe der Auswahl der Autorin für dieses Amt bleiben im Dunkeln; die Begegnung auf der Party wird nur oberflächlich skizziert. Zudem erfährt der Leser nicht, wie lange der Aufenthalt der Autorin insgesamt andauerte oder ob sie über ihre Zeit als Turmschreiberin hinaus weitere literarische Projekte in der Region plant. Die finanzielle Struktur der Turmschreiberei sowie die genaue Rolle der „drei großen Weingüter“ bei der Finanzierung des Festes werden zwar angedeutet, aber nicht im Detail erläutert. Auch die Frage, wie die lokale Bevölkerung auf die Anwesenheit der Autorin und ihre Beobachtungen reagiert, bleibt weitgehend unbeantwortet, da sich der Text primär auf Petrowskajas subjektive Wahrnehmung konzentriert.

Wie es weitergeht – Ausblick

Der Text gibt einen Einblick in die zyklische Natur der Deidesheimer Weinkerwe, die mit dem Absägen des Baumes und der Versteigerung der Krone ihren rituellen Abschluss findet. Die Zukunft des Brauchtums wird durch die Einbindung der lokalen Schule gesichert: Der Lehrer, der die Krone ersteigerte, plant, die Kerwebuwe in den Unterricht einzuladen, um den Kindern pfälzische Lieder und den Dialekt näherzubringen. Dies deutet auf eine bewusste Strategie der Gemeinde hin, Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben. Für die Autorin selbst endet der Bericht mit der Erkenntnis, dass das Leben trotz aller Krisen weitergeht. Konkrete Termine für zukünftige Veranstaltungen oder weitere Schritte in ihrer Tätigkeit als Turmschreiberin werden im Text nicht genannt, was den Fokus auf den abgeschlossenen Moment des Weinfestes und die daraus gewonnenen persönlichen Einsichten legt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/glas-display-bildschirm-reflektierung-8289477/ · Foto: David Henry
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kolumnen/deidesheim-turmschreiberin-katja-petrowskaja-taucht-ins-weinfest-ein-accg-201153514.html