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Molière in Salzburg: Kampfzone Geselligkeit
Kultur · 16.08.2026 18:10

Molière in Salzburg: Kampfzone Geselligkeit

Kurz: Jette Steckel inszeniert Molières „Menschenfeind“ bei den Salzburger Festspielen als funkelnde, sprachgewaltige Kampfzone der gesellschaftlichen Eitelkeiten.

Ein Klassiker als Arena der Eitelkeiten

Bei den Salzburger Festspielen hat Regisseurin Jette Steckel eine bemerkenswerte Neuinszenierung von Molières „Der Menschenfeind“ auf die Bühne gebracht. Das Stück, das ursprünglich aus dem Jahr 1666 stammt, wirkt in der aktuellen Lesart erstaunlich zeitgenössisch. Im Zentrum steht die Gesellschaft als ein Ort der permanenten Kooperation, die jedoch bei näherer Betrachtung als ein „Kampf aller gegen alle“ entlarvt wird. Die Protagonisten sind aufeinander angewiesen, sie werben um Zuneigung, streiten und verachten sich, während sie sich in einer Art „Kampfzone der Geselligkeit“ bewegen. Molières Figuren – acht französische Höflinge des untätigen Adels – nutzen dabei eine ausgefeilte Sprache, um die sozialen Abgründe zu kaschieren. Euphemismen dienen als Schutzschild: Wer redselig ist, „hat allerhand zu sagen“, wer geizig ist, geht lediglich „sparsam“ mit Ressourcen um. Die Inszenierung verdeutlicht, dass in dieser Welt Ehrlichkeit oft als Rücksichtslosigkeit wahrgenommen wird, während Warmherzigkeit schnell als Heuchelei entlarvt werden kann. Jette Steckel gelingt es, diesen ständigen Balanceakt zwischen Tugend und Laster in eine visuell und rhetorisch beeindruckende Form zu gießen, die das Publikum unmittelbar anspricht.

Die Akteure und ihre Rollen

Das Ensemble der Salzburger Produktion überzeugt durch eine hohe schauspielerische Dichte. André Szymanski verkörpert den Alceste als einen „auberginefarbenen Wutbürger“, der in seinem Kampfhabit gegen die soziale Schminke der anderen antritt. Er ist ein Einzelkämpfer, der an seinen eigenen Idealen von ungeschminkter Kommunikation festhält, was ihn jedoch in den Augen seiner Mitwelt zur Nervensäge macht. Seine Gegenspielerin Célimène, dargestellt von Maja Schöne, beginnt als eher zurückhaltende Figur, entwickelt sich aber im Laufe des Abends zu einer kämpferischen Frau, die ihre persönliche Freiheit gegen den Besitzanspruch von Alceste verteidigt. Besonders hervorzuheben ist die Szene zwischen Célimène und der von Lisa Hagmeister gespielten Arsinoé. Die beiden Konkurrentinnen liefern sich einen „Zickenkrieg“, der die Paradoxien der Liebe offenlegt – ein Tauschgeschäft, das eigentlich gar keines sein darf. Ergänzt wird das Ensemble durch den blassrosaroten Oronte, gespielt von Ole Lagerpusch, der zwischen Sentimentalität und Abgeklärtheit schwankt, sowie durch Barbara Nüsse als Philinte, die als einzige der Hauptfiguren eine gewisse Gelassenheit und ein glückliches Ende findet.

Ein Bühnenbild als Boxring

Florian Lösche hat für die Inszenierung ein Bühnenbild entworfen, das die Dynamik des Stücks perfekt unterstreicht. Es handelt sich um ein schmales, mal bunt und mal weiß umrahmtes Rechteck, das an einen Boxring erinnert. Die Zuschauer im Saal blicken von oben auf dieses Geschehen herab, während auf der Hinterbühne ein weiteres Publikum platziert ist, das wie in einem Basketballstadion das Spielgeschehen beobachtet. Diese Anordnung verstärkt den Eindruck der Arena, in der die rhetorischen Duelle der Figuren stattfinden. Die Kostüme und das Lichtdesign tragen zur Farbgewalt des Abends bei: Während Alceste in seinem auberginefarbenen Outfit auftritt, stechen andere Figuren durch knallige Farben hervor – etwa Acaste in Lila, dargestellt von Cino Djavid, oder Clitandre in Knallgelb, gespielt von Camill Jammal. Diese visuelle Gestaltung sorgt dafür, dass die Figuren wie funkelnde, aber auch isolierte Individuen in einem „Farbwirbel der Eitelkeiten“ wahrgenommen werden, was den zeitlichen Abstand zum 17. Jahrhundert fast vollständig verschwinden lässt.

Die Sprache als Waffe und Schutzschild

Die Übersetzung, die im Stück verwendet wird, modernisiert den Text behutsam und macht ihn für das heutige Publikum zugänglich. Die Figuren treten ausschließlich mit ihren Vornamen auf, was eine Intimität suggeriert, die jedoch oft nur Fassade ist. Sie haben einander eigentlich nichts zu sagen, doch genau darin liegt die Komik und Tragik der Situation. Wenn die Figuren erst einmal in Rage geraten, bedienen sie sich der advokatorischen Redensarten des Molière-Textes, die so präzise und scharf sind, dass sie auch heute noch Bestand hätten. Jette Steckel nutzt diese sprachliche Brillanz, um die Absurdität der sozialen Konventionen vorzuführen. Die Inszenierung zeigt, dass Molière keine „Geschmacksverstärker“ benötigt. Die Sprache selbst ist das Ereignis. Wenn Alceste seine „Aufrichtigkeitsvorträge“ hält, wird deutlich, dass er an der Unmöglichkeit einer vollkommen ehrlichen Kommunikation in einer Gesellschaft, die auf gegenseitiger Schmeichelei basiert, scheitern muss. Dieser Widerspruch zwischen dem Wunsch nach Wahrheit und der Notwendigkeit sozialer Maskerade bildet das Herzstück des Abends.

Einordnung der Inszenierung

Einzuordnen ist diese Produktion als eine kluge und zugleich unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem menschlichen Miteinander. Den Berichten zufolge gelingt es Jette Steckel, das Stück nicht als verstaubtes Historien-Drama, sondern als hochaktuelles Gesellschaftsporträt zu zeigen. Die Kritik an der „sozialen Schminke“ ist dabei kein moralischer Zeigefinger, sondern eine präzise Beobachtung menschlicher Schwächen. Dass Alceste genauso „in Farbe getaucht“ ist wie seine Gegenspieler, macht ihn zu einer tragikomischen Figur. Er ist kein strahlender Held, sondern ein Mann, der sich in seiner eigenen Wut verfängt. Die Szene, in der Éliante – fabelhaft gespielt von Cathérine Seifert – ihm rät, sich auf die Hindernisse in seinem eigenen Inneren zu konzentrieren, statt nur die Welt um ihn herum zu bekämpfen, markiert den intellektuellen Wendepunkt des Stücks. Hier wird deutlich, dass der „Menschenfeind“ nicht nur ein Kritiker der Gesellschaft ist, sondern auch ein Gefangener seiner eigenen Unfähigkeit zur Kompromissbereitschaft.

Kritische Anmerkungen zum Präludium

Ein Punkt, an dem sich die Geister scheiden, ist das mehr als zwanzigminütige Präludium, das der eigentlichen Molière-Aufführung vorangestellt wurde. Ole Lagerpusch rappt hier zu wummernden Bässen und der Elektrovioline von Matthias Jakisic, während Texte über ADHS und den Wunsch nach Aufmerksamkeit vorgetragen werden. Diese Einleitung soll zwar eine Brücke zur Gegenwart schlagen, wirkt jedoch im Vergleich zur restlichen Inszenierung wie ein Fremdkörper. Die Behauptung, diese Verse seien eine Art Reprise auf Molières Alexandriner, wird von Kritikern als wenig überzeugend eingestuft. Auch die anschließende Gazeprojektion mit Emojis und geometrischen Formen, die „irgendwas mit Internet“ suggerieren sollte, wird als überflüssig empfunden. Diese Elemente, die wohl die Modernität unterstreichen sollten, lenkten eher von der eigentlichen Stärke der Inszenierung ab: dem klugen, hinreißenden und sprachlich brillanten Theater, das Molière in seiner Reinform bietet. Ohne diese „Geschmacksverstärker“ wäre der Abend noch fokussierter gewesen.

Offene Fragen zur Dramaturgie

Der Quelltext lässt einige Fragen zur Gesamtdramaturgie offen, insbesondere im Hinblick auf die Intention der Regie bei der Gestaltung des Prologs. Es bleibt unklar, warum Jette Steckel sich entschied, den „Menschenfeind“ mit einer derart langen, rap-lastigen Einleitung zu versehen, wenn die Inszenierung des eigentlichen Stücks bereits so stark und zeitgemäß wirkt. Auch die Frage, ob die „Gazeprojektionen“ tatsächlich eine tiefere Bedeutungsebene für das Verständnis von Molières Werk bieten oder lediglich als visuelle Spielerei gedacht waren, wird nicht abschließend beantwortet. Zudem wird nicht explizit dargelegt, wie das Publikum in Salzburg auf diese spezifische Mischung aus klassischem Text und modernem Intro reagierte, abgesehen von der Erwähnung, dass im Foyer Ohrstöpsel ausgelegt waren, was auf eine hohe Lautstärke hindeutet. Die Lücke zwischen dem „Deichkindergarten“-Stil des Prologs und der hochkonzentrierten, klassischen Molière-Arbeit bleibt ein diskussionswürdiger Aspekt der Inszenierung.

Ausblick und Fazit der Inszenierung

Die Produktion, die nach ihrer Zeit in Salzburg auch in Hamburg zu sehen sein wird, zeigt, dass Molière auch nach Jahrhunderten nichts von seiner Schärfe verloren hat. Die Inszenierung ist eine Einladung, über die eigene Rolle in der „Kampfzone der Geselligkeit“ nachzudenken. Während die Termine für die weiteren Aufführungen in Hamburg im Text nicht im Detail spezifiziert sind, steht fest, dass das Ensemble um André Szymanski und Maja Schöne ein hohes schauspielerisches Niveau etabliert hat, das auch an anderen Spielorten Bestand haben dürfte. Die Entscheidung, das Stück in einer solch reduzierten, arenaartigen Form zu zeigen, macht es zu einem intensiven Erlebnis. Es bleibt abzuwarten, ob Jette Steckel für die kommenden Stationen an dem umstrittenen Präludium festhält oder ob die Inszenierung in ihrer reinen Form – ohne die digitalen und musikalischen Zusätze – noch stärker zur Geltung kommen wird. Fest steht, dass dieser „Menschenfeind“ eine der bemerkenswertesten Arbeiten der aktuellen Salzburger Festspielsaison darstellt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/lampen-tunnel-korridor-flur-12904925/ · Foto: Vladimir Srajber
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/hinreissendes-theater-jette-steckel-inszeniert-molieres-menschenfeind-in-salzburg-201130958.html