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Salzburger Festspiele: Ein Dirigent nimmt Abschied
Kultur · 19.08.2026 19:10

Salzburger Festspiele: Ein Dirigent nimmt Abschied

Kurz: Der 85-jährige Dirigent Riccardo Muti hat sich bei den Salzburger Festspielen mit einer bewegenden Aufführung von Verdis Requiem verabschiedet.

Ein Abschied von großer Tragweite

Bei den diesjährigen Salzburger Festspielen ereignete sich ein musikalischer Moment von besonderer emotionaler Dichte. Der renommierte Dirigent Riccardo Muti, der vor wenigen Wochen seinen 85. Geburtstag feierte, trat im Großen Festspielhaus vor das Publikum, um Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ zu leiten. Es war ein Abend, der von einer spürbaren Spannung erfüllt war, da es sich um die letzte Aufführung dieses Werkes unter seiner Leitung in Salzburg handelte. Muti, der seit mittlerweile 55 Jahren ein fester Bestandteil der Festspiele ist, präsentierte eine Interpretation, die trotz seines Alters von einer beeindruckenden Vitalität und Klarheit zeugte. Mit präzisen, energischen Gesten steuerte er die Wiener Philharmoniker durch ein Werk, das er wie kaum ein anderer durchdrungen hat. Die Atmosphäre im Saal war geprägt von einer seltenen Konzentration, die selbst kleine Störungen im Publikum, wie etwa ein Husten nach dem „Offertorio“, als störend empfinden ließ. Muti forderte Stille ein und erhielt sie, was die tiefe Verbundenheit zwischen dem Dirigenten und seinem Publikum unterstrich.

Die Details einer denkwürdigen Aufführung

Die Aufführung des Requiems markierte das 473. Orchesterkonzert, das Muti gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern bestritt. Diese langjährige Zusammenarbeit, die selbst Größen wie Karl Böhm oder Herbert von Karajan in der Häufigkeit übertrifft, erreichte an diesem Abend einen neuen Höhepunkt. Muti wählte für das Andante des Eingangs ein langsameres Tempo als in früheren Jahren, was dem Werk eine neue, fast schwebende Qualität verlieh. Die Herren des Wiener Staatsopernchors agierten dabei mit einer bemerkenswerten Zurückhaltung, wobei ihr „Requiem aeternam“ eher als Ausdruck einer schwächer werdenden Hoffnung denn als dringlicher Appell wirkte. Die Solistenbesetzung trug maßgeblich zur Qualität des Abends bei: Michael Spyres gestaltete das „Kyrie“ mit einer innigen Bitte, während Marianne Crebassa im „Liber scriptus“ den Schauder vor dem göttlichen Gericht spürbar machte. Maharram Huseynov überzeugte als Bassist mit dramatischer Intensität, und Iwona Sobotka meisterte die schwierigen Passagen des „Libera me“ mit einer Mischung aus Verzweiflung und Trotz, die den Saal bis in die letzte Reihe fesselte.

Ein Werk zwischen Glauben und Zweifel

Die Auseinandersetzung mit Verdis Requiem ist für Riccardo Muti kein rein musikalisches Unterfangen, sondern eine tiefgreifende philosophische Beschäftigung. In seinem Buch „Mein Verdi“ aus dem Jahr 2013 bezeichnete er eine spezifische Stelle – den Ruf „Tremens factus sum ego et timeo“ – als den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Werkes. Muti lehnt die oft geäußerte Kritik ab, es handele sich bei dem Werk um eine „Oper im Kirchengewand“, wie es einst Hans von Bülow abfällig formulierte. Für Muti ist das Requiem ein tiefes Gebet, das die ernsthafte Suche des Menschen nach Gott widerspiegelt. Dabei scheut er sich nicht, die dunklen Aspekte des Textes zu betonen. Er sieht in der Partitur, die 1874 uraufgeführt wurde, bereits die Vorboten jener pessimistischen Weltsicht, die Verdi später in seinem „Otello“ radikaler formulierte. Die Musik wird bei Muti zum Medium, das die existenzielle Angst des Individuums gegenüber einem Gott, der in der Stille der Generalpausen verborgen bleibt, unmittelbar erfahrbar macht.

Die Akteure und ihr Wirken

Im Zentrum dieses musikalischen Ereignisses stand Riccardo Muti, dessen 55-jährige Geschichte bei den Salzburger Festspielen an diesem Abend eine Zäsur erfuhr. Die Wiener Philharmoniker, mit denen ihn eine beispiellose künstlerische Biografie verbindet, fungierten als sein wichtigstes Instrument. Neben den Musikern des Orchesters und den Sängern des Wiener Staatsopernchors waren es vor allem die Solisten, die Mutis Vision einer textnahen Interpretation umsetzten. Michael Spyres, Marianne Crebassa, Maharram Huseynov und Iwona Sobotka bewiesen, dass eine solche Aufführung nur mit Sängern gelingen kann, die ihre stimmlichen Möglichkeiten vollkommen hinter die Aussage des Werkes stellen. Muti selbst agierte als Dirigent, der nicht nur die dynamischen Bögen kontrollierte, sondern auch die Stille als musikalisches Gestaltungsmittel einsetzte. Sein autoritärer, aber stets der Partitur verpflichteter Stil sorgte dafür, dass die Aufführung nicht in bloße Effekthascherei abglitt, sondern als ein in sich geschlossenes, ernstes Gebet wahrgenommen wurde.

Einordnung der künstlerischen Leistung

Einzuordnen ist diese Aufführung als ein Meilenstein in der Salzburger Festspielgeschichte. Den Berichten zufolge gelang es Muti, eine Brücke zwischen der Tradition der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts und einer modernen, analytischen Herangehensweise zu schlagen. Die Musikwissenschaft und die Kritik haben Verdi oft als Komponisten zwischen den Stühlen gesehen – zu opernhaft für die Kirche, zu religiös für die Bühne. Muti löst diesen Widerspruch auf, indem er das Werk als eine universelle menschliche Erfahrung deutet. Die Intensität, mit der er die Solisten führte, und die Präzision, mit der er die Dynamik der Philharmoniker steuerte, zeugen von einer lebenslangen Auseinandersetzung mit Verdis Schaffen. Dass er sich nun entschieden hat, dieses Werk nicht mehr zu dirigieren, unterstreicht den Charakter dieses Abends als einen bewussten Schlussstrich unter ein Kapitel seines künstlerischen Lebens, das von einer tiefen, fast schon asketischen Hingabe an den Geist des Komponisten geprägt war.

Offene Fragen und verbleibende Lücken

Trotz der Ausführlichkeit, mit der das Ereignis beschrieben wurde, bleiben einige Aspekte unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben darüber, warum Muti sich genau jetzt dazu entschlossen hat, das Requiem aus seinem Repertoire zu streichen. Es bleibt offen, ob dies eine Entscheidung ist, die sich auf das Requiem beschränkt oder ob sie Teil eines umfassenderen Rückzugs von bestimmten Werken oder sogar von den Salzburger Festspielen insgesamt ist. Zudem wird nicht spezifiziert, ob es bereits Pläne für eine Nachfolge oder eine Neuinterpretation des Werkes durch andere Dirigenten bei den kommenden Festspielen gibt. Auch die Reaktion des Publikums nach dem letzten Takt wird zwar in der Stimmung beschrieben, doch eine explizite Schilderung der Ovationen oder der Dauer des Applauses fehlt. Die Frage, welche anderen Werke Muti in Zukunft noch in Salzburg dirigieren wird, bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der langfristigen künstlerischen Ausrichtung der Philharmoniker ohne Mutis regelmäßige Arbeit an diesem spezifischen Werk.

Der Blick in die Zukunft

Die Ankündigung, Verdis Requiem nie wieder zu dirigieren, markiert einen klaren Wendepunkt in Mutis Karriere. Während er sich von diesem spezifischen Werk verabschiedet, bleibt seine Verbindung zu den Salzburger Festspielen, bei denen er seit über fünf Jahrzehnten präsent ist, vorerst bestehen. Die Aufführung hat jedoch eine Erwartungshaltung für die kommenden Jahre geschaffen. Es stellt sich die Frage, wie die Wiener Philharmoniker mit der Lücke umgehen werden, die Muti durch seinen Verzicht auf dieses zentrale Werk hinterlässt. Die Festspiele stehen nun vor der Herausforderung, wie sie das Erbe dieser speziellen Interpretation bewahren oder ob sie neue, andere Wege in der Aufführungspraxis von Verdis geistlicher Musik einschlagen werden. Für das Publikum bleibt der Abend als ein Moment der Einkehr in Erinnerung, der die Frage nach der Endlichkeit – sowohl des Werkes als auch der künstlerischen Ära Muti – auf eine Weise beantwortete, die weit über das musikalische Geschehen hinausreicht.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/beeindruckende-aussicht-auf-die-festung-hohensalzburg-salzburg-38764892/ · Foto: Leonhard Niederwimmer
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/muti-nimmt-in-salzburg-abschied-von-verdis-requiem-accg-201139754.html