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Kolumne „Lost and Found“: Wie wir dem Düsteren der Welt widerstehen
Kultur · 01.08.2026 11:23

Kolumne „Lost and Found“: Wie wir dem Düsteren der Welt widerstehen

Kurz: Wie bewahrt man sich die Freude, wenn die Welt brennt? Katja Petrowskaja reflektiert über Gemeinschaft, Mut und die Kraft der Kunst in dunklen Zeiten.

Die Suche nach dem Wir in einer zersplitterten Welt

Reisen im Sommer gleichen oft einer Gratwanderung zwischen Irritation und tiefer Berührung. Inmitten der Menschenmengen, die sich durch Museen, Konzertsäle und Theater drängen, stellt sich die Frage nach der Zugehörigkeit neu. Es ist der Wunsch, ein „Wir“ zu formulieren – eine Gemeinschaft, die über ethnische oder religiöse Grenzen hinausgeht. Diese flüchtigen, oft zufälligen Zusammenschlüsse von Menschen, die gemeinsam Kunst betrachten oder Musik hören, wirken wie ein Mosaik der Zugehörigkeit. In einer Zeit, in der Kriege in der Ukraine toben, Südeuropa von Bränden gezeichnet ist und Attentate das Sicherheitsgefühl erschüttern, erscheint die Suche nach solchen Momenten der Verbundenheit als eine notwendige Strategie gegen das Düstere.

Maria Kalesnikawa: Ein Symbol für Mut und Dialog

Ein zentraler Moment der diesjährigen Salzburger Festspiele war die Eröffnungsrede von Maria Kalesnikawa. Die belarussische Bürgerrechtlerin, die nach fünf Jahren Haft – darunter Monate in Einzelhaft – ihre Freiheit zurückgewonnen hat, verkörpert eine beeindruckende Widerstandskraft. Ihre Befreiung wird als Resultat beharrlicher internationaler Anstrengungen und politischen Willens gewertet. Heute als Ehrenprofessorin am Mozarteum tätig, betrachtet Kalesnikawa die Demokratie durch die Linse einer Musikerin.

Für sie ist das Orchester das ideale soziale Modell: Ein Gebilde, in dem jede Stimme zählt und das nur durch gegenseitiges Zuhören funktioniert. Diese Haltung ist nicht nur eine theoretische Überlegung, sondern wurde während ihrer Haft zur gelebten Praxis. Berichten zufolge soll sie ihren Wächtern sogar Opernarien vorgesungen haben, um ihnen den Wert der Rebellion und die Bedeutung von Freiheit zu vermitteln.

Historische Resonanz und die Kraft der Kunst

Salzburg selbst bietet mit seiner dichten Geschichte Raum für Reflexion. Orte wie das Grab von Paracelsus erinnern an ein ganzheitliches Menschenbild, in dem Körper, Geist und Seele eine Einheit bilden. Diese historische Tiefe verbindet sich in diesem Jahr mit der Inszenierung von Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“ durch Romeo Castellucci. Die Figur des heiligen Franziskus, bekannt für seine Sanftmut und seine radikale Liebe zu Ausgestoßenen, dient als Ankerpunkt für die Auseinandersetzung mit Not und Prüfung.

Messiaens Werk, das die ornithologische Mystik mit den Predigten des Heiligen verknüpft, betont die Freude selbst in Momenten tiefster Entbehrung. Die Vögel, die in der Komposition als „größte Musiker der Erde“ gefeiert werden, spiegeln die Hoffnung wider, dass Schönheit und Spiritualität auch unter widrigsten Umständen Bestand haben können.

Die nächste Generation und die Hoffnung auf Frieden

Die Frage nach der Zukunft und der Bewahrung von Freude findet sich auch im Privaten wieder. Ein kleiner Junge aus Kiew, der kurz vor Kriegsbeginn geboren wurde und den Namen Franziskus trägt, symbolisiert für viele die Hoffnung einer neuen Generation. Zusammen mit seinen Brüdern, deren Namen – Hector, Gek und Jossi – eine Brücke zwischen griechischer Mythologie und biblischer Tradition schlagen, bildet er eine „magische Gruppe“.

Der Umstand, dass diese Kinder trotz der schrecklichen Prüfungen des Krieges Momente der Unbeschwertheit finden und sogar Orte wie Assisi besuchen konnten, unterstreicht die Dringlichkeit, den Schutzraum für das Leben zu erhalten. Die Rückkehr dieser Familien in die Ukraine bleibt jedoch eine bittere Realität, die das Bedürfnis nach gemeinsamen Anstrengungen zur Beendigung des Leids unterstreicht. Die Suche nach Gemeinschaft ist somit kein bloßer Zeitvertreib, sondern eine aktive Form des Widerstands gegen die Dunkelheit.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wolken-stadtisch-urban-15246001/ · Foto: Gu Bra
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kolumnen/katja-petrowskaja-ueber-maria-kalesnikawa-und-salzburg-mut-in-dunklen-zeiten-accg-201072932.html