Ein unerwartetes Comeback an der Spitze
Die Führungsebene von Automattic, dem Unternehmen hinter der weltweit verbreiteten Plattform WordPress, erlebte in den vergangenen Tagen eine beispiellose Phase der Instabilität. Matt Mullenweg, der das Unternehmen im Jahr 2003 nach der Mitentwicklung von WordPress gründete, wurde Anfang der Woche vom Vorstand seines eigenen Unternehmens zwangsbeurlaubt. Dieser Schritt sollte eine Zäsur in der Unternehmensgeschichte darstellen, da der Finanzvorstand Mark Davies als Interims-CEO die Leitung übernehmen sollte. Doch der Plan des Vorstands stieß auf massiven Widerstand. Mullenweg weigerte sich, seinen Posten zu räumen, und trat stattdessen in einen offenen Machtkampf gegen das Gremium. Nach nur wenigen Tagen intensiver Auseinandersetzungen, die auch öffentlich auf Plattformen wie X und in internen Kommunikationskanälen ausgetragen wurden, ist Mullenweg nun wieder als CEO im Amt. Die Rückkehr wird offiziell bestätigt, doch die Umstände dieses kurzen, aber heftigen Konflikts lassen die Branche ratlos zurück. Es stellt sich die Frage, wie ein solches Szenario in einem so bedeutenden Technologieunternehmen überhaupt möglich war und welche langfristigen Folgen dies für die Unternehmenskultur haben wird. Die Situation erinnert in ihrer Dynamik an vergangene Machtkämpfe in der Tech-Welt, etwa den Fall von Sam Altman bei OpenAI, doch die spezifischen Umstände bei Automattic verleihen dem Vorfall eine ganz eigene, teils bizarre Note.
Die Eskalation im Detail
Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt, als Mullenweg die Entscheidung des Vorstands als „Verschwörung“ bezeichnete. In einem internen Slack-Kanal, dessen Inhalte dem US-Portal Techcrunch zugänglich wurden, machte der Gründer seinem Unmut deutlich Luft. Er leistete aktiven Widerstand gegen seine Absetzung, indem er unter anderem andere Administrator:innen aus dem internen Kommunikationssystem aussperrte. Diese Maßnahme unterstrich, dass Mullenweg nicht gewillt war, die Kontrolle über die digitale Infrastruktur seines Unternehmens kampflos aufzugeben. Während der Vorstand Mark Davies als Interims-CEO installierte, agierte Mullenweg weiter, als sei er noch im Amt. Auf die Frage, ob seine Kommentare zur Rückkehr ernst gemeint seien, reagierte er mit einer kryptischen Antwort, die in einem Blogbeitrag über den Kauf eines Hausboots mündete. Auf die explizite Nachfrage, ob dies ein Trollversuch sei, antwortete er mit dem Satz: „Ich bin kein Troll, ich bin ein Pirat, ganz offensichtlich.“ Gleichzeitig richtete er sich über den Kurznachrichtendienst X an andere Gründer und betonte, dass ein Unternehmen nicht über ausreichend starke Führungskräfte verfüge, wenn es nicht alle paar Jahre einen Putschversuch gebe. Diese Äußerungen verdeutlichen das eigenwillige Selbstverständnis, mit dem Mullenweg den Machtkampf führte.
Der Hintergrund: Ein zerrüttetes Verhältnis
Die Zwangsbeurlaubung kam nicht aus dem Nichts, sondern ist das Resultat einer langen Phase der Spannungen. Im Zentrum steht ein erbitterter Rechtsstreit mit dem Konkurrenten WP Engine. Mullenweg hatte dem Unternehmen vorgeworfen, massiv von der WordPress-Infrastruktur zu profitieren, ohne dabei einen angemessenen Beitrag zur Community zu leisten. Er forderte von WP Engine eine Lizenzgebühr in Höhe von acht Prozent des monatlichen Bruttoumsatzes. Diese Forderung mündete in einer Serie von gegenseitigen Klagen, in denen sich Automattic und WP Engine fortwährend beschuldigten. Doch die interne Unruhe bei Automattic beschränkte sich nicht nur auf externe Rechtsstreitigkeiten. Unter der Führung von Mullenweg soll sich das Klima innerhalb der Belegschaft massiv verschlechtert haben. Berichten zufolge riet er den Mitarbeitern im Jahr 2024 dazu, das Unternehmen mit einer Abfindung zu verlassen, falls sie seine Auffassungen nicht teilten. Diesem Aufruf folgten 159 Teammitglieder. Bereits im April 2025 hatte Automattic zudem 16 Prozent seiner Belegschaft entlassen. Diese Personalentscheidungen und der aggressive Kurs gegenüber Konkurrenten dürften maßgeblich zu dem Vertrauensverlust geführt haben, der den Vorstand schließlich zu dem Schritt der Zwangsbeurlaubung bewog.
Die Akteure im Machtgefüge
Die zentralen Akteure in diesem Drama sind klar umrissen. Matt Mullenweg steht als Gründer und CEO im Zentrum der Geschehnisse. Auf der Gegenseite agierte der Vorstand von Automattic, der die Entscheidung zur Beurlaubung traf, sowie der Finanzvorstand Mark Davies, der kurzzeitig die Rolle des Interims-CEO übernehmen sollte. Eine wichtige Rolle bei der Kommunikation der Ereignisse spielte Mary Hubbard, die als Projektleiterin für WordPress fungiert. Sie bestätigte die Statusänderung von Mullenweg während der Krise, betonte jedoch gleichzeitig, dass das WordPress-Projekt selbst von den internen Turbulenzen bei Automattic nicht betroffen sei. Nach dem Ende des Machtkampfes äußerte sie sich öffentlich auf X und betonte, sie sei „erleichtert und erfreut“, dass Mullenweg wieder die Leitung übernommen habe. Ein Sprecher von Automattic bestätigte gegenüber Medienvertretern das Ende der Beurlaubung. Die Dynamik zwischen diesen Akteuren bleibt jedoch fragil, da die öffentliche Zurschaustellung der Meinungsverschiedenheiten innerhalb eines Unternehmens, das eine so kritische Infrastruktur für das Internet verwaltet, bei vielen Beobachtern für Irritationen sorgt.
Einordnung der Geschehnisse
Einzuordnen ist der Vorfall als eine massive Erschütterung der Unternehmensführung bei einem der einflussreichsten Akteure im Web-Ökosystem. Den Berichten zufolge ist die Rückkehr Mullenwegs nicht als Ende der Konflikte zu werten, sondern eher als eine vorläufige Stabilisierung in einem weiterhin hochgradig volatilen Umfeld. Die Tatsache, dass der Vorstand eine Entscheidung traf, die Mullenweg innerhalb von 48 Stunden revidieren konnte, deutet auf eine tiefe Spaltung oder eine Schwäche in den internen Kontrollmechanismen hin. Dass Mullenweg selbst von einem „Missverständnis“ spricht, das man nun klären müsse, wirkt vor dem Hintergrund seiner vorangegangenen „Pirat“-Aussagen und der Sperrung von Administratoren wie eine diplomatische Floskel, die den tatsächlichen Grad der Zerrüttung eher kaschieren soll. Die öffentliche Kommunikation über X und die kryptischen Botschaften des Gründers zeichnen das Bild eines Unternehmens, dessen interne Governance-Strukturen unter dem Druck der Persönlichkeit seines Gründers leiden. Die Stabilität von WordPress als Open-Source-Plattform wird zwar von den Verantwortlichen als unangetastet dargestellt, doch die wirtschaftliche Basis bei Automattic scheint von internen Machtspielen stark belastet zu sein.
Offene Fragen zur Zukunft
Der Quelltext lässt eine Vielzahl an Fragen unbeantwortet, die für die Zukunft von Automattic von entscheidender Bedeutung sind. Zunächst bleibt unklar, wie das Vertrauensverhältnis zwischen dem Vorstand und Mullenweg nach diesem Putschversuch jemals wiederhergestellt werden soll. Es ist nicht bekannt, welche konkreten Bedingungen für die Rückkehr des CEO ausgehandelt wurden. Zudem bleibt offen, wie sich der Rechtsstreit mit WP Engine weiterentwickeln wird, da dieser der ursprüngliche Auslöser für die Instabilität war. Besonders irritierend ist Mullenwegs Verhalten während der Krise: Er unterstützte einerseits Mark Davies als Interims-CEO, suchte aber andererseits aktiv nach Sicherheitsforscher:innen und Systemadministrator:innen, um Inhalte von Automattic an einen anderen Ort zu verlegen. Was genau er damit bezweckte und ob diese Pläne noch verfolgt werden, wird im Text nicht geklärt. Auch die Frage, ob der Vorstand bei einem erneuten Fehltritt des Gründers wieder einschreiten würde oder ob Mullenweg nun eine uneingeschränkte Machtposition innerhalb des Unternehmens genießt, bleibt offen. Die vagen Aussagen, dass „die Dinge anders sind, als sie scheinen“, lassen zudem Raum für Spekulationen über weitere, noch nicht öffentlich gewordene Konfliktlinien.
Wie es weitergeht
Offizielle Ankündigungen zu den nächsten Schritten sind spärlich. Mullenweg hat in seiner Slack-Nachricht an die Belegschaft lediglich betont, dass in den letzten 48 Stunden viel passiert sei, das nun einer Klärung bedürfe. Er drückte die Hoffnung aus, dass vieles auf einem Missverständnis beruhe, und betonte seinen Respekt für alle Beteiligten. Konkrete Termine für eine Aufarbeitung der Vorfälle oder eine Neuausrichtung der Unternehmensstrategie wurden nicht genannt. Der Vorstand hat sich nach der Rückkehr des Gründers nicht weiter öffentlich zu den Details der Einigung geäußert. Es bleibt abzuwarten, ob die interne Suche nach IT-Spezialisten, die Mullenweg während des Machtkampfes initiierte, fortgesetzt wird oder ob diese Anstrengungen mit seiner Rückkehr als CEO eingestellt wurden. Die Branche wird genau beobachten, ob es zu weiteren personellen Konsequenzen kommt oder ob Automattic versucht, zur Normalität zurückzukehren. Die Ankündigung, dass man die Ereignisse „klären“ müsse, deutet zumindest darauf hin, dass die interne Aufarbeitung der turbulenten Tage erst noch bevorsteht und das Unternehmen vor einer schwierigen Phase der Konsolidierung steht.