Ein Machtkampf erschüttert den Weltfußball
Die FIFA befindet sich in einer Phase tiefgreifender politischer Instabilität. Im Zentrum steht FIFA-Präsident Gianni Infantino, dessen Position durch einen gescheiterten Investorendeal massiv unter Druck geraten ist. Trotz des massiven Widerstands, der sich innerhalb der globalen Fußballstrukturen formiert hat, zeigt Infantino keinerlei Anzeichen eines Rücktritts. Er verfolgt vielmehr eine Strategie der aktiven Verteidigung seines Amtes. Über soziale Medien, insbesondere seinen Instagram-Account, lässt er der Öffentlichkeit regelmäßig Unterstützungsschreiben verschiedener Nationalverbände zukommen. Diese Signale sollen seine Handlungsfähigkeit und seinen Rückhalt in der Basis demonstrieren. Der Machtkampf, der durch den geplatzten Deal ausgelöst wurde, hat die Gräben zwischen den verschiedenen Kontinentalverbänden und der FIFA-Spitze deutlich vertieft. Es ist ein Ringen um die Deutungshoheit und die künftige Ausrichtung des Weltverbandes, bei dem die kommenden Monate bis zum Kongress im März 2027 entscheidend sein werden. Die Situation ist hochdynamisch, da sich die Allianzen ständig verschieben und die offizielle Unterstützung für den amtierenden Präsidenten keineswegs homogen ist.
Die Machtverhältnisse und die Rolle der Verbände
Die Unterstützung für Infantino ist geografisch und strukturell sehr unterschiedlich verteilt. Während er in Europa massiv an Rückhalt verloren hat, stützt er sich auf eine Allianz aus dem afrikanischen Kontinentalverband sowie einflussreichen Verbänden aus Südamerika und Nordamerika, darunter Argentinien, Mexiko und Marokko. Auch Katar gehört zu seinen Unterstützern. Besonders bemerkenswert ist die Rolle vieler kleinerer Verbände, etwa aus Bhutan, den Philippinen, Grenada oder St. Kitts und Nevis, die Infantino öffentlich den Rücken stärken. Insgesamt verfügt die FIFA über 211 Nationalverbände, die beim Kongress am 18. März 2027 in Marokko stimmberechtigt sind. Die Verteilung der Stimmen ist dabei ein zentraler Faktor: Europa stellt 55 Stimmen, Afrika 54, Asien 46, Nordamerika 35, Ozeanien 11 und Südamerika 10. Der nepalesische Verband ist derzeit suspendiert, was jedoch bis zum Kongress noch revidiert werden könnte. Bei einer Wahl mit einem Gegenkandidaten reicht eine einfache Mehrheit, während bei mehreren Gegenkandidaten im ersten Wahlgang eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist.
Die Fronten der Opposition
In Europa ist der Widerstand gegen Infantino nahezu geschlossen. Verbände wie England, Schottland, Wales, Griechenland, Serbien und Griechenland haben ihm explizit das Vertrauen entzogen. Der DFB hat ebenfalls klargestellt, dass er Infantino nicht unterstützt. Die UEFA hat gemeinsam mit der asiatischen Konföderation und der nordamerikanischen CONCACAF einen offenen Brief veröffentlicht, in dem von einem fundamentalen Vertrauensbruch die Rede ist. Die UEFA droht zudem mit rechtlichen Schritten. Auch in Ozeanien regt sich Widerstand; Neuseeland hat sich gegen den Präsidenten positioniert, und die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness hat offen den Rücktritt Infantinos gefordert. Diese Koalition aus UEFA, CONCACAF und Asien hätte rechnerisch zwar genügend Stimmen, um Infantino abzuwählen, doch die Realität ist komplexer. Es gibt zahlreiche Abweichler, da jeder Nationalverband autonom über sein Stimmverhalten entscheidet. Die Kontinentalverbände besitzen keine Weisungsbefugnis gegenüber den einzelnen Verbänden, was die Prognosen für eine mögliche Abstimmung extrem schwierig macht.
Akteure und potenzielle Herausforderer
Die Suche nach einem geeigneten Gegenkandidaten gestaltet sich schwierig. Eine Kampfkandidatur gegen Infantino gilt als riskant, da eine Niederlage das Ende der politischen Ambitionen für viele Funktionäre bedeuten könnte. Dennoch werden verschiedene Namen gehandelt. Nasser Al-Khelaifi, der Präsident von Paris Saint-Germain und der Klubvereinigung EFC, gilt als einer der mächtigsten Männer im Sport, ist jedoch durch seine engen Verbindungen zu Infantino und Katar in einer ambivalenten Rolle. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin führt die Opposition an, hat aber bisher keine eigene Kandidatur bestätigt, obwohl er dank einer Statutenänderung bis 2031 im Amt bleiben könnte. Auch Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa, der Präsident der asiatischen Konföderation, wird als möglicher Kandidat genannt, ebenso wie der FIFA-Direktor Arsène Wenger, der sich jedoch früh vom Investorendeal distanzierte. Victor Montagliani, der Chef der CONCACAF und FIFA-Vizepräsident, wird ebenfalls als potenzieller Nachfolger gehandelt, hat sich aber bisher nicht offiziell erklärt. Bisher ist Infantino der einzige, der zur Wahl steht.
Einordnung der aktuellen Krise
Die aktuelle Situation ist aus Sicht vieler Beobachter als tiefe Vertrauenskrise zu werten. Der gescheiterte Investorendeal war der Auslöser, doch die Spannungen schwelen bereits länger. Einzuordnen ist das so, dass die FIFA-Spitze unter Infantino zunehmend isoliert von den europäischen Machtzentren agiert. Die Drohung der UEFA und anderer Verbände, FIFA-Turniere zu boykottieren, unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Lage. Den Berichten zufolge ist die Glaubwürdigkeit der FIFA in den Augen der europäischen Verbände nachhaltig beschädigt. Die Forderung nach verbindlichen Zusagen, dass solche Investorendeals künftig ausgeschlossen bleiben, wurde von der FIFA bisher nicht in der geforderten Form erfüllt. Dies führt dazu, dass die Drohkulisse eines Boykotts weiterhin als politisches Druckmittel bestehen bleibt. Die Spaltung innerhalb der Verbände, insbesondere in Asien, zeigt jedoch, dass Infantino weiterhin über ein erhebliches Potenzial verfügt, Mehrheiten durch gezielte Allianzbildung zu sichern, selbst wenn die institutionelle Unterstützung aus Europa komplett weggebrochen ist.
Offene Fragen im Machtgefüge
Der Quelltext lässt zahlreiche Fragen unbeantwortet, die für den Ausgang des Machtkampfes entscheidend sein könnten. Es bleibt völlig unklar, ob sich tatsächlich ein ernstzunehmender Herausforderer finden wird, der bereit ist, das Risiko einer Wahl gegen Infantino einzugehen. Zudem ist nicht geklärt, wie stabil die Unterstützung der kleineren Verbände tatsächlich ist, sollte der Druck auf Infantino weiter zunehmen. Auch die rechtliche Dimension der angedrohten UEFA-Klage bleibt vage; es ist nicht definiert, auf welcher Grundlage diese Klage basieren würde und welche Konsequenzen sie für den laufenden Wahlprozess hätte. Ebenso offen bleibt die Frage, ob die FIFA-Statuten im Vorfeld des Kongresses noch einmal angepasst werden könnten, um den Wahlmodus oder die Bedingungen für Kandidaturen zu beeinflussen. Die Rolle der Klubs, Ligen und Spielergewerkschaften bleibt ebenfalls diffus, da diese zwar ein großes Interesse am Ausgang des Streits haben, aber formal kein Stimmrecht bei der Wahl des FIFA-Präsidenten besitzen.
Die Bewährungsprobe der Boykott-Drohung
Ein wesentlicher Test für die Durchsetzungskraft der Opposition wird die U20-WM der Frauen sein, die am 5. September in Polen beginnt. Hier wird sich zeigen, ob die Verbände ihre Drohung, nicht an FIFA-Turnieren teilzunehmen, tatsächlich in die Tat umsetzen. Frankreich hat bereits signalisiert, dass das Team antreten wird, was die Geschlossenheit der Boykott-Front infrage stellt. Sollten weitere europäische Nationen ebenfalls teilnehmen, würde dies die Glaubwürdigkeit der UEFA-Drohungen massiv schwächen. Weitere FIFA-Turniere, wie die U17-WM der Frauen im Oktober in Marokko und die U17-WM der Männer im November in Katar, könnten ebenfalls zu Schauplätzen dieses Konflikts werden. Die Entscheidung, ob diese Turniere boykottiert werden oder ob man sich mit der FIFA arrangiert, wird ein Indikator für die künftige Wirkmacht der Opposition sein. Es ist ein Balanceakt zwischen sportlicher Notwendigkeit und politischem Protest, der die Verbände in eine schwierige Lage bringt.
Ausblick auf die kommenden Monate
Der Zeitplan bis zur Wahl ist eng getaktet. Die Frist zur Meldung von Kandidaturen endet am 18. November 2026. Bis zu diesem Tag müssen potenzielle Herausforderer ihre Ambitionen offiziell machen, sofern sie eine Chance auf das Amt haben wollen. Der FIFA-Kongress am 18. März 2027 in Marokko wird dann die endgültige Entscheidung über die Zukunft des Verbandes bringen. Bis dahin ist mit weiteren politischen Manövern zu rechnen. UEFA-Vize McAllister hat bereits angedeutet, dass noch einige Wendungen bevorstehen könnten. Die Dynamik des Machtkampfes hängt maßgeblich davon ab, ob die Opposition eine geschlossene Front bilden kann oder ob Infantino es schafft, durch seine Netzwerke in Afrika, Asien und Amerika die notwendigen Stimmen für eine Wiederwahl zu sichern. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die FIFA unter der aktuellen Führung reformiert werden kann oder ob ein personeller Neuanfang unumgänglich ist, um die tiefen Gräben im Weltfußball wieder zu schließen.