Eine Machtbasis im Wandel
Die politische Landschaft innerhalb der FIFA hat sich in den letzten Wochen drastisch verändert. Gianni Infantino, der lange Zeit als unantastbarer Strippenzieher galt, sieht sich mit einer beispiellosen Welle der Kritik konfrontiert. Auslöser war ein geheim geplanter Investorendeal, der nach massiven Protesten aus Europa und Nordamerika sowie Boykottdrohungen der UEFA kurzfristig gestoppt werden musste. Doch während die westlichen Verbände eine klare Abkehr von Infantinos Kurs fordern, zeichnet sich ein differenziertes Bild in anderen Teilen der Welt ab.
Verbündete in Asien und der Stellenwert der Stimmen
Interessanterweise finden sich unter den Unterstützern des FIFA-Präsidenten weiterhin Verbände aus Asien. Trotz der Tatsache, dass sich der asiatische Kontinentalverband AFC zuvor der Kritik angeschlossen hatte, haben einzelne Nationen wie Katar, Kuwait, Sri Lanka, die Vereinigten Arabischen Emiraten und Marokko ihre Solidarität bekundet.
Dabei ist das FIFA-Prinzip entscheidend: Jeder Mitgliedsverband besitzt exakt eine Stimme – unabhängig von seiner sportlichen oder wirtschaftlichen Bedeutung. Lobeshymnen aus Bhutan, die Infantino als eine Führungspersönlichkeit mit tiefem Verständnis für Solidarität feiern, besitzen auf dem Papier das gleiche Gewicht wie die Stimmen der europäischen Schwergewichte. Für Infantino ist dieser Rückhalt in der Breite des Weltverbandes ein wichtiges Signal, um seine Position trotz des massiven Drucks aus dem Norden zu stabilisieren.
Risse im inneren Zirkel
Besonders schwer wiegt jedoch der Vertrauensverlust im direkten Umfeld. Rücktritte hochrangiger Funktionäre wie des Chef-Beraters Carlos Cordeiro und Vorwürfe von Betriebsdirektor Kevin Lamour, Infantino habe Mitarbeiter hintergangen und eingeschüchtert, haben das interne Klima vergiftet. Selbst Generalsekretär Matthias Grafström äußerte sich kritisch über die jüngsten Ereignisse.
Auch Arsène Wenger, der als FIFA-Direktor für globale Fußballentwicklung tätig ist, sah sich zu einer öffentlichen Klarstellung genötigt. Zwar vermied er eine direkte Attacke gegen den Präsidenten, doch seine Forderung nach Transparenz und Integrität wird in Fachkreisen als deutliche Distanzierung gewertet. Damit verliert Infantino jene Verbündeten, die bisher als Garanten für seine fachliche Legitimation galten.
Die Rolle Afrikas und das Schweigen der USA
Lange Zeit galt Afrika als sichere Bank für Infantino, nicht zuletzt durch die gezielte Verteilung von FIFA-Geldern. CAF-Präsident Patrice Motsepe hatte noch kurz vor dem Eklat seine Loyalität betont. Aktuell ist es jedoch auffällig ruhig aus den afrikanischen Verbänden, was auf eine abwartende Haltung hindeutet.
Auch aus den USA, wo Donald Trump den FIFA-Chef in der Vergangenheit öffentlich unterstützte, ist wenig Unterstützung zu vernehmen. Berichte über gescheiterte Kontaktversuche Infantinos in Richtung des Weißen Hauses wurden von der FIFA zwar dementiert, doch das Ausbleiben einer klaren Rückendeckung aus Washington unterstreicht die Isolation des Schweizers.
Ausblick: Der Weg zur Neuwahl
Die turnusmäßigen Wahlen sind für den 18. März 2027 in Rabat angesetzt. Aufgrund der aktuellen Dynamik halten Beobachter jedoch ein früheres Eingreifen der Opposition für wahrscheinlich. Über eine Sondersitzung des FIFA-Councils oder einen Sonderkongress könnten die Gegner versuchen, den Rücktritt zu erzwingen.
Als potenzielle Nachfolger werden regelmäßig Alexander Ceferin (UEFA) und Victor Montagliani (CONCACAF) genannt. Zudem bringt die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness, die sich bereits in der Vergangenheit als einzige prominente Kritikerin innerhalb des Systems profilierte, eine neue Nuance in die Debatte. Ob die Opposition die notwendige Geschlossenheit aufbringt, um Infantino tatsächlich zu stürzen, bleibt abzuwarten. Wie UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister betonte, sind in den kommenden Tagen und Wochen weitere Wendungen in diesem Machtkampf keineswegs auszuschließen.