Ein unerwünschter Gast beim U14-Turnier
Die Spannungen innerhalb der FIFA haben eine neue Eskalationsstufe erreicht. Im Zentrum des aktuellen Konflikts steht der FIFA-Präsident Gianni Infantino und dessen geplanter Besuch eines U14-Jugendturniers in der Dominikanischen Republik. Dieses Turnier, an dem verschiedene Jugendnationalmannschaften aus der Karibik teilnehmen, sollte ursprünglich ein fester Bestandteil der Reise des FIFA-Chefs in die Region sein. Doch daraus wird nun voraussichtlich nichts. Victor Montagliani, der als Präsident der CONCACAF fungiert – dem Kontinentalverband für Nordamerika, Mittelamerika und die Karibik –, hat sich in einem offiziellen Schreiben an Infantino gewandt. In diesem Brief, der der Sportschau vorliegt, bittet Montagliani den FIFA-Präsidenten eindringlich, seine Teilnahme an der sportlichen Veranstaltung zu überdenken und ihr fernzubleiben. Der Grund für diese ungewöhnliche Bitte liegt in der Sorge um den reibungslosen Ablauf des Wettbewerbs. Montagliani befürchtet, dass die Anwesenheit Infantinos aufgrund der aktuellen politischen Großwetterlage bei der FIFA zu einer massiven medialen Aufmerksamkeit führen könnte, die den Fokus der Öffentlichkeit von den jungen Sportlern weg auf die kontroversen Führungsthemen des Weltverbandes lenken würde. Die Bitte ist als ein deutliches Signal der Distanzierung innerhalb der Fußball-Hierarchie zu werten.
Die Details des Schreibens und die Hintergründe
In dem Dokument, das der Sportschau vorliegt, wird die Begründung für die Ausladung präzise dargelegt. Victor Montagliani weist den FIFA-Präsidenten darauf hin, dass dessen geplante Teilnahme bereits ein erhebliches Medieninteresse hervorgerufen habe. Er führt aus, dass angesichts der anhaltenden Führungskrise bei der FIFA, die durch den zwischenzeitlich geplanten Verkauf von Anteilen an WM-Turnieren an Privatinvestoren ausgelöst wurde, mit einer starken Fokussierung der Presse auf genau diese Problematik zu rechnen sei. Montagliani betont, dass diese Situation den Wettbewerb der Jugendlichen erheblich beeinträchtigen würde. Er bittet Infantino daher im Namen des Fußballs höflich, seine Pläne zu ändern. Die FIFA wurde von der Sportschau um eine Stellungnahme zu diesem Vorgang gebeten. Der Regionalverband für die Karibik, die Caribbean Football Union (CFU), fungiert als Ausrichter des Turniers. Während Infantino in den sozialen Medien, etwa auf Instagram, Videos von Treffen mit Vertretern nationaler Verbände in der Dominikanischen Republik teilt, zeigt sich an anderer Stelle die Konfrontation: Ein Reporter des britischen Senders Sky konfrontierte Infantino während seines Besuchs direkt mit der Frage, ob er den Fußball betrogen habe. Der FIFA-Präsident verweigerte auf diese direkte Nachfrage hin jedoch jegliche Antwort.
Der Weg in die aktuelle Führungskrise
Die Ursache für die derzeitige Zuspitzung ist ein gescheiterter und hochumstrittener Investorendeal. Gianni Infantino hatte den Plan verfolgt, die kommerziellen Rechte an FIFA-Turnieren, darunter die Weltmeisterschaften der Männer und Frauen sowie die Klub-WM, in eine eigene Tochtergesellschaft auszulagern. Ziel war es, 20 Prozent dieser Gesellschaft für eine Summe von 4,2 Milliarden US-Dollar an Privatinvestoren zu verkaufen. Die Erlöse sollten theoretisch den 211 Nationalverbänden zugutekommen. Doch der Widerstand gegen dieses Vorhaben war massiv. Besonders kritisiert wurde, dass ohne einen transparenten Wettbewerb eine Investmentgesellschaft von Joshua Kushner als Partner ausgewählt wurde. Kushner ist der Bruder des Schwiegersohns des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Die UEFA äußerte zudem erhebliche Zweifel daran, wer tatsächlich von dem Deal profitieren würde und welchen Einfluss die Investoren langfristig auf den Fußball ausüben könnten. Auch der enorme Zeitdruck, der auf die Verbände ausgeübt wurde, um dem Geschäft zuzustimmen, stieß auf breite Ablehnung. Letztlich wurde das Geschäft abgesagt, doch der daraus resultierende Machtkampf innerhalb der FIFA-Strukturen ist in vollem Gange und prägt seither die politische Arbeit des Verbandes.
Die beteiligten Akteure und Machtverhältnisse
Die Fronten im aktuellen FIFA-Machtkampf sind komplex. Victor Montagliani, der aus Kanada stammt und die CONCACAF leitet, nimmt eine Schlüsselrolle ein. Er gilt in Fußballkreisen als möglicher Nachfolger oder gar als Gegenkandidat für Infantino, dessen Wiederwahl für März 2027 angesetzt ist. Die CONCACAF hat sich, ebenso wie die UEFA und der asiatische Konföderationsverband, gegen Infantino positioniert und ihm einen fundamentalen Vertrauensbruch attestiert. Dennoch ist die Opposition nicht geschlossen. Während viele Nationalverbände, insbesondere in Europa, ihre Unterstützung für Infantino offiziell zurückgezogen haben, gibt es in Asien und innerhalb der CONCACAF weiterhin Verbände, die dem FIFA-Präsidenten die Treue halten. So haben beispielsweise Grenada sowie St. Kitts and Nevis ihre Unterstützung für Infantino bereits öffentlich bekräftigt. Auch in Afrika und Südamerika erfährt der FIFA-Präsident weiterhin weitgehenden Zuspruch. Da jeder der 211 Nationalverbände weltweit bei der Wahl des FIFA-Präsidenten über eine Stimme verfügt, ist der Kampf um die Gunst der kleineren Verbände ein zentrales Element der Strategie beider Seiten.
Einordnung der Situation
Einzuordnen ist der Brief von Montagliani als ein offener Affront gegen die Autorität des amtierenden FIFA-Präsidenten. Dass ein einflussreicher Regionalverbandschef den FIFA-Chef öffentlich bittet, einer Veranstaltung fernzubleiben, ist ein ungewöhnlicher Vorgang und unterstreicht die tiefe Zerrüttung innerhalb der FIFA-Spitze. Den Berichten zufolge ist die UEFA die treibende Kraft hinter den Rücktrittsforderungen, die sich an Infantino richten. Bisher blieb dieser Druck jedoch ohne den gewünschten Erfolg. Die Tatsache, dass Infantino trotz der massiven Kritik an seiner Person und seiner Geschäftspolitik weiterhin Reisen unternimmt und versucht, durch direkte Treffen mit Verbandsvertretern Unterstützung zu sichern, zeigt, dass er trotz der Krise an seiner Machtbasis arbeitet. Die Situation ist festgefahren: Die UEFA drängt auf einen Rücktritt, während Infantino seine Position durch die Unterstützung aus Afrika, Südamerika und Teilen der CONCACAF zu stabilisieren versucht. Eine offizielle Gegenkandidatur für die Wahl im März 2027 wurde bislang noch nicht formell eingereicht, was den Druck auf die Opposition erhöht, eine tragfähige Alternative zu präsentieren.
Offene Fragen und die Zukunft der FIFA
Der vorliegende Sachverhalt lässt einige wesentliche Fragen unbeantwortet. Es bleibt unklar, wie genau die FIFA auf das Schreiben von Montagliani reagieren wird und ob Infantino der Bitte tatsächlich nachkommen wird oder trotz der Aufforderung am Turnier teilnimmt. Ebenso ist nicht bekannt, welche konkreten Konsequenzen ein solches Ignorieren der Bitte für das Verhältnis zwischen der CONCACAF und der FIFA-Zentrale hätte. Auch die Frage, ob sich weitere Verbände der Forderung nach einem Rücktritt anschließen werden, bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt offen. Was die Zukunft betrifft, so ist der entscheidende Termin die FIFA-Präsidentenwahl im März 2027. Bis dahin wird der Machtkampf zwischen der UEFA-geführten Opposition und dem Lager um Infantino die politische Agenda des Weltverbandes dominieren. Da bisher keine Gegenkandidatur offiziell verkündet wurde, bleibt abzuwarten, ob sich aus dem Kreis der Kritiker noch eine Person formiert, die bereit ist, gegen den amtierenden Präsidenten anzutreten. Die Dynamik innerhalb der 211 Nationalverbände wird hierbei den Ausschlag geben, wobei die Unterstützung kleinerer Verbände, wie sie Infantino in der Karibik sucht, weiterhin eine entscheidende Rolle für den Ausgang der Wahl spielen dürfte.