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Wetware statt Hardware: Universität bekommt erste Cloud mit Hirnzellen
Technik · 27.08.2026 18:18

Wetware statt Hardware: Universität bekommt erste Cloud mit Hirnzellen

Kurz: Die National University of Singapore setzt auf biologische Rechenpower: 20 CL1-Systeme mit menschlichen Neuronen unterstützen nun die medizinische Forschung.

Ein Paradigmenwechsel in der Rechentechnik: Biologische Systeme ziehen in die Forschung ein

Ein bemerkenswerter technologischer Fortschritt erreicht die akademische Welt: Die National University of Singapore (NUS) hat als erste Universität weltweit ein umfassendes Cloud-System erhalten, das auf biologischen Komponenten basiert. Anstelle der üblichen siliziumbasierten Prozessoren kommen hier sogenannte CL1-Systeme zum Einsatz, die vom australischen Start-up Cortical Labs entwickelt wurden. Diese Systeme nutzen keine klassischen Transistoren, sondern basieren auf lebenden, aus Stammzellen gezüchteten menschlichen Neuronen. Die Installation umfasst insgesamt 20 dieser speziellen Einheiten, die nun in einer Cloud-Umgebung für Forschungszwecke zur Verfügung stehen. Damit verlässt die Technologie den exklusiven Bereich der unternehmenseigenen Cloud-Angebote von Cortical Labs und findet ihren Weg direkt in die wissenschaftliche Praxis. Dieser Schritt markiert einen Wendepunkt, da erstmals eine größere Anzahl dieser biologischen Rechner außerhalb der direkten Kontrolle des Herstellers in einer universitären Umgebung betrieben wird. Die Integration dieser Technologie in ein 19-Zoll-Rack-Format zeigt zudem, dass die Hardware-Architektur bereits darauf ausgelegt ist, sich in bestehende Laborinfrastrukturen einzufügen, auch wenn die Anforderungen an die Umgebung durch die biologische Natur der Recheneinheiten grundlegend anders sind als bei konventionellen Servern.

Technische Details und die Architektur der Wetware

Die technischen Spezifikationen der CL1-Systeme verdeutlichen den hybriden Charakter dieser neuen Hardware-Generation. Jedes einzelne der 20 installierten Systeme beherbergt etwa 800.000 menschliche Nervenzellen, die als biologische Recheneinheiten fungieren. Diese Zellen werden in einem hochsensiblen Prozess gezüchtet und in die Chips integriert. Ein entscheidender Aspekt ist dabei die Lebensdauer der biologischen Komponenten: Die Neuronen haben eine begrenzte Existenzdauer von etwa sechs Monaten, bevor sie ersetzt werden müssen. Das System CL1 übernimmt dabei die komplexe Aufgabe der Lebenserhaltung, um die Stabilität der Zellen zu gewährleisten. Die Anbindung an die Cloud erfolgt über eine Schnittstelle, die es den Forschern ermöglicht, die Systeme zu nutzen, ohne direkten physischen Zugriff auf die empfindlichen biologischen Strukturen nehmen zu müssen. Die physische Unterbringung in klassischen 19-Zoll-Racks täuscht dabei über die biologische Komplexität hinweg, denn im Inneren findet ein biologischer Prozess statt, der weit über das Schalten von elektrischen Signalen hinausgeht. Die Steuerung und Pflege dieser Einheiten erfordert eine Infrastruktur, die eher einem biologischen Labor als einem herkömmlichen Rechenzentrum gleicht, was die Einzigartigkeit dieser Installation unterstreicht.

Der Weg zur biologischen Cloud: Von ersten Experimenten zur universitären Anwendung

Die Entwicklung hin zu dieser universitären Cloud-Lösung begann im Juni 2025, als Cortical Labs den CL1-Computer erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Ursprünglich bot das Unternehmen die Nutzung der biologischen Rechenpower ausschließlich über eine eigene, geschlossene Cloud-Umgebung an, während interessierte Labore lediglich die Möglichkeit hatten, einzelne Systeme zu erwerben. Die nun erfolgte Bereitstellung eines 20-Einheiten-Clusters an der NUS stellt eine signifikante Skalierung dar. Die Geschichte dieser Technologie ist eng mit der Erforschung der neuronalen Plastizität und der Recheneffizienz biologischer Systeme verknüpft. Cortical Labs hat in den vergangenen Monaten immer wieder demonstriert, wozu diese Systeme fähig sind, indem sie die Neuronen in verschiedenen Spielumgebungen agieren ließen. Von dem Klassiker Pong über Doom bis hin zu Pokémon: Gelbe Edition reichte das Spektrum der Experimente, um die Lernfähigkeit und die Interaktion der Neuronen mit digitalen Reizen zu belegen. Diese Vorarbeiten dienten als Proof-of-Concept, um das Potenzial der Technologie auszuloten, bevor sie nun in den medizinischen Forschungsbetrieb an der NUS überführt wurde.

Akteure und Zuständigkeiten in der biologischen Forschung

An der Schnittstelle zwischen Informatik und Biologie agieren verschiedene Akteure. Das australische Unternehmen Cortical Labs fungiert als Entwickler und Lieferant der CL1-Technologie. Die National University of Singapore hat sich als erste Institution für die großflächige Implementierung entschieden. Dabei ist eine Besonderheit der institutionellen Zuständigkeit zu beachten: Da die Systeme lebende Neuronen beherbergen, ist nicht die Informatikfakultät der Universität für den Betrieb verantwortlich, sondern das Institut für Medizin. Diese Entscheidung unterstreicht, dass es sich bei den CL1-Systemen nicht um klassische IT-Hardware handelt, sondern um ein biologisches Forschungsobjekt. Das Neurobiologielabor der NUS trägt die Hauptlast der Verantwortung, insbesondere bei der Züchtung und der langfristigen Pflege der Nervenzellen. Die Zusammenarbeit zwischen den Technikern von Cortical Labs, die die Cloud-Infrastruktur bereitstellen, und den Biologen der Universität, die die Lebensgrundlagen der Recheneinheiten sichern, ist für den Erfolg des Projekts essenziell. Die Wissenschaftler an der NUS stehen nun vor der Herausforderung, dieses neue Werkzeug sowohl für KI-Fragestellungen als auch für die direkte medizinische Wirkstoffforschung zu nutzen.

Einordnung der Technologie: Zwischen KI-Effizienz und medizinischer Forschung

Einzuordnen ist diese Entwicklung als ein hochspezialisierter Ansatz, der jedoch nicht als direkter Ersatz für gängige KI-Hardware zu verstehen ist. Den Berichten zufolge bietet die Nutzung von Neuronen eine höhere Effizienz in bestimmten Bereichen der künstlichen Intelligenz, da die biologische Struktur von Natur aus auf komplexe Informationsverarbeitung ausgelegt ist. Dennoch betont Cortical Labs, dass man sich weiterhin in einem Lernprozess befinde. Die Bedeutung dieser Technologie liegt weniger in der reinen Rechenleistung im klassischen Sinne, sondern vielmehr in der Möglichkeit, medizinische Wirkstoffe und neurologische Erkrankungen direkt an den lebenden Neuronen zu untersuchen. Die Wetware – ein Begriff, der aus der Science-Fiction stammt und nun reale Anwendung findet – ermöglicht es Forschern, biologische Reaktionen in Echtzeit zu beobachten. Es handelt sich somit um eine Kombination aus Rechner und Versuchskaninchen. Die Einordnung als medizinisches Instrument scheint daher treffender als die Bezeichnung als klassischer Server. Die Forschungsgemeinschaft beobachtet mit Spannung, ob sich diese biologischen Chips als nachhaltige Alternative oder Ergänzung zu Silizium-Chips etablieren können, wobei die hohen Anforderungen an die Laborumgebung eine Hürde für eine breite kommerzielle Verbreitung darstellen.

Offene Fragen zur Skalierbarkeit und Zukunft

Trotz der Inbetriebnahme des Systems bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet, die für die langfristige Relevanz der Technologie entscheidend sind. Der Quelltext gibt beispielsweise keinen Aufschluss darüber, wie die Datenübertragung zwischen den biologischen Neuronen und der digitalen Cloud-Umgebung exakt in Echtzeit optimiert wird, ohne die biologischen Prozesse zu stören. Auch bleibt unklar, welche spezifischen neurologischen Erkrankungen in der ersten Phase an der NUS untersucht werden sollen. Es wird nicht spezifiziert, wie hoch die Fehlerrate bei den Berechnungen der Neuronen im Vergleich zu klassischen Prozessoren ist und wie die Konsistenz der Ergebnisse über die sechsmonatige Lebensdauer der Zellen hinweg sichergestellt wird. Zudem fehlen Informationen über die Kostenstruktur des Betriebs, insbesondere im Hinblick auf den hohen Personalaufwand für die Züchtung und Pflege der Neuronen im Labor. Auch die Frage, wie Cortical Labs die Skalierung auf noch größere Cluster plant, bleibt offen. Es ist nicht bekannt, ob und wann weitere Universitäten mit ähnlichen Systemen ausgestattet werden sollen oder ob die NUS eine exklusive Forschungspartnerschaft für die nächste Entwicklungsstufe der CL1-Hardware eingegangen ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-sitzung-sitzen-gruppe-8199168/ · Foto: Yan Krukau
Quelle: https://www.golem.de/news/wetware-statt-hardware-universitaet-bekommt-erste-cloud-mit-hirnzellen-2608-212379.html