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Gamescom: „Wolcen 2“: Der gescheiterte „Diablo“-Rivale bekommt eine zweite Chance
Technik · 27.08.2026 15:43

Gamescom: „Wolcen 2“: Der gescheiterte „Diablo“-Rivale bekommt eine zweite Chance

Kurz: Wolcen Studio kündigt auf der Gamescom „Wolcen 2“ an. Nach dem schwierigen Start des Vorgängers steht das Studio vor einer großen Herausforderung.

Ein Neuanfang nach dem Debakel

Das Entwicklerstudio Wolcen Studio hat auf der diesjährigen Gamescom in Köln offiziell die Arbeit an „Wolcen 2“ bestätigt. Die Ankündigung ist für viele Beobachter überraschend, da das Vorgängerspiel „Wolcen: Lords of Mayhem“ eine äußerst problematische Historie aufweist. Das Studio selbst geht dabei ungewohnt offen mit der Vergangenheit um und räumt eine ganze Reihe von Fehlern ein, die den ersten Teil belasteten. Dazu zählten massive technische Probleme, die zum Teil die Spielbarkeit einschränkten, nicht eingehaltene Versprechen gegenüber der Community, eine unfertige Erzählstruktur sowie eine lange Phase des Schweigens seitens der Entwickler. Am Ende der Leidensgeschichte standen sogar abgeschaltete Server, was das Vertrauen der Spielerbasis nachhaltig erschütterte. Mit dem Nachfolger möchte das Team nun beweisen, dass es aus diesen Fehlern gelernt hat und ein stabileres, motivierenderes Spielerlebnis liefern kann. Die Ankündigung markiert den Versuch einer Rehabilitation, doch die Messlatte liegt nach dem katastrophalen Start des Erstlings extrem hoch. Das Studio steht nun unter dem Druck, nicht nur ein spielbares Produkt abzuliefern, sondern auch das verloren gegangene Vertrauen der Fans zurückzugewinnen, während die Konkurrenz im Genre der Action-Rollenspiele deutlich erstarkt ist.

Die Geschichte hinter dem Projekt

Die Ursprünge von Wolcen liegen im Jahr 2015, als das Projekt unter dem Namen „Umbra“ als Kickstarter-Kampagne an den Start ging. Damals gelang es den Entwicklern, mehr als 400.000 US-Dollar von über 11.000 Unterstützern einzusammeln, was die hohen Erwartungen an das ambitionierte Action-Rollenspiel unterstrich. Ein Jahr später, 2016, wechselte das Projekt in die Early-Access-Phase, in der es über mehrere Jahre hinweg weiterentwickelt wurde. Im Februar 2020 folgte schließlich die Veröffentlichung der Version 1.0. Besonders die visuelle Präsentation sorgte vor dem Release für einen großen Hype, da das Spiel grafisch zu den aufwendigsten Titeln am Markt gehörte. Doch der Start verlief desaströs: Die Serverinfrastruktur brach unter dem Ansturm der Spieler zusammen, und zahlreiche Bugs machten den Spielern das Leben schwer. Diese Anfangsphase gilt bis heute als Paradebeispiel für einen misslungenen Launch. Das Studio ist sich dieser schmerzhaften Vorgeschichte bewusst und betont, dass Teil 2 unter völlig anderen Vorzeichen entstehen soll. Die Entwicklung von „Wolcen 2“ ist somit untrennbar mit der Aufarbeitung dieser Ereignisse verbunden, wobei das Team nun versucht, eine neue Basis für die Marke zu schaffen.

Das Spielkonzept und die Mechaniken

Inhaltlich setzt „Wolcen 2“ auf ein bewährtes System, das bereits den Vorgänger auszeichnete: Es gibt keine festen Klassen. Stattdessen bestimmt die gewählte Waffe die verfügbaren Fähigkeiten des Charakters. Ergänzt wird dieses System durch komplexe Passivbäume, diverse Spezialisierungsmöglichkeiten und eine umfangreiche Ausrüstung. Laut Game Director Cristian Tudor ist das Ziel, dass sich aus diesen individuellen Entscheidungen im Laufe der Zeit ein eigener Archetyp herauskristallisiert – das Spektrum reicht dabei vom klassischen Nahkampf-Magier bis hin zum spezialisierten Revolverhelden. Ein zentraler Punkt in der Philosophie des Studios ist die Synergie zwischen den verschiedenen Systemen. Waffen, Fähigkeiten und die passiven Talente sollen nicht isoliert voneinander existieren, sondern eng ineinandergreifen, um eine taktische Tiefe zu erzeugen. Damit möchte man sich von einer rein additiven Spielweise abheben. Ob dieses komplexe Geflecht aus Mechaniken in der Praxis tatsächlich die gewünschte spielerische Freiheit bietet oder ob es zu einer Überladung der Systeme führt, bleibt abzuwarten. Die Entwickler betonen jedoch, dass die Verzahnung der verschiedenen Elemente das Herzstück des neuen Spielgefühls bilden soll.

Technikwechsel als strategischer Schritt

Ein wesentlicher technischer Aspekt von „Wolcen 2“ ist der Wechsel von der bisher verwendeten CryEngine hin zur Unreal Engine 5. Game Director Cristian Tudor begründet diesen Schritt vor allem mit praktischen Erwägungen. Die neue Engine biete deutlich mehr Flexibilität, bessere Werkzeuge für das Design und das Prototyping sowie eine schnellere Iteration bei der Entwicklung. Dieser Wechsel ist jedoch nicht nur eine rein spielbezogene Entscheidung, sondern auch strategisch motiviert. Wolcen Studio arbeitet parallel an einem weiteren Projekt, dem Extraction-Action-Rollenspiel „Gods, Death & Reapers“. Durch die Nutzung derselben Engine können beide Teams Technik, Wissen und bei Bedarf auch Personal effizienter austauschen. Diese Synergie innerhalb des Studios soll die Entwicklung beider Titel beschleunigen und die Qualitätssicherung verbessern. Die Unreal Engine 5 ermöglicht zudem moderne grafische Standards, auch wenn das visuelle Ergebnis in der aktuellen Demo als solide, aber nicht mehr als revolutionär beschrieben wird. Es zeigt sich, dass das Studio versucht, seine begrenzten Ressourcen durch eine klügere technische Infrastruktur optimal zu nutzen, um die Effizienz im Vergleich zum ersten Teil deutlich zu steigern.

Erste Eindrücke von der Gamescom

Beim Anspielen auf der Gamescom in Köln hinterließ „Wolcen 2“ einen zwiespältigen Eindruck. Das kämpferische Kerngeschäft wirkte in der Demo noch etwas farblos und konnte die hohen Erwartungen bisher nicht erfüllen. Kritisiert wurde insbesondere, dass die Schläge schwammig wirkten und Gegner unverhältnismäßig viel Schaden einstecken konnten, ohne eine spürbare Reaktion zu zeigen. Die Schlachten in der gezeigten Fassung reduzierten sich oft darauf, an einer Stelle zu verharren, die Angriffstaste zu betätigen und gelegentlich auszuweichen, was wenig dynamisch wirkte. Zudem enttäuschten die ersten Bossgegner durch eine geringe Anzahl an Angriffsmustern, die zudem als langweilig empfunden wurden. Im direkten Vergleich zu Genre-Größen wie „Path of Exile 2“ oder dem unbeschwerten Spielgefühl von „Diablo 4“ fehlt es „Wolcen 2“ derzeit noch an der nötigen Wucht und der motivierenden Tiefe. Auch visuell wirkt das Spiel zwar solide, erreicht aber nicht mehr das Gütesiegel des grafisch aufwendigsten Titels, das der erste Teil 2020 für sich beanspruchen konnte. Das Design der Gegner und Rüstungen wirkt zudem eher generisch und bedient sich zahlreicher Klischees wie Stacheln, Hörnern und Totenköpfen.

Einordnung der Marktsituation

Einzuordnen ist die Situation von Wolcen Studio als äußerst schwierig. Der Markt für Action-Rollenspiele ist derzeit hart umkämpft. „Diablo 4“ und die beiden Teile von „Path of Exile“ dominieren das Genre und teilen den Markt weitgehend unter sich auf. Insbesondere „Path of Exile 2“ steht zudem kurz vor der Veröffentlichung seiner Version 1.0, was den Druck auf kleinere Studios weiter erhöht. Hinter diesen Titeln stehen große, erfahrene Teams mit erheblichen Budgets, die über Jahre hinweg eine treue Community aufgebaut haben. Um sich in diesem Umfeld behaupten zu können, müsste „Wolcen 2“ durch ein Alleinstellungsmerkmal auffallen, das es aus der Masse hervorhebt. Den Berichten zufolge gelingt dies dem Spiel in seinem derzeitigen Entwicklungsstadium noch nicht. Die Konkurrenz ist nicht nur technisch stark, sondern bietet auch eine Spieltiefe, die von den Spielern mittlerweile als Standard vorausgesetzt wird. Wolcen Studio muss daher beweisen, dass sie nicht nur ein fehlerfreies Spiel abliefern können, sondern auch inhaltlich eine Nische finden, die groß genug ist, um neben den Giganten des Genres zu bestehen.

Offene Fragen zur Entwicklung

Obwohl die Ankündigung von „Wolcen 2“ einige Details preisgibt, bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Es ist unklar, wie das Studio die Balance zwischen der Entwicklung von zwei parallelen Projekten halten will, ohne dass die Qualität unter der Arbeitsbelastung leidet. Auch bleibt offen, ob das Feedback der Gamescom-Demo zu einer grundlegenden Überarbeitung des Kampfsystems führen wird, da die Kritik an der schwammigen Steuerung und den langweiligen Gegnern deutlich war. Zudem gibt es keine Informationen darüber, wie das Monetarisierungsmodell aussehen wird und ob das Studio plant, die Community stärker in den Entwicklungsprozess einzubinden, um die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Die Frage, wie das Studio das Vertrauen der Spieler zurückgewinnen will, die vom ersten Teil enttäuscht wurden, bleibt ebenfalls spekulativ. Auch die inhaltliche Ausrichtung der Story und die Weltgestaltung werden im Quelltext nur oberflächlich behandelt, sodass unklar bleibt, ob „Wolcen 2“ eine neue Geschichte erzählt oder die Erzählstränge des ersten Teils fortsetzt. Diese Lücken in der Kommunikation lassen Raum für Spekulationen über die tatsächliche Reife des Projekts.

Ausblick auf den weiteren Zeitplan

Bis zum geplanten Start der Early-Access-Phase im Jahr 2027 hat das Team von Wolcen Studio noch ausreichend Zeit, um aus den selbstkritischen Versprechen ein überzeugendes Spiel zu formen. Dieser Zeitrahmen ist ambitioniert, aber notwendig, um die genannten technischen und spielerischen Mängel zu beheben. Die kommenden Monate werden entscheidend dafür sein, ob das Studio die Kritik der Messebesucher ernst nimmt und die notwendigen Anpassungen am Kampfsystem vornimmt. Es steht zu erwarten, dass in naher Zukunft weitere Details zur Spielwelt, den Klassen-Archetypen und den geplanten Inhalten für die Early-Access-Version veröffentlicht werden. Die Entscheidung, das Spiel erst 2027 in den Early Access zu entlassen, deutet darauf hin, dass die Entwickler den Fehler einer zu frühen Veröffentlichung, wie sie beim ersten Teil geschah, diesmal vermeiden wollen. Ob das Spiel bis dahin die nötige Reife erlangt, um gegen die etablierte Konkurrenz zu bestehen, bleibt die zentrale Herausforderung für das Studio. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Wolcen Studio den Turnaround schafft oder ob das Projekt an den hohen Erwartungen und der starken Marktdominanz der Konkurrenz scheitert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hande-smartphone-laptop-arbeiten-20044367/ · Foto: Airam Dato-on
Quelle: https://www.heise.de/news/Wolcen-2-Der-gescheiterte-Diablo-Rivale-bekommt-eine-zweite-Chance-11431878.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag