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Europäische Souveränität: Schwarz Digits verdient offenbar kaum Geld und hostet weiter in den USA
Technik · 27.08.2026 17:31

Europäische Souveränität: Schwarz Digits verdient offenbar kaum Geld und hostet weiter in den USA

Kurz: Die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe steht vor Herausforderungen: Geringe externe Umsätze und Abhängigkeiten von US-Clouds belasten das Souveränitätsversprechen

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Digitalsparte der Schwarz-Gruppe, bekannt unter dem Namen Schwarz Digits, sieht sich derzeit mit erheblichen wirtschaftlichen und operativen Herausforderungen konfrontiert. Trotz des ambitionierten Versprechens, europäische digitale Souveränität durch eigene Cloud-Infrastrukturen und Softwarelösungen zu gewährleisten, zeichnet sich ein anderes Bild ab. Wie aus Berichten des Manager Magazins unter Berufung auf interne Unternehmensquellen hervorgeht, ist der Erfolg der Sparte bisher stark auf den eigenen Mutterkonzern begrenzt. Die Schwarz-Gruppe, zu der die Einzelhandelsriesen Lidl und Kaufland gehören, fungiert zu über 90 Prozent als der primäre Kunde der eigenen Digitaltochter. Dies wirft Fragen zur Marktfähigkeit des Geschäftsmodells auf, da externe Umsätze bisher nur einen marginalen Teil des Gesamtvolumens ausmachen. Besonders kritisch wird bewertet, dass zentrale Anwendungen des Konzerns, die eigentlich auf der hauseigenen Cloud-Plattform Stackit laufen sollten, weiterhin auf US-amerikanischen Infrastrukturen betrieben werden. Damit steht das Kernversprechen der digitalen Souveränität, das das Unternehmen bei jedem öffentlichen Auftritt betont, in einem deutlichen Widerspruch zur technischen Realität im laufenden Betrieb.

Die Einzelheiten – Zahlen und Fakten

Die wirtschaftliche Bilanz von Schwarz Digits offenbart eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Gesamtauftritt und der tatsächlichen Marktdurchdringung. Der Gesamtumsatz der Sparte wird auf 2,2 Milliarden Euro beziffert, wobei jedoch mehr als 90 Prozent dieses Betrags innerhalb des eigenen Konzerngeflechts generiert werden. Der Kernbereich Stackit, der als technisches Rückgrat für die europäische Cloud-Strategie dienen soll, erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025/26 lediglich 46,5 Millionen Euro. Diese Zahlen verdeutlichen, dass das externe Geschäft bisher kaum nennenswerte Impulse liefert. Zu den betroffenen Anwendungen gehören prominente Systeme wie das Warenwirtschaftssystem Wawi Nexus, das speziell für Lidl entwickelt wurde, sowie die Lidl-Plus-App, die von über 100 Millionen Kunden genutzt wird. Entgegen der offiziellen Strategie laufen diese Systeme teilweise noch immer auf Plattformen von US-Anbietern wie Microsoft Azure oder Google Cloud. Auch im Bereich der SAP-Dienstleistungen gibt es Verzögerungen: Kunden warten weiterhin auf die bereits Ende 2024 angekündigte Möglichkeit, ihre SAP-Anwendungen über die Stackit-Cloud zu hosten. In einigen Fällen befinden sich die Lösungen noch im Beta-Stadium, während in anderen Bereichen notwendige Zertifizierungen fehlen, die für einen produktiven Einsatz unerlässlich wären.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die strategische Ausrichtung von Schwarz Digits war von Beginn an auf die Etablierung einer europäischen Alternative zu den dominierenden US-Hyperscalern ausgelegt. Mit dem Ziel, die Abhängigkeit von ausländischen Cloud-Anbietern zu minimieren, investierte die Schwarz-Gruppe massiv in den Aufbau eigener Kapazitäten. Ein Meilenstein dieser Entwicklung war die Vorstellung des European Sovereign Stack Standards (ES³) auf der Hannover Messe im April 2026. Doch der Weg dorthin war von Rückschlägen und internen Problemen geprägt. Die Transformation der IT-Landschaft innerhalb des Handelskonzerns erwies sich als komplexer und langwieriger als ursprünglich geplant. Während die Vision einer souveränen Cloud-Infrastruktur nach außen hin stets als zentraler Pfeiler kommuniziert wurde, zeigten sich intern bereits frühzeitig Schwierigkeiten bei der Migration der kritischen Geschäftsanwendungen. Die Kombination aus hohen Entwicklungsaufwänden und dem Druck, die Plattformen skalierbar zu machen, führte dazu, dass der Konzern in der Praxis häufiger auf etablierte US-Lösungen zurückgriff, als es die offizielle Strategie vorsah. Auch personelle Veränderungen, wie die abrupte Trennung von dem ehemaligen Spartenchef Rolf Schumann, sorgten für Unruhe innerhalb der Organisation und beeinflussten die strategische Kontinuität.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum der Geschehnisse steht die Schwarz-Gruppe als Muttergesellschaft, die mit Lidl und Kaufland die Hauptanwender der digitalen Dienste stellt. Die Digitalsparte Schwarz Digits agiert dabei als Dienstleister, der unter anderem die Plattform Stackit betreibt. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Management, das sich nach dem plötzlichen Abgang von Rolf Schumann neu orientieren musste. Auf der Kundenseite sind es vor allem SAP-Anwender, die auf die Verfügbarkeit der Stackit-Cloud warten, um ihre IT-Infrastruktur europäisch zu hosten. Zudem gibt es Berichte über potenzielle Großaufträge von Institutionen wie der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bundeswehr für die Schwarz Cloud. Diese Aufträge werden als Hoffnungsträger für die Zukunft der Sparte gehandelt, wurden jedoch vom Unternehmen selbst bisher nicht bestätigt. Die Abhängigkeit von US-Unternehmen wie Microsoft und Google bleibt indes ein zentraler Aspekt der aktuellen Debatte, da diese Firmen weiterhin als Cloud-Provider für die kritischen Anwendungen des Handelskonzerns fungieren.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als eine Phase der Konsolidierung und der harten Realitätsprüfung für Schwarz Digits. Den Berichten zufolge steht das Geschäftsmodell unter erheblichem Druck, da die Skalierung auf externe Kunden bisher nicht im gewünschten Maße gelungen ist. Die Tatsache, dass über 90 Prozent des Umsatzes intern generiert werden, deutet darauf hin, dass die Plattform Stackit bisher noch nicht die notwendige Marktreife oder Akzeptanz bei externen Unternehmen erreicht hat, um als eigenständiger Player gegen die US-Konkurrenz zu bestehen. Besonders kritisch ist das Spannungsfeld zwischen dem Marketing der europäischen Souveränität und der tatsächlichen Nutzung von US-Clouds für die eigenen Kernanwendungen. Dies könnte das Vertrauen potenzieller Kunden in die technologische Unabhängigkeit der Schwarz-Cloud schwächen. Zudem greift der Konzern laut Berichten zu Notverkäufen und Koppelgeschäften, etwa bei den Beteiligungen XM Cyber oder G2K, um die hohen Entwicklungsaufwände zu kompensieren. Dabei werden Patente an US-Konzerne abgegeben, was ironischerweise der ursprünglichen Strategie der technologischen Souveränität entgegensteht, da geistiges Eigentum den europäischen Raum verlässt.

Offene Fragen – Was bleibt ungeklärt

Der aktuelle Kenntnisstand lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, wann genau die Migration der kritischen Anwendungen wie Wawi Nexus und Lidl Plus von den US-Clouds auf die Stackit-Infrastruktur abgeschlossen sein wird. Ebenso fehlen konkrete Informationen darüber, welche Hindernisse genau dazu führen, dass SAP-Kunden auch lange nach der Ankündigung von Ende 2024 noch immer auf die volle Verfügbarkeit der Hosting-Dienste warten müssen. Auch die genauen Hintergründe der personellen Umbrüche, insbesondere der Trennung von Rolf Schumann, werden nicht im Detail beleuchtet, was Spekulationen über die interne Stabilität der Führungsebene zulässt. Des Weiteren bleibt die Bestätigung der Großaufträge durch die EU-Kommission, die EZB und die Bundeswehr aus. Es ist nicht ersichtlich, in welchem Stadium sich diese Verhandlungen befinden oder ob sie überhaupt über ein vorläufiges Interesse hinausgehen. Die Frage, wie Schwarz Digits die Diskrepanz zwischen dem Souveränitätsanspruch und der realen Abhängigkeit von US-Technologie langfristig auflösen will, bleibt ebenfalls eine offene Lücke in der aktuellen Berichterstattung.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/vintage-computer-eine-betrachtung-des-modernen-laptops-37621279/ · Foto: Rafael Minguet Delgado
Quelle: https://www.golem.de/news/europaeische-souveraenitaet-schwarz-digits-verdient-offenbar-kaum-geld-und-hostet-weiter-in-den-usa-2608-212378.html