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Warum Erdgas bald wieder teurer werden könnte
Wirtschaft · 12.08.2026 10:48

Warum Erdgas bald wieder teurer werden könnte

Kurz: Trotz gesicherter Versorgung könnten die Gaspreise im Winter steigen. Experten warnen vor globalen Abhängigkeiten und Risiken durch den Konflikt im Nahen Osten.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Energieversorgung in Deutschland steht vor einer herausfordernden Wintersaison. Aktuelle Daten zeigen, dass die hiesigen Gasspeicher für den fortgeschrittenen Sommer ungewöhnlich geringe Füllstände aufweisen. Während die Versorgungssicherheit für die kommenden Monate offiziell als gewährleistet gilt und ein physischer Gasmangel derzeit nicht als das wahrscheinlichste Szenario eingestuft wird, rückt die Preisentwicklung in den Fokus der Beobachter. Experten gehen davon aus, dass die Kosten für Erdgas in den kommenden Monaten deutlich anziehen könnten. Diese Einschätzung basiert auf einer komplexen Gemengelage: Einerseits sind die Speicherstände in Deutschland im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich, andererseits ist Europa durch den Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen nun stärker von den volatilen globalen Flüssiggas-Märkten (LNG) abhängig. Die Kombination aus niedrigen Lagerbeständen, globalem Wettbewerb um LNG-Ladungen und geopolitischen Spannungen im Nahen Osten bildet ein Umfeld, das das Potenzial für signifikante Preissteigerungen an den Energiemärkten birgt. Verbraucher und Unternehmen müssen sich somit auf eine Phase einstellen, in der die Energiepreise stärker als in den vergangenen Jahren von weltweiten Marktbewegungen beeinflusst werden.

Die Einzelheiten der aktuellen Lage

Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht die angespannte Ausgangslage: Die deutschen Gasspeicher sind laut Informationen von Gas Infrastructure Europe derzeit lediglich zu gut 48 Prozent gefüllt. Europaweit stellt sich die Situation kaum besser dar; Anfang August lag der Füllstand bei rund 58 Prozent, was den niedrigsten Wert seit Beginn der Datenaufzeichnung im Jahr 2011 markiert. Im Gegensatz dazu zeigen andere europäische Länder wie Italien mit über 75 Prozent oder Polen mit 87 Prozent deutlich höhere Reserven. Thomas Benedix, Rohstoffexperte bei Union Investment, prognostiziert für den Beginn der Heizperiode in Deutschland einen Füllstand von lediglich rund 70 Prozent. Er warnt, dass bei einem überdurchschnittlich kalten Winter die Vorräte gegen Ende der Heizperiode auf etwa zehn Prozent fallen könnten. Der Marktpreis für Gas liegt aktuell bei knapp 60 Euro je Megawattstunde. Experten wie Norman Liebke von der Commerzbank weisen darauf hin, dass asiatische Märkte oft Aufschläge von vier Euro pro Megawattstunde zahlen, was ausreicht, um LNG-Tanker umzuleiten. Ein Anstieg auf 80 bis 100 Euro je Megawattstunde wird für den Winter als möglich erachtet.

Hintergrund der Energieversorgung

Die aktuelle Situation ist das Resultat einer tiefgreifenden Transformation der europäischen Energieversorgung. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 wurde die Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas drastisch reduziert. An diese Stelle trat in großem Umfang Flüssiggas (LNG), das über Terminals in der Nord- und Ostsee sowie über Importwege aus Norwegen, Frankreich und Belgien bezogen wird. Die historisch niedrigen Wasserstände vieler Flüsse in diesem Sommer verschärfen die Lage zusätzlich, da sie die Stromerzeugung aus Wasser- und Kernkraftwerken beeinträchtigen und somit den Bedarf an Erdgas zur Stromproduktion erhöhen. Ein weiterer Faktor ist die geopolitische Lage: Der Krieg im Nahen Osten hat die Energiemärkte massiv erschüttert. Insbesondere die faktische Schließung der Straße von Hormus, über die zuvor fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels abgewickelt wurden, löste einen Angebotsschock aus. Zwar konnten Produzenten aus Nordamerika, Australien und Afrika einen Teil der Mengen kompensieren, doch die Internationale Energieagentur (IEA) rechnet für das laufende Jahr nur noch mit einem stagnierenden globalen Angebot, statt des ursprünglich prognostizierten Zuwachses.

Die beteiligten Akteure und Institutionen

In der Debatte um die Versorgungssicherheit und Preisentwicklung äußern sich verschiedene Institutionen und Experten. Die EU-Kommission und ihre "Koordinierungsgruppe Erdgas" betonen, dass derzeit keine unmittelbaren Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Gasversorgung für den kommenden Winter bestehen. Auch die Bundesnetzagentur bewertet die deutsche Gasversorgung als stabil und die Versorgungssicherheit als gewährleistet, wenngleich sie vor den Risiken der globalen Abhängigkeit warnt. Auf der Seite der Analysten liefert Thomas Benedix von Union Investment detaillierte Einschätzungen zu den Speicherfüllständen und den damit verbundenen Risiken. Norman Liebke von der Commerzbank beleuchtet die Mechanismen des globalen LNG-Marktes und die Preisunterschiede zwischen Asien und Europa. Die Internationale Energieagentur (IEA) liefert die notwendigen Daten zur globalen Angebotsseite und analysiert die Auswirkungen des Konflikts im Nahen Osten. Zudem sind Unternehmen der energieintensiven Industrie wie BASF, Thyssenkrupp und Schott direkt von den Preisentwicklungen betroffen, da sie die Kostensteigerungen an den Großhandelsmärkten oft schneller und stärker zu spüren bekommen als private Haushalte.

Einordnung der Marktsituation

Einzuordnen ist die aktuelle Lage als eine strukturelle Veränderung der europäischen Energiepolitik. Während die Versorgungssicherheit physisch durch die Diversifizierung der Importwege gestärkt wurde, ist die ökonomische Sicherheit – also die Stabilität der Preise – anfälliger geworden. Den Berichten zufolge ist die Situation keineswegs mit der akuten Energiekrise des Jahres 2022 vergleichbar, als Gaspreise zeitweise auf über 300 Euro je Megawattstunde stiegen. Dennoch ist die heutige Abhängigkeit vom globalen LNG-Markt ein entscheidender Faktor. Europa konkurriert nun direkt mit asiatischen Abnehmern um verfügbare Ladungen. Die Preisbildung ist dadurch nicht mehr primär durch regionale Pipeline-Verträge, sondern durch globale Nachfrageverschiebungen geprägt. Die Expertenmeinungen deuten darauf hin, dass die "neue Normalität" der europäischen Energieversorgung einen Preis hat: Die Volatilität der globalen Märkte schlägt direkter auf die europäischen Endkunden durch. Die Sicherheit ist zwar vorhanden, doch der Preis für diese Sicherheit ist die ständige Ausgesetztheit gegenüber weltweiten Angebotsschocks und geopolitischen Krisen, die den Preis für den Rohstoff in die Höhe treiben können.

Offene Fragen zur weiteren Entwicklung

Der Quelltext lässt einige entscheidende Fragen unbeantwortet, die für die weitere Entwicklung der Gaspreise von Bedeutung sind. Zunächst bleibt unklar, wie sich die Schäden an der LNG-Infrastruktur in Katar langfristig auf das globale Angebot auswirken werden, da die IEA hierzu nur vage Prognosen für die kommenden Jahre abgibt. Zudem ist offen, wie schnell und in welchem Umfang die Lieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten tatsächlich wieder hochgefahren werden können, da dies eine zentrale Annahme im Basisszenario der Experten darstellt. Es wird nicht konkretisiert, welche spezifischen Maßnahmen die Bundesregierung im Rahmen der geplanten strategischen Gasreserve von 24 TWh ergreifen will und wie diese Reserve im Falle eines Preisschocks genau eingesetzt werden soll, um den Markt zu beruhigen. Auch bleibt offen, wie die einzelnen Energieversorger ihre Beschaffungsstrategien konkret anpassen, um die Volatilität abzufedern. Schließlich ist nicht absehbar, ob und wann sich die geopolitische Lage in der Straße von Hormus stabilisieren wird, was die größte Unbekannte für die Angebotsseite bleibt.

Wie es weitergeht – Ausblick auf den Winter

Die nächsten Monate werden entscheidend für die Preisentwicklung sein. Die Experten von Union Investment gehen davon aus, dass ab Oktober wieder größere Mengen Flüssiggas aus Katar zur Verfügung stehen könnten, was den Markt entlasten würde. Sollte diese Annahme jedoch nicht eintreffen, droht eine Verknappung, die die Preise weiter nach oben treiben könnte. Vier Faktoren bestimmen nun maßgeblich die Entwicklung: Die Füllstände der Speicher, die Wetterbedingungen in Europa und Asien, die LNG-Nachfrage in Asien sowie die Entwicklung der Lieferungen aus dem Mittleren Osten. Während für private Haushalte die Auswirkungen auf die Heizkostenrechnung meist zeitversetzt eintreten – abhängig von den jeweiligen Verträgen und der Beschaffungsstrategie des Versorgers –, stehen energieintensive Unternehmen unter einem permanenten Wettbewerbsdruck durch die hohen Großhandelspreise. Die Bundesregierung hält zudem an ihren Plänen für eine staatliche Gasreserve fest, um für Krisenzeiten gewappnet zu sein. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Speicherfüllstände durch verstärkte Importe noch signifikant angehoben werden können, bevor die Heizperiode beginnt und die Entnahme aus den Speichern die Bestände weiter reduziert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hand-holzern-festhalten-halten-11618965/ · Foto: Ann H
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/energie/gaspreise-winter-gasspeicher-lng-deutschland-100.html