Was geschehen ist – die Kernmeldung
Die Berliner Regisseurin Valeska Grisebach hat mit ihrem neuesten Werk „Das geträumte Abenteuer“ einen Film vorgelegt, der die Grenzen zwischen Genre-Kino und gesellschaftspolitischer Analyse neu auslotet. Der Film, der im Mai dieses Jahres bei den Filmfestspielen in Cannes seine Premiere feierte und dort mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, markiert einen weiteren Meilenstein in Grisebachs Karriere. Nach ihrem international beachteten Erfolg „Western“ aus dem Jahr 2017 kehrt die Filmemacherin erneut nach Bulgarien zurück, um eine Geschichte zu erzählen, die tief in der Realität einer Grenzregion verwurzelt ist. Die Handlung spielt in der Stadt Svilengrad im Osten Bulgariens, einem Ort, der durch seine unmittelbare Nähe zur türkischen Grenze und zur EU-Außengrenze geprägt ist. Hier treffen lokale Traditionen auf die harte Realität von Schmuggel, informellen Geschäften und einer komplexen geopolitischen Lage. Der Film begleitet die Archäologin Veska, die in der Region Ausgrabungen vornimmt, und einen Mann namens Said, der nach langer Abwesenheit in seine Heimat zurückkehrt. Gemeinsam geraten sie in ein Geflecht aus Machtkämpfen und persönlichen Vergangenheiten, das den Zuschauer in eine fast traumartige, zeitlich dehnbare Erzählung entführt.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Der Handlungsort Svilengrad ist für den Film von zentraler Bedeutung. Die Stadt wird als ein Ort beschrieben, an dem zwei Welten aufeinandertreffen: eine alte, dörflich geprägte Struktur und eine internationale Autobahn, die als Transitstrecke für Lkws aus der Türkei dient. Nur 300 Kilometer trennen Svilengrad von Istanbul, was die Region zu einem neuralgischen Punkt für den Grenzverkehr macht. Die Hauptfigur Said wird von Syuleyman Alilov Letifov verkörpert, der bereits in Grisebachs Film „Western“ eine prägende Rolle spielte. Ihm gegenüber steht die von Yana Radeva gespielte Archäologin Veska. Radeva, die zuvor Geologie studierte und als Casinomanagerin arbeitete, ist eine Entdeckung der Regisseurin. Als Gegenspieler tritt der lokale Pate Iliya auf, der in einen Konflikt mit einem Konkurrenten namens „der Rabe“ verwickelt ist. Die Dreharbeiten und die vorangegangene Recherche nahmen insgesamt fast zehn Jahre in Anspruch. Der Film, der in Frankreich bereits im Kino gestartet ist, kommt nun auch in die deutschen Lichtspielhäuser. Die Regisseurin arbeitete dabei eng mit zwei Kolleginnen zusammen, um die Region und ihre Bewohner intensiv kennenzulernen.
Hintergrund – Die Entstehung und der Weg zum Film
Die Arbeit an „Das geträumte Abenteuer“ ist das Ergebnis eines langjährigen, fast schon ethnografischen Prozesses. Valeska Grisebach, die bereits mit ihrem Liebesdrama „Sehnsucht“ aus dem Jahr 2006 ihre Position im deutschen Autorenkino festigte, verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz bei der Drehbuchentwicklung. Anstatt konventionelle Skripte mit detaillierten Dialogen und Szenenauflösungen zu verfassen, setzt sie auf eine Form der Feldforschung. Die Regisseurin verbrachte Jahre damit, Bulgarien zu bereisen und Gespräche mit Menschen zu führen, die Gewalt erfahren oder ausgeübt haben. Diese gesammelten Erfahrungen flossen in die atmosphärisch dichten Szenen des Films ein. Die historische Zäsur von 1989/90 bildet dabei das unsichtbare Fundament der Erzählung. Grisebach interessiert sich besonders dafür, wie sich die Vorzeichen in der Region gewandelt haben: Während es vor dem Fall des Eisernen Vorhangs darum ging, das Land nicht zu verlassen, steht heute die Kontrolle der Einreise im Vordergrund. Diese historische Dimension dient als Spiegel für die persönliche Entwicklung der Charaktere, insbesondere für Veska, die als Frau aus Sofia den Wandel zur „Europäerin“ vollzogen hat.
Die Beteiligten – Wer entscheidet und wer agiert
Im Zentrum des kreativen Prozesses steht Valeska Grisebach, die als eine der wichtigsten Stimmen des deutschen Autorenkinos gilt und oft in einem Atemzug mit Maren Ade oder Angela Schanelec genannt wird. Ihre Arbeitsweise zeichnet sich durch eine enge Zusammenarbeit mit Laiendarstellern aus, die sie in ihrem Umfeld entdeckt. Syuleyman Alilov Letifov, der bereits als „Western“-Star bekannt wurde, bringt eine physische Präsenz in den Film, die Witz und Gefahr zugleich ausstrahlt. Yana Radeva, die als Veska eine zentrale Rolle einnimmt, wird für ihre furchtlose Art vor der Kamera gelobt. Hinter der Kamera setzt Grisebach auf ein Team, das den Anspruch verfolgt, keine vorgefertigten Urteile über die Region zu fällen, sondern sich auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort zu bewegen. Die Produktionsfirma Komplizen Film zeichnet für die Umsetzung verantwortlich. Die Entscheidung, den Film trotz der langen Entwicklungszeit und der unkonventionellen Erzählweise zu realisieren, unterstreicht den Stellenwert, den Grisebachs Arbeit bei Förderern und Kritikern genießt, auch wenn die Finanzierung aufgrund der Abkehr von klassischen Drehbuchmustern eine ständige Herausforderung bleibt.
Einordnung – Was das bedeutet
Einzuordnen ist das Werk als eine feministische Überarbeitung klassischer Genre-Konventionen. Grisebach greift das Motiv des Fremden auf, der in eine Stadt kommt und die Ordnung stört – ein klassischer Topos des Western-Genres. Doch sie bricht dieses Muster, indem sie eine Frau, die Archäologin Veska, in den Mittelpunkt rückt, die sich in einer von Männern dominierten Welt der Geschäfte und Machtkämpfe behauptet. Den Berichten zufolge ist der Film zudem als eine Art „Orpheus-Mythos“ zu verstehen, in dem Veska versucht, den abdriftenden Said zu halten. Die Regisseurin reflektiert dabei kritisch die eigene Rolle als Filmemacherin aus dem „reichen Deutschland“, die in eine vermeintliche Peripherie blickt. Sie weist den Vorwurf einer schematischen Konstruktion zurück und betont, dass durch den langen Prozess der Recherche echte Beziehungen entstanden seien. Der Film wird somit zu einer Reflexion über das neue Europa, die aus den Trümmern der kommunistischen Regimes entstanden ist und bis heute mit den Folgen der Wende von 1989/90 kämpft.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Handlung und der Produktion offen. So wird zwar das Spannungsfeld zwischen den Charakteren Iliya und dem „Raben“ erwähnt, doch die genauen Hintergründe ihres Konflikts und die spezifische Art der „Gangstergeschäfte“ bleiben im Unklaren. Auch die genaue Dauer der im Film gezeigten Ereignisse wird nicht präzise definiert, was jedoch zur traumartigen Qualität des Werks passen mag. Es bleibt zudem offen, welche konkreten Förderinstitutionen oder Geldgeber den langen Entwicklungsprozess von zehn Jahren finanziell unterstützt haben. Ebenso wird nicht detailliert ausgeführt, wie die Zusammenarbeit mit den lokalen Bewohnern in Svilengrad rechtlich oder organisatorisch im Detail ablief. Die psychologische Tiefe der Beziehung zwischen Said und Veska wird zwar angedeutet, ihre Vorgeschichte bleibt jedoch in den Schilderungen des Regisseurs vage, was den Zuschauer dazu einlädt, die Lücken selbst mit eigenen Interpretationen zu füllen. Auch die genaue Struktur der „nächtlichen Streifzüge“ Veskas durch die Stadt wird nur in Ansätzen beschrieben.
Wie es weitergeht – Ausblick auf den Kinostart
Nach der erfolgreichen Festival-Tournee durch Cannes und andere internationale Stationen steht nun der reguläre Kinostart in Deutschland bevor. Während der Film in Frankreich bereits dem Publikum zugänglich gemacht wurde, bereitet sich das deutsche Kinopublikum auf den Start des Werks vor. Valeska Grisebach hat mit diesem Film ihre Position als eine der prägenden Regisseurinnen des zeitgenössischen deutschen Kinos weiter gefestigt. Es ist zu erwarten, dass der Film aufgrund seiner thematischen Dichte und der unkonventionellen Erzählweise intensiv in Feuilletons und bei Filmfestivals diskutiert wird. Weitere offizielle Termine für Premieren oder Diskussionsrunden mit der Regisseurin werden je nach lokaler Kinoplanung folgen. Die Auseinandersetzung mit dem Werk wird voraussichtlich auch die Debatte über die Darstellung Osteuropas im deutschen Kino weiter befeuern, da Grisebachs Ansatz, sich als Teil der Erzählung zu begreifen, einen Gegenentwurf zu einer distanzierten Beobachterperspektive darstellt. Ob auf den Erfolg von „Das geträumte Abenteuer“ weitere Projekte in der Region folgen werden, bleibt abzuwarten, doch die intensive Verbindung, die die Regisseurin zu Bulgarien aufgebaut hat, lässt eine Fortsetzung ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem „neuen Europa“ als wahrscheinlich erscheinen.