Was geschehen ist: Die 'bib der dinge' in Bochum
In Bochum hat sich ein innovatives Konzept etabliert, das den klassischen Gedanken einer Bibliothek auf den Alltag überträgt. Unter dem Namen 'bib der dinge' betreibt die Nachhaltigkeitsforscherin und Industriedesignerin Najine Ameli eine Einrichtung, in der Bürgerinnen und Bürger keine Bücher, sondern Alltagsgegenstände ausleihen können. Die Kernidee hinter diesem Projekt ist der bewusste Verzicht auf den ständigen Neukauf von Dingen, die nur selten benötigt werden. Ob ein Akkubohrer für ein kurzes Heimwerkerprojekt, ein Zelt für den Urlaub oder ein Schokobrunnen für eine Feier – das Sortiment umfasst mittlerweile über 3.500 verschiedene Artikel. Das Projekt verfolgt dabei das Ziel, Nachhaltigkeit durch das Prinzip 'Teilen statt Kaufen' in den Mittelpunkt des täglichen Lebens zu rücken. Die Initiative, die seit 2021 besteht, hat sich mittlerweile auf einer Fläche von rund 500 Quadratmetern etabliert und gilt als eines der umfangreichsten Angebote dieser Art in Deutschland. Es geht dabei nicht nur um die reine Verfügbarkeit von Werkzeugen oder Haushaltsgeräten, sondern um einen bewussten Umgang mit Ressourcen und die Förderung einer Gemeinschaft, in der Wissen und Gegenstände geteilt werden.
Die Einzelheiten: Zahlen, Fakten und das Sortiment
Die 'bib der dinge' in Bochum zeichnet sich durch eine beeindruckende Vielfalt aus. Zu den über 3.500 verfügbaren Gegenständen zählen neben klassischem Handwerkszeug wie Bohrhammern, Schwingschleifern und Vertikutierern auch Musikinstrumente, Küchengeräte, Spiele und umfangreiche Freizeitausrüstung. Um Zugang zu diesem breiten Sortiment zu erhalten, zahlen Mitglieder einen jährlichen Beitrag von 100 Euro. Die Einrichtung wird dabei von einem Kernteam aus etwa 25 Ehrenamtlichen getragen, wobei lediglich die Gründerin Najine Ameli eine Teilzeitstelle innehat. Die Finanzierung des gemeinnützigen Projekts stützt sich auf eine Kombination aus den Mitgliedsbeiträgen, Kursgebühren, Spenden und punktuellen Fördergeldern. Die Räumlichkeiten erstrecken sich über eine Fläche von 500 Quadratmetern, die nicht nur als Lager, sondern auch als Begegnungsstätte dienen. Hier finden regelmäßig offene Werkstätten und Kurse statt, in denen Menschen lernen, wie sie selbstständig sägen, bohren, nähen oder defekte Gegenstände reparieren können. Dieses Angebot ergänzt die reine Ausleihfunktion und fördert aktiv die handwerkliche Selbstermächtigung der Teilnehmenden.
Hintergrund: Vom wissenschaftlichen Konzept zur Praxis
Die Idee hinter der 'bib der dinge' ist keineswegs völlig neu, sondern greift Konzepte auf, die bereits in den 1970er-Jahren in den USA unter dem Namen 'Tool-Libraries' entstanden sind. Einen weiteren Schub erhielten solche gemeinschaftlichen Leihmodelle im Zuge der globalen Finanzkrise ab 2008, als Menschen verstärkt nach Wegen suchten, Kosten zu sparen und Ressourcen effizienter zu nutzen. Najine Ameli, die ursprünglich als Industriedesignerin tätig war, näherte sich dem Thema zunächst aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Im Rahmen ihrer Promotion untersuchte sie die Funktionsweise und das Potenzial von Bibliotheken der Dinge. Ein entscheidender Moment für die Umsetzung in die Praxis war für Ameli das Gespräch mit ihrer 101-jährigen Großmutter. Als diese von der Forschung hörte, reagierte sie mit Unverständnis und betonte, dass das Teilen von Gegenständen früher eine absolute Selbstverständlichkeit gewesen sei. Diese Erkenntnis, dass sich soziale Strukturen durch zunehmende Mobilität und Anonymität in der Nachbarschaft stark verändert haben, bestärkte Ameli in ihrem Vorhaben. Sie sah in ihrer Doktorarbeit nicht nur ein theoretisches Werk, sondern einen klaren Handlungsauftrag, den sie schließlich mit der Gründung der Bochumer Einrichtung im Jahr 2021 in die Tat umsetzte.
Die Beteiligten: Akteure und soziale Struktur
Die treibende Kraft hinter der 'bib der dinge' ist die 46-jährige Najine Ameli. Als promovierte Nachhaltigkeitsforscherin und Industriedesignerin vereint sie theoretisches Wissen mit praktischer Umsetzungskompetenz. Unterstützt wird sie in ihrer Arbeit von einem engagierten Team aus etwa 25 Ehrenamtlichen, die den laufenden Betrieb sicherstellen. Die soziale Komponente spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Beteiligten verstehen den Ort nicht nur als Ausleihstation, sondern als einen Raum für sozialen Austausch. Gemeinsam mit Mitstreitern wie Selina Radolla wird betont, dass das Lernen in der Gemeinschaft ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist. Fehler werden in den offenen Werkstätten nicht als Scheitern, sondern als Teil des Lernprozesses begriffen. Die Nutzerinnen und Nutzer der Bibliothek sind Menschen, die bewusst nachhaltiger leben möchten und den Wert des Teilens gegenüber dem reinen Besitz priorisieren. Die Institution fungiert somit als Schnittstelle zwischen ökologischem Bewusstsein und sozialem Miteinander, wobei die Mitwirkung der Ehrenamtlichen die Basis für die finanzielle Tragfähigkeit des Projekts bildet.
Einordnung: Bedeutung für die Gesellschaft
Einzuordnen ist das Projekt als ein Baustein für eine nachhaltigere Gesellschaft, wie Najine Ameli betont. Während das Teilen von Gegenständen für sie nicht die alleinige Lösung für alle ökologischen Herausforderungen darstellt, sieht sie es als einen zwingend erforderlichen Schritt, um den Konsumdruck zu mindern. Den Berichten zufolge ermöglicht das Konzept eine intensivere Nutzung vorhandener Dinge, was die Notwendigkeit von Neuanschaffungen drastisch reduziert. Dies entlastet nicht nur den Geldbeutel der Nutzer, sondern reduziert auch den ökologischen Fußabdruck, der durch Produktion und Entsorgung von Konsumgütern entsteht. Die 'bib der dinge' fungiert hierbei als ein 'Paradies' der geteilten Ressourcen. Dass solche Modelle an Bedeutung gewinnen, zeigt sich auch in der politischen Debatte: Das Bundesjustizministerium arbeitet beispielsweise an Gesetzentwürfen, die Hersteller zu Reparaturen verpflichten, um den Elektroschrott zu reduzieren. Die Bochumer Initiative ist somit Teil eines breiteren gesellschaftlichen Trends, der das Ende der 'Wegwerfgesellschaft' einläuten möchte und den Wert von Gebrauchsgütern neu definiert.
Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?
Obwohl das Konzept der 'bib der dinge' in Bochum detailliert beschrieben wird, bleiben einige Aspekte offen. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, wie die langfristige finanzielle Stabilität der Einrichtung ohne eine stärkere staatliche Förderung oder eine größere Anzahl an Festangestellten gesichert werden kann, sollte das Interesse weiter wachsen. Auch bleibt unklar, wie hoch die jährliche Fluktuation bei den Mitgliedern ist und ob das Modell der 'bib der dinge' ohne die spezifische Expertise und das Engagement von Najine Ameli an anderen Standorten in gleicher Qualität replizierbar wäre. Zudem werden keine konkreten Daten genannt, wie viele Tonnen an CO2 oder Elektroschrott durch das Projekt in Bochum seit der Gründung im Jahr 2021 tatsächlich eingespart werden konnten. Diese quantitativen Belege für die ökologische Wirksamkeit fehlen im vorliegenden Bericht. Auch die Frage, wie die rechtliche Haftung bei Schäden an den ausgeliehenen Gegenständen im Detail geregelt ist, wird nicht explizit thematisiert, was für potenzielle Nutzer eine relevante Information darstellen könnte.
Wie es weitergeht: Ausblick und Entwicklung
Die Entwicklung der 'bib der dinge' zeigt, dass das Interesse an gemeinschaftlichen Nutzungsmodellen ungebrochen ist. Zukünftig wird es darauf ankommen, das bestehende Netzwerk aus Ehrenamtlichen stabil zu halten und die Balance zwischen dem gemeinnützigen Anspruch und der notwendigen Finanzierung zu wahren. Die Gründerin Najine Ameli sieht in ihrer Arbeit einen notwendigen Prozess, um den gesellschaftlichen Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit zu unterstützen. Während das Projekt in Bochum bereits eine Vorbildfunktion eingenommen hat, bleibt abzuwarten, ob ähnliche Initiativen in anderen deutschen Städten eine vergleichbare Größe und Professionalisierung erreichen können. Die mediale Aufmerksamkeit, etwa durch die Berichterstattung in Formaten wie 'plan b', trägt dazu bei, das Bewusstsein für das Prinzip 'Teilen statt Kaufen' weiter zu schärfen. Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, inwieweit das Modell der 'bib der dinge' als Blaupause für eine nachhaltige Stadtentwicklung dienen kann, in der nicht mehr der individuelle Besitz, sondern die gemeinschaftliche Verfügbarkeit von Alltagsgegenständen im Vordergrund steht.