Ein neuer Meilenstein für den autonomen Nahverkehr in Hessen
Die Deutsche Bahn und der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) treiben ihre gemeinsamen Bemühungen zur Modernisierung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in Hessen konsequent voran. Wie aus aktuellen Mitteilungen der beteiligten Akteure hervorgeht, steht eine signifikante Erweiterung des Projekts für autonom fahrende Shuttles bevor. Ab dem Jahr 2027 sollen in ausgewählten Gebieten von Darmstadt sowie im Kreis Offenbach moderne Fahrzeuge des Herstellers Holon zum Einsatz kommen, um Fahrgäste autonom an ihre jeweiligen Ziele zu befördern. Das Vorhaben markiert einen wichtigen Schritt in der Strategie, fahrerlose Mobilitätslösungen fest in den regulären Verkehrsalltag zu integrieren. Bevor jedoch der reguläre Betrieb mit Passagieren aufgenommen werden kann, sind umfangreiche Vorbereitungen notwendig. Zunächst stehen detaillierte Testfahrten auf dem Programm, die dazu dienen sollen, die digitale Infrastruktur des Einsatzgebietes präzise zu erfassen und die Fahrzeuge auf die spezifischen örtlichen Gegebenheiten einzustellen. Bereits im kommenden Jahr ist geplant, die Phase des reinen Testbetriebs zu verlassen und erste Fahrgäste in den neuen Systemen willkommen zu heißen, womit das Projekt eine entscheidende Hürde auf dem Weg zur breiten Anwendung nimmt.
Technische Spezifikationen und Kapazitäten der Holon-Shuttles
Bei den Fahrzeugen, die künftig das Stadtbild in Darmstadt und Offenbach prägen sollen, handelt es sich um spezialisierte Mini-Busse des Paderborner Unternehmens Holon. Diese wurden dezidiert für die Anforderungen des öffentlichen Nahverkehrs konzipiert und zeichnen sich durch eine hohe Nutzerfreundlichkeit aus. Ein wesentliches Merkmal ist die Barrierefreiheit, die es Menschen mit eingeschränkter Mobilität erleichtert, den ÖPNV zu nutzen. Die Shuttle-Busse verfügen über fünf feste Sitzplätze sowie einen dedizierten Rollstuhlplatz. Sollte dieser Platz für einen Rollstuhlfahrer benötigt werden, reduziert sich die Kapazität für die übrigen Fahrgastsitze auf drei Einheiten. Insgesamt ist das Fahrzeug jedoch so ausgelegt, dass es bis zu 15 Personen gleichzeitig befördern kann, was eine effiziente Nutzung des zur Verfügung stehenden Raums ermöglicht. Hinsichtlich der Sicherheit und Steuerung erläutert der Hersteller, dass die Fahraufgabe vollkommen autonom durch das System erfolgt. Dennoch ist eine menschliche Überwachung vorgesehen: Ein sogenannter Sicherheitsfahrer in der Funktion eines Operators begleitet den Betrieb, um im Bedarfsfall eingreifen zu können. Die Zulassung für den Testbetrieb der Holon-Fahrzeuge in Deutschland wurde bereits Ende 2025 offiziell erteilt.
Vom Projekt Kira zum neuen Standard Kira+
Die Einführung der Holon-Shuttles findet nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern baut auf den Erfahrungen eines bereits bestehenden Vorhabens auf. Seit Mai 2025 läuft in Südhessen das Projekt „Kira“, ein Akronym für „KI-basierter Regelbetrieb autonomer On-Demand-Verkehre“. In den Städten Darmstadt und Langen sowie in Engelsbach sind seitdem autonom fahrende Fahrzeuge unterwegs, um den Transportbedarf der Bevölkerung zu decken. Die Resonanz war beachtlich: Bis Ende Mai konnten bereits rund 4.200 Testnutzerinnen und Testnutzer für das System registriert werden. Diese Nutzer haben die Möglichkeit, die Shuttles bequem über eine App zu bestellen, wobei das System derzeit etwa 130 Haltepunkte in der Region bedient. Die bisher eingesetzten Fahrzeuge bieten Platz für fünf Personen. Da das Projekt Kira zum Ende des laufenden Jahres ausläuft, dient es als direkte Vorstufe für das Nachfolgeprojekt „Kira+“. Dieses neue Vorhaben wird die bisherigen Strukturen übernehmen und durch die Integration der Holon-Shuttles technologisch sowie kapazitätsseitig auf eine neue Stufe heben, um die bisherigen Erkenntnisse in einen noch leistungsfähigeren Betrieb zu überführen.
Die Akteure und ihre strategische Vision
Hinter dem Vorhaben stehen maßgebliche Akteure der deutschen Verkehrsinfrastruktur. Die Deutsche Bahn fungiert dabei als zentraler Partner, der in Zusammenarbeit mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) die technologische Entwicklung vorantreibt. Auf der Führungsebene des RMV wird das Projekt als strategisch bedeutsam für die Zukunft der Mobilität eingestuft. Knut Ringat, der Chef des RMV, betonte in einer offiziellen Mitteilung die Bedeutung der Integration autonomer Angebote in den regulären ÖPNV. Seiner Einschätzung nach bieten fahrerlose Verkehre eine enorme Chance, um mit der notwendigen politischen Unterstützung auch in Zukunft einen attraktiven und vor allem finanzierbaren Nahverkehr zu gewährleisten, der überall und zu jeder Zeit zur Verfügung steht. Neben den Verkehrsbetrieben spielt das Paderborner Unternehmen Holon als Technologiegeber eine entscheidende Rolle. Auch wenn die Deutsche Bahn als Auftraggeber agiert, sind die Erfahrungen aus der Vergangenheit in den Prozess eingeflossen, um eine nachhaltige Implementierung sicherzustellen und die Akzeptanz bei den Nutzern durch verlässliche Technik zu erhöhen.
Einordnung der technologischen Entwicklung
Einzuordnen ist das Projekt als Teil eines breiteren Trends, bei dem Verkehrsunternehmen versuchen, durch Automatisierung auf die Herausforderungen des modernen ÖPNV zu reagieren. Die Berichte deuten darauf hin, dass die Branche nach Modellen sucht, die über klassische Linienverkehre hinausgehen. Dass es sich hierbei um ein komplexes Unterfangen handelt, zeigen die Erfahrungen aus anderen Regionen. So setzte die Deutsche Bahn bis Ende 2024 ähnliche Busse des Typs EZ10 des Herstellers Easymile im bayerischen Bad Birnbach ein. Dieses Projekt galt als revolutionär und erfreute sich laut Angaben des Landkreises einer hohen Akzeptanz bei den Fahrgästen. Dennoch endete das Vorhaben im Januar 2025, nachdem die Weiterfinanzierung nicht gesichert werden konnte. Zudem zog sich der Hersteller Easymile aus dem Bereich des autonomen Personentransports zurück, da das Unternehmen seine wirtschaftliche Perspektive primär im fahrerlosen Frachtverkehr sah. Diese Historie unterstreicht, dass der Erfolg solcher Projekte nicht nur von der technischen Machbarkeit abhängt, sondern maßgeblich von der langfristigen Finanzierungssicherheit und der strategischen Ausrichtung der beteiligten Technologiepartner beeinflusst wird.
Offene Fragen zur weiteren Umsetzung
Trotz der klaren Zielsetzung für 2027 bleiben einige Aspekte der Umsetzung im Unklaren. Der vorliegende Quelltext beantwortet beispielsweise nicht, wie genau die Finanzierung des Projekts Kira+ nach dem Auslaufen der aktuellen Förderphase gestaltet ist. Auch bleibt offen, ob die 130 Haltepunkte des aktuellen Kira-Projekts eins zu eins übernommen werden oder ob das Netz der Haltepunkte mit den größeren Holon-Shuttles angepasst werden muss. Zudem fehlen konkrete Angaben dazu, wie die Übergangsphase zwischen dem Ende von Kira und dem Start von Kira+ gestaltet wird, insbesondere in Bezug auf die Verfügbarkeit der Shuttles für die Nutzer während der Umstellungszeit. Ebenso wenig wird spezifiziert, welche genauen politischen Rahmenbedingungen oder spezifischen Unterstützungsleistungen erforderlich sind, um die von Knut Ringat erwähnte „finanzierbare“ Struktur dauerhaft zu gewährleisten. Die genauen Kosten für den Betrieb der neuen Flotte und die Preisgestaltung für die Endnutzer sind ebenfalls nicht Gegenstand der aktuellen Informationen, was Raum für weitere Entwicklungen lässt.
Ausblick auf die kommenden Schritte
Der Zeitplan für die kommenden Jahre ist eng getaktet. Zunächst steht der Abschluss des Projekts Kira zum Ende des Jahres 2025 im Fokus, welches den Weg für die Einführung von Kira+ ebnet. Für das Jahr 2026 ist die Vorbereitung der Infrastruktur geplant, was insbesondere die Einlese-Fahrten der Holon-Shuttles in Darmstadt und Offenbach umfasst. Diese Phase ist essenziell, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Systems zu garantieren, bevor im Laufe desselben Jahres der Einstieg für die ersten Fahrgäste ermöglicht werden soll. Der offizielle Startschuss für den erweiterten Betrieb mit den neuen Fahrzeugen ist für das Jahr 2027 terminiert. Bis dahin müssen sowohl die technische Integration als auch die regulatorischen Anforderungen für den fahrerlosen Betrieb unter Aufsicht eines Operators finalisiert werden. Die Deutsche Bahn und der RMV haben somit einen klaren Korridor definiert, in dem die nächsten Schritte zur Etablierung des autonomen Nahverkehrs in Hessen erfolgen sollen, wobei der Erfolg maßgeblich von der nahtlosen Überführung der bisherigen Erfahrungen in das neue System abhängen wird.