Was geschehen ist – die Kernmeldung
Am Schauspielhaus Zürich hat Regisseurin Pınar Karabulut eine neue Inszenierung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ auf die Bühne gebracht. Die Produktion markiert einen zentralen Punkt in der aktuellen Spielzeit, die ganz im Zeichen des 100-jährigen Jubiläums des Pfauens steht. Karabulut, die gemeinsam mit Rafael Sanchez die Intendanz des Hauses innehat, setzt dabei auf eine ästhetische Rückbesinnung. Nach dem eher opulenten Ausstattungstheater ihrer früheren „Gattopardo“-Adaption kehrt sie nun zu ihrer etablierten Handschrift zurück: eine visuell beeindruckende, farbenfrohe und haptisch auffällige Inszenierung. Der Abend präsentiert sich als ein wildes Stilkonglomerat, das Elemente aus dem Kabarett, dem Slapstick im Stile von Buster Keaton, Akrobatik und große Tableaus miteinander verbindet. Ziel der Regie ist es, die klassische Vorlage assoziativ und ohne den Zwang zur expliziten sozialkritischen Verortung zu interpretieren, wobei der Fokus primär auf den zwischenmenschlichen Dynamiken und den individuellen Gefühlslagen der Figuren liegt. Begleitet wird das Schauspiel von einer sechsköpfigen Band unter der Leitung von Bettina Ostermeier, die einen satten Tanzkapellensound beisteuert.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Die Inszenierung findet im Schauspielhaus Zürich statt, einem Ort, der derzeit eine Phase der Konsolidierung durchläuft. Nachdem die Antrittsspielzeit des neuen Intendanz-Duos Pınar Karabulut und Rafael Sanchez als durchaus holprig beschrieben wurde, konnte das Haus mit 36 ausverkauften Vorstellungen der „Gattopardo“-Adaption einen ersten Erfolg verbuchen. Nun ruhen die Hoffnungen auf der „Dreigroschenoper“. Die Kostümbildnerin Claudia Irro hat für die Produktion eine markante visuelle Sprache entwickelt, die durch Haarspray-Wellenfrisuren, quietschbunte Fake-Pelze, wuchtige Puffärmel und Kleider aus Folienstoffen geprägt ist, die an Geschenkverpackungen der achtziger Jahre erinnern. Das Ensemble überzeugt durch eine hohe Spielfreude: Zeynep Bozbay verkörpert Polly Peachum, Thomas Wodianka schlüpft in die Rolle des Mackie Messer, während Lukas Darnstädt als Jeremiah Peachum auftritt. Die musikalische Ebene wird von Bettina Ostermeier und ihrer Band getragen, die als eigenständiger Kommentator des Geschehens agieren. Die Bühne selbst ist reduziert, aber wandelbar gestaltet und soll in ihrer Anmutung an Stummfilmkulissen erinnern, wobei die Kostüme auch im dämmrigen Licht von Soho eine starke Präsenz entfalten.
Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf
Die aktuelle Produktion steht in einem besonderen Kontext: Das Schauspielhaus Zürich begeht das 100-jährige Jubiläum des Pfauens. Die Intendanz von Karabulut und Sanchez ist noch jung und musste sich nach einer als schwierig empfundenen Anfangsphase erst finden. Der Erfolg von „Gattopardo“ diente hierbei als wichtiger Ankerpunkt. Die Entscheidung, nun Brechts „Dreigroschenoper“ auf den Spielplan zu setzen, ist auch als Versuch zu werten, an diesen Publikumserfolg anzuknüpfen. Brechts Werk gilt in dieser Inszenierung als eine Form der „leicht verdaulichen Sozialkritik“, was der Regisseurin den Freiraum gibt, sich eher auf die psychologische Tiefe und die ästhetische Überhöhung zu konzentrieren als auf eine harte politisch-gesellschaftliche Analyse. Die Entwicklung der Inszenierung zeigt einen bewussten Bruch mit der opulenteren Ausstattung der vorherigen Arbeiten Karabuluts hin zu einer reduzierteren, aber visuell hochgradig stilisierten Ästhetik, die das „Camp“-Element betont und die Fragilität der dargestellten Gangsterwelt unterstreicht.
Die Beteiligten – Personen und Institutionen
Im Zentrum steht das Regie-Duo Pınar Karabulut und Rafael Sanchez, die das Schauspielhaus Zürich leiten. Pınar Karabulut zeichnet für die Inszenierung verantwortlich, während Claudia Irro das Kostümbild entwarf. Das Ensemble wird durch Zeynep Bozbay (Polly), Thomas Wodianka (Mackie Messer) und Lukas Darnstädt (Jeremiah Peachum) geprägt. Eine tragende Rolle nimmt zudem die Musikerin Bettina Ostermeier ein, die gemeinsam mit ihrer sechsköpfigen Band den musikalischen Rahmen liefert. Das Schauspielhaus Zürich fungiert als Institution, die mit dieser Produktion sowohl den künstlerischen Anspruch als auch die Publikumswirksamkeit im Jubiläumsjahr des Pfauens unter Beweis stellen möchte. Die Interaktion zwischen den Figuren, etwa Mackie Messers Manipulation des Polizeichefs Tiger-Brown, verdeutlicht die hierarchischen Strukturen, die Karabulut zwar „hierarchiefrei“ erzählen möchte, die jedoch in der schauspielerischen Umsetzung durch die Egomanie der Charaktere dennoch spürbar bleiben.
Einordnung – Bedeutung und Bewertung
Einzuordnen ist die Inszenierung als ein bewusster Verzicht auf eine didaktische oder rein politisch-sozialkritische Lesart von Brechts Werk. Den Berichten zufolge gelingt es Karabulut, durch die feine Charakterzeichnung eine Brücke zwischen der historischen Vorlage und einer modernen, teils von der Gen Z beeinflussten Darstellungsweise zu schlagen. Besonders die Figur der Polly Peachum, gespielt von Zeynep Bozbay, wird als Beispiel für eine gelungene psychologische Vertiefung hervorgehoben, die über das Klischee des verwöhnten Töchterchens hinausgeht. Die Entscheidung, die Kostüme „hierarchiefrei“ zu gestalten, wird zwar als nobel, aber in Bezug auf die Wucht des Stücks als potenziell undramatisch bewertet. Dennoch wird der Abend als ein „wunderbar leichtfüßiger“ Revuerausch beschrieben, der durch die musikalische Begleitung eine hohe Kohärenz gewinnt. Die ästhetische Entscheidung für ein „wildes Stilkonglomerat“ wird als erfolgreich gewertet, da sie das Stück aus einer festgefahrenen Interpretation löst und den Fokus auf die individuelle Gefühlslage der Figuren lenkt.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Produktion offen. So wird nicht explizit dargelegt, wie die Rezeption des Publikums nach der Premiere im Vergleich zu den vorangegangenen Stücken ausfällt, abgesehen von der Hoffnung auf einen ähnlichen Erfolg wie bei „Gattopardo“. Auch bleibt unklar, wie die spezifische „hierarchiefreie“ Erzählweise der Kostüme in der Praxis von den Zuschauenden aufgenommen wird, da der Text dies als eine „noble, doch undramatische Entscheidung“ bezeichnet, ohne eine detaillierte Publikumsreaktion zu schildern. Zudem fehlen Informationen darüber, ob die Inszenierung als eine dauerhafte ästhetische Neuausrichtung des Hauses zu verstehen ist oder ob es sich um eine spezifische Entscheidung für dieses eine Stück handelt. Die konkrete finanzielle oder organisatorische Situation des Schauspielhauses, die im Kontext der „holprigen“ Antrittsspielzeit erwähnt wird, bleibt ebenfalls vage; es wird nicht ausgeführt, worin genau die Schwierigkeiten bestanden oder wie diese nun konkret überwunden wurden. Auch die langfristige Planung für das Jubiläumsjahr nach der „Dreigroschenoper“ wird nicht weiter spezifiziert.