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Häftling auf der Flucht: Fußfessel-Schlüssel gab es im Internet
Schlagzeilen · 05.11.2026 20:34

Häftling auf der Flucht: Fußfessel-Schlüssel gab es im Internet

Kurz: Nach der gewaltsamen Befreiung eines Häftlings in Essen wird bekannt: Die verwendeten Fußfesseln ließen sich offenbar mit einem günstigen Universalschlüssel öff

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Nach der spektakulären und gewaltsamen Befreiung eines Untersuchungshäftlings in Essen, die sich während eines Arztbesuchs ereignete, sind nun beunruhigende Details über die Sicherheitsvorkehrungen der Justiz an die Öffentlichkeit gelangt. Der Häftling, der nach dem Vorfall weiterhin auf der Flucht ist, trug zum Zeitpunkt seiner Befreiung Fußfesseln, die offenbar keinen individuellen Schließmechanismus besaßen. Wie der nordrhein-westfälische Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) in einer vertraulichen Sitzung des Rechtsausschusses des Landtags einräumte, konnten diese Fesseln mit einem Universalschlüssel geöffnet werden. Ein solcher Schlüssel ist für einen Preis von weniger als zehn Euro frei im Internet erhältlich. Diese Erkenntnis wirft ein kritisches Licht auf die Sicherheitsarchitektur der Justizbehörden, da die Verwendung von standardisierten Schlössern bei Fesseln ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt. Während die polizeilichen Ermittlungen zu dem flüchtigen Mann und den Umständen seiner Flucht auf Hochtouren laufen, steht nun die Frage im Raum, wie es dazu kommen konnte, dass derart leicht zu manipulierende Ausrüstung bei der Sicherung von Untersuchungshäftlingen zum Einsatz kommt. Der Vorfall in Essen hat damit eine Debatte über die Qualität und Sicherheit der verwendeten Fesselsysteme in ganz Nordrhein-Westfalen ausgelöst.

Die Einzelheiten des Vorfalls

Die Informationen über die Schwachstelle der Fußfesseln wurden durch den nordrhein-westfälischen Justizminister Benjamin Limbach im nichtöffentlichen Teil der Sitzung des Rechtsausschusses bekannt gegeben. Der Minister informierte die Abgeordneten darüber, dass die bei dem Häftling verwendeten Fesseln über kein individuelles Schloss verfügten, sondern durch einen Universalschlüssel geöffnet werden konnten, der für baugleiche Modelle geeignet ist. Solche Schlüssel sind laut Berichten für unter zehn Euro online bestellbar. Die offizielle Bestätigung dieser Umstände durch das Justizministerium in Düsseldorf blieb am Donnerstag zunächst aus, wobei das Ministerium auf WDR-Anfrage weder eine Bestätigung noch ein Dementi abgab. Die Thematik der Handschellen und Fußfesseln ist in NRW bereits länger bekannt: So wurde durch eine Kleine Anfrage der FDP im Landtag aufgedeckt, dass die Polizei in Nordrhein-Westfalen über 40.014 Handfesseln des Modells mit Doppelbartschloss verfügt. Auch in einer forensischen Klinik des Landschaftsverbands Rheinland wurde dieses Modell eingesetzt. In Bezug auf die Justiz nannte das Ministerium die Zahl von 1.200 Fußfesseln, die mit Stand 2020 im Einsatz waren. Ob die Befreier des Häftlings tatsächlich einen im Internet erworbenen Schlüssel nutzten oder ob interne Unterstützung vorlag, ist derzeit noch Gegenstand laufender Ermittlungen.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Die Problematik rund um die Sicherheit der verwendeten Fesseln ist kein völlig neues Phänomen, sondern wurde bereits im Februar öffentlich diskutiert. Damals gelang es einem Festgenommenen in Bayern, seine Handschellen eigenständig zu öffnen, was die Debatte über die Zuverlässigkeit der eingesetzten Modelle anstieß. Im Nachgang dieser Ereignisse stellte die FDP im Düsseldorfer Landtag eine Kleine Anfrage, um den Bestand und die Art der bei der NRW-Polizei verwendeten Fesseln zu klären. Dabei kam heraus, dass die Polizei ein Modell verwendet, das ebenfalls mit einem Doppelbartschlüssel gesichert ist – ein System, das sich als anfällig für die Verwendung von Universalschlüsseln erwiesen hat. Die Landesregierung verwies in ihrer damaligen Antwort darauf, dass in der Justiz zwar keine Handschellen mit diesem spezifischen Universalschloss, wohl aber vergleichbare Fesselsysteme als Fußfesseln genutzt würden. Die aktuelle Flucht in Essen hat diese bereits bekannten Sicherheitsbedenken nun in einem neuen, weitaus dramatischeren Licht erscheinen lassen, da die Theorie der Sicherheitslücke durch den konkreten Fall einer gewaltsamen Befreiung eine neue, praktische Relevanz erhalten hat. Die Justiz steht nun unter dem Druck, ihre Sicherheitsstandards grundlegend zu überprüfen.

Die Beteiligten und ihre Positionen

In die Aufarbeitung des Vorfalls sind verschiedene Akteure involviert. Justizminister Benjamin Limbach steht als oberster Dienstherr unter Druck, die Sicherheitsmängel zu erklären und zu beheben. Er betonte im Interview mit dem WDR, dass nach dem Vorfall in Essen eine Überprüfung der Sicherheitsarchitektur unumgänglich sei, wobei er sich zu den Details der Fußfesseln aufgrund der laufenden Ermittlungen bedeckt hielt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordrhein-Westfalen zeigt sich alarmiert; der Landesvize Ernst Herget bezeichnete den Umstand, dass Fesseln durch Dritte so einfach geöffnet werden können, als inakzeptabel und forderte eine schnellstmögliche Abhilfe durch die Beschaffung sichererer Fesselsysteme. Auf politischer Ebene äußert sich die Opposition scharf: Der FDP-Landeschef Henning Höne zeigte sich fassungslos über die Verfügbarkeit der Schlüssel im Internet. Er warf dem Justizminister einen Kontrollverlust vor und kritisierte, dass die Justiz dem Minister entglitten sei. Die Debatte wird zudem durch die Berichterstattung des WDR und die laufenden polizeilichen Ermittlungen begleitet, die versuchen, den genauen Hergang der Flucht und die Rolle möglicher Helfer zu rekonstruieren.

Einordnung der Sicherheitslage

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als ein schwerwiegendes Versäumnis in der Sicherheitsplanung der Justizbehörden. Den Berichten zufolge ist die Erkenntnis, dass standardisierte Fesseln ein hohes Risiko bergen, bereits seit Monaten bekannt, ohne dass offenbar ein flächendeckender Austausch der betroffenen Modelle erfolgt ist. Die Kritik der Opposition und der Polizeigewerkschaft zielt darauf ab, dass Sicherheitsbehörden bei der Ausrüstung keine Kompromisse eingehen dürfen, die eine einfache Manipulation durch Dritte ermöglichen. Es stellt sich die Frage, warum ein System, das bereits bei der Polizei kritisch hinterfragt wurde, in der Justiz weiterhin in diesem Umfang im Einsatz blieb. Die Tatsache, dass ein Universalschlüssel für einen zweistelligen Eurobetrag online verfügbar ist, untergräbt die Autorität und die Sicherheit der staatlichen Verwahrung von Untersuchungshäftlingen massiv. Die Bewertung der Lage durch die beteiligten Politiker deutet darauf hin, dass die Sicherheitsarchitektur in NRW als lückenhaft wahrgenommen wird, was den Druck auf das Justizministerium weiter erhöht, zeitnah tragfähige Lösungen für den Austausch der Fesselsysteme vorzulegen.

Offene Fragen und Lücken in der Berichterstattung

Der vorliegende Sachverhalt lässt einige wesentliche Punkte unbeantwortet, die für die vollständige Aufklärung des Falls von entscheidender Bedeutung sind. Zunächst bleibt unklar, ob bei der Flucht in Essen tatsächlich ein im Internet erworbener Universalschlüssel zum Einsatz kam oder ob die Befreier auf anderem Wege an das Werkzeug gelangten. Ebenso ist die Frage der internen Unterstützung noch nicht geklärt; es bleibt offen, ob die Täter Hilfe von Mitarbeitern der Justiz oder des Gefängnisses erhielten, was die Sicherheitslücke in einem völlig anderen Licht erscheinen ließe. Zudem gibt der Quelltext keine Auskunft darüber, ob bereits konkrete Pläne für einen Austausch der 1.200 betroffenen Fußfesseln existieren und welcher Zeitrahmen für eine solche Umstellung realistisch wäre. Auch bleibt ungeklärt, warum die Warnungen aus dem Februar, die durch den Vorfall in Bayern ausgelöst wurden, nicht zu einer sofortigen Überprüfung und einem Austausch der Fußfesseln in der Justiz geführt haben. Diese Lücken in der Informationslage verdeutlichen, dass die polizeilichen Ermittlungen noch am Anfang stehen und viele Details der Flucht von Dijvar Gündüz weiterhin im Dunkeln liegen.

Wie es weitergeht

Die Aufarbeitung des Vorfalls wird sowohl auf politischer als auch auf operativer Ebene fortgesetzt. Justizminister Limbach hat angekündigt, dass die Sicherheitsarchitektur der Justiz, einschließlich der verwendeten Fußfesseln, einer umfassenden Überprüfung unterzogen werden muss. Dieser Prozess soll klären, an welchen Stellen nachgebessert werden muss, um künftige Sicherheitslücken dieser Art zu vermeiden. Die polizeilichen Ermittlungen zur Flucht des Untersuchungshäftlings dauern an, wobei der Fokus darauf liegt, den Aufenthaltsort des Flüchtigen zu ermitteln und die genauen Umstände der Befreiung zu rekonstruieren. Die Gewerkschaft der Polizei hat ihre Forderung nach der Beschaffung sichererer Fesselsysteme bekräftigt, was nun den Handlungsdruck auf die Verantwortlichen im Ministerium erhöht. Der Landtag wird sich voraussichtlich weiterhin mit dem Fall befassen, da die Opposition eine lückenlose Aufklärung der JVA-Skandale und der Sicherheitsmängel fordert. Es ist davon auszugehen, dass in den kommenden Wochen weitere Details über die geplanten Sicherheitsmaßnahmen und den Verbleib des flüchtigen Häftlings bekannt werden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/schwarz-weiss-nahaufnahme-eines-hangenden-schlussels-37003192/ · Foto: Zulfugar Karimov
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/nordrheinwestfalen/fussfessel-schluessel-100.html