Ein Regisseur im Abseits: Die Zäsur von 2015
Alvis Hermanis, ein international renommierter Theaterregisseur, blickt heute auf eine Zeit zurück, in der er innerhalb kürzester Zeit vom gefeierten Gast an den wichtigsten deutschsprachigen Bühnen zum Ausgestoßenen wurde. Über ein Jahrzehnt lang war der Lette eine feste Größe im deutschen Theaterbetrieb. Er inszenierte etwa sechs Stücke am Burgtheater, sechs in München – verteilt auf das Residenztheater und die Kammerspiele – sowie zahlreiche Produktionen am Schauspielhaus Zürich. Auch bei den Salzburger Festspielen war er sieben Sommer lang präsent. Doch mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 änderte sich alles. Hermanis äußerte sich kritisch zur Politik der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, was in der deutschen Kunstszene zu einem sofortigen Bruch führte. Innerhalb eines Tages, so berichtet er, sei der Kontakt zu seinen Kollegen und Freunden abgebrochen. Er erinnert sich, dass er in einem Artikel des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ sogar als „Volksfeind“ bezeichnet wurde. Diese plötzliche Isolation markierte das Ende seiner aktiven Zeit an den großen deutschen Häusern, die er zuvor über Jahre hinweg maßgeblich mitgeprägt hatte.
Die Eskalation einer privaten Korrespondenz
Der Wendepunkt in der Karriere von Alvis Hermanis in Deutschland war eng mit einer persönlichen Entscheidung verknüpft. Der Regisseur arbeitete zu jener Zeit an einer Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg und bereitete parallel dazu eine Oper in Paris vor. Die Terroranschläge in Paris, die sich in unmittelbarer Nähe zu seinem dortigen Wohnort ereigneten, trafen ihn tief. In einer privaten E-Mail an den damaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux äußerte Hermanis seinen Unmut darüber, dass das Theater sich öffentlich als „Refugees Welcome“-Haus positionierte. Er verknüpfte die Terrorgefahr direkt mit dem Flüchtlingszustrom. Was als vertraulicher Austausch gedacht war, nahm eine unerwartete Wendung: Joachim Lux entschied sich, das Schreiben öffentlich zu machen und veröffentlichte es als eine Art Anklageschrift auf dem Portal nachtkritik.de. Diese Entscheidung löste eine mediale Welle aus, die dazu führte, dass sich die gesamte deutschsprachige Kunstszene, die Hermanis als stark linksorientiert beschreibt, gegen ihn wandte. Er wurde zur Ausnahmeerscheinung, die nicht mehr in das vorherrschende Weltbild der Theatermacher passte.
Die Wurzeln einer anderen Theatertradition
Hermanis betont, dass er sich vor den Ereignissen von 2015 nie als politischer Künstler verstanden habe. Sein Verständnis von Theater sei in der Tradition Osteuropas verwurzelt, in der die Bühne weniger als politisches Instrument, sondern vielmehr als Ersatz für die Kirche fungiere – ein Ort für die menschliche Seele und spirituelle Erfahrungen. Er hebt hervor, dass seine Generation, die die Sowjetzeit und das Scheitern utopischer Ideologien wie den Sozialismus und Kommunismus miterlebt hat, eine natürliche Immunität gegenüber ideologischer Vereinnahmung besitze. Das deutsche Theater hingegen habe er immer als problematisch empfunden, da es sich selbst als „politisches Theater“ bezeichne, dabei jedoch oft eine ideologische Einbahnstraße darstelle. Echte politische Auseinandersetzung, die den Dialog und die Konfrontation konträrer Positionen erfordert, habe er dort vermisst. Während deutsche Schauspieler laut Hermanis primär mit intellektuellen und körperlichen „Chakren“ arbeiteten, fehle es oft an den emotionalen und spirituellen Dimensionen, die für ihn das Theater ausmachen.
Konservatismus und die Rolle des Künstlers
Die Frage, wie sich ein Künstler zu einer rechten Regierung verhalten sollte, beantwortet Hermanis differenziert. Er selbst bezeichnet sich als konservativ in Bezug auf seine Rolle als Bürger und Familienvater von sieben Kindern, der an Traditionen und Verlässlichkeit glaubt. Als Künstler hingegen sieht er sich als libertären Rebellen, der sich nicht an feste Regeln binden lässt. Die Vorstellung eines „konservativen Künstlers“ hält er für widersprüchlich. Auf die Frage, ob er unter einer AfD-Landesregierung ein Theater leiten würde, antwortet er verneinend – allerdings primär aus Altersgründen, da er mit 61 Jahren und nach 27 Jahren als Intendant des Neuen Rigaer Theaters keine neuen Leitungsaufgaben anstrebe. Dennoch gibt er zu bedenken, dass rechte Politiker Künstlern mit abweichenden Meinungen historisch gesehen oft toleranter begegnet seien als linke. Er appelliert an seine Kollegen, nicht vorschnell zu urteilen, sondern die tatsächlichen Entwicklungen abzuwarten, anstatt sich von Ängsten leiten zu lassen.
Einordnung der politischen Lagerbildung
Einzuordnen ist die Haltung von Hermanis als ein Plädoyer für eine größere Offenheit innerhalb des Kulturbetriebs. Er beobachtet, dass in fast jedem europäischen Land zwei verfeindete politische Lager existieren, die sich zunehmend voneinander entfremden. In seinem eigenen Theater in Riga praktiziert er jedoch ein anderes Modell: Dort arbeiten Menschen mit völlig gegensätzlichen politischen Ansichten zusammen, ohne dass dies die künstlerische Arbeit behindert. Politische Diskussionen werden entweder vermieden oder mit Humor genommen. Er geht sogar so weit, eine „woke“ Assistentin zu beschäftigen, die radikale Positionen vertritt, gerade weil er den intellektuellen Widerstand und die Herausforderung sucht. Den Berichten zufolge sieht er in der aktuellen Polarisierung eine Gefahr für den freien Austausch. Er kritisiert, dass die Kunstszene in Deutschland durch eine Welle des politischen Aktivismus ihre eigentliche Aufgabe – die Erforschung der menschlichen Existenz – aus den Augen verloren habe, indem sie sich zu sehr auf eine einzige, politisch korrekte Sichtweise konzentriere.
Offene Fragen im Diskurs
Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte unbeantwortet, die für eine vollständige Einordnung der Situation wichtig wären. So bleibt offen, wie genau die von Hermanis kritisierte „Postdramatik“ in der Praxis definiert wird und welche konkreten Inszenierungen er als „schlechte Imitationen“ des deutschen Theaters in Polen wahrnimmt. Zudem wird nicht geklärt, welche spezifischen konservativen Werte er mit der AfD teilt, außer der allgemeinen Erwähnung einer Übereinstimmung in konservativen Grundsätzen. Auch die Frage, ob es neben der persönlichen Korrespondenz mit Joachim Lux weitere Versuche einer Aussöhnung oder eines Dialogs mit den deutschen Institutionen gab, bleibt unbeantwortet. Die Lücke zwischen seiner Wahrnehmung als „Volksfeind“ und der tatsächlichen institutionellen Reaktion der Theaterhäuser wird nur aus seiner subjektiven Perspektive beleuchtet, ohne die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Ebenso bleibt unklar, welche konkreten „Regeln“ er für die Zukunft einer Gesellschaft fordert, die er als notwendig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ansieht.
Die Zukunft des Theaters als Atlantis
Hermanis äußert sich pessimistisch über den Zustand des klassischen Theaters. Er beschreibt das Publikum, das er einst in Deutschland vor sich sah – gebildete Menschen mit einer tiefen Verbundenheit zur Literatur –, als eine Welt, die wie Atlantis für immer versunken sei. Zwar beobachtet er, dass Theater zunehmend als „Klebstoff“ für kleine Gemeinschaften fungiere, doch dabei gehe das eigentliche Handwerk, die Poesie und die schauspielerische Kunst verloren. Die Ära der großen Theaterabende, an denen ein einzelner Schauspieler tausend Menschen in seinen Bann ziehen konnte, sei vorbei. Er sieht in der Ausbreitung der „Postdramatik“, die er metaphorisch mit einem Virus vergleicht, eine Entwicklung, die das europäische Theater ästhetisch verarmt habe. Als letzte große ästhetische Referenzen nennt er Frank Castorf und Pina Bausch. Dennoch bleibt für ihn die Hoffnung, dass Theater als Ort der realen Begegnung bestehen bleibt, auch wenn die klassische Kunstform des Schauspiels in der heutigen Zeit keine zentrale Rolle mehr spielt.
Ausstehende Perspektiven und Entwicklungen
Für die Zukunft des Theaters in Europa sieht Hermanis einen tiefgreifenden Wandel. Er geht davon aus, dass das „große alte Theater“ nicht mehr zurückkehren wird. Stattdessen werde sich die Kunstform in kleinere, spezialisierte Gemeinschaften aufspalten. Da er selbst keine Ambitionen mehr hat, eine Intendanz zu übernehmen, bleibt er ein Beobachter der Szene, der aus der Distanz seines Theaters in Riga auf die Entwicklungen in Deutschland und Europa blickt. Ob seine Einschätzung, dass rechte Politiker Künstlern gegenüber toleranter sein könnten, in der Realität Bestand haben wird, bleibt eine offene Frage, die von den kommenden politischen Konstellationen abhängt. Hermanis beharrt darauf, dass Künstler von Natur aus Rebellen sein müssen, die sich nicht in ein ideologisches Korsett zwängen lassen dürfen. Sein Appell richtet sich an eine jüngere Generation, die sich möglicherweise erst noch von dem Einfluss der Postdramatik lösen muss, um zu einer neuen Form der künstlerischen Wahrhaftigkeit zu finden.