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Karosh Tahas „Gulistan“: Eure Münder werden gegen euch aussagen
Kultur · 04.11.2026 21:10

Karosh Tahas „Gulistan“: Eure Münder werden gegen euch aussagen

Kurz: Karosh Tahas neuer Roman „Gulistan“ thematisiert die brutale Unterdrückung unter Saddam Hussein und die zerstörerische Kraft von Sprache und Identität.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

In ihrem neuen Roman „Gulistan“, der im Dumont Verlag erschienen ist, entwirft die Autorin Karosh Taha ein beklemmendes Panorama staatlicher Willkür und existenzieller Bedrohung. Die Handlung dreht sich um die titelgebende Protagonistin Gulistan, deren Name übersetzt „Blumengarten“ bedeutet – eine bittere Ironie angesichts der lebensfeindlichen Umstände, in denen sie sich bewegt. Die Geschichte beginnt mit der Suche Gulistans nach ihrem Ehemann Çiya, der spurlos verschwunden ist. Gulistans Bemühungen, ihren Mann bei Freunden, in Geschäften und bei der Polizei ausfindig zu machen, führen jedoch nicht zu einer Lösung, sondern stürzen sie in einen Strudel aus Misstrauen und staatlicher Verfolgung. Je intensiver sie nach Antworten sucht, desto mehr rückt sie selbst in das Fadenkreuz eines repressiven Regimes. Die Autorin verwebt dabei die persönliche Tragödie der Protagonistin mit der systemischen Gewalt, die unter der Herrschaft von Saddam Hussein im Irak herrschte. Die Suche nach dem Verschwundenen wird zu einer gefährlichen Konfrontation mit einem Apparat, der nicht nur Körper, sondern auch Identitäten und Sprachen auslöschen will. Die Erzählung ist dabei weit mehr als eine bloße Chronik des Verschwindens; sie ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Frage, wie Sprache unter totalitärem Druck zerfällt und wie das Individuum in einer Umgebung, in der selbst der eigene Name zur Gefahr werden kann, überhaupt noch existieren kann. Die Kernbotschaft des Romans, unterstrichen durch die düstere Warnung, dass die eigenen Münder gegen einen aussagen werden, verdeutlicht die totale Pervertierung von Wahrheit und Recht in einem Klima der Angst.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Der Roman „Gulistan“ umfasst 154 Seiten und ist im Jahr 2026 im Kölner Dumont Verlag erschienen. Die Autorin Karosh Taha, die 1987 im irakischen Teil Kurdistans geboren wurde und als Kind nach Deutschland floh, verarbeitet in diesem Werk ihre eigene Geschichte sowie die traumatischen Erfahrungen unter der Diktatur Saddam Husseins. Ein zentraler Punkt des Buches ist die sprachliche und physische Bedrohung der kurdischen Bevölkerung. Die Protagonistin Gulistan und ihr Mann Çiya werden als Figuren eingeführt, deren Identität durch die Verfolgung ihrer Sprache und Herkunft systematisch zersetzt wird. Ein Schlüsselszenario ist der Moment, in dem Çiya von zwei Männern auf den Namen seiner Frau angesprochen wird und ihm geraten wird, diesen zu ändern, da er zu gefährlich sei. Ein weiterer wichtiger Charakter ist der Arzt von Saddam Hussein, der 2003 nach Deutschland fliehen konnte. Seine Aussagen, die Taha in gebrochenem Englisch und mit Leerzeichen wiedergibt, verdeutlichen die Schizophrenie und den Wahnsinn des Regimes. Die Erzählung beginnt mit einer traumatischen Traumsequenz, in der das Ich-Subjekt mit einem Messer einen Schnitt unterhalb der Kiemen ansetzt, was den Ton für die gesamte Gewaltspirale des Romans vorgibt. Der Preis des Buches liegt bei 24 Euro. Die Erzählstruktur ist bewusst fragmentarisch gehalten, verzichtet teilweise auf Satzzeichen und nutzt mäandernde Textzeilen, um die Orientierungslosigkeit der Figuren abzubilden.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die Entstehung des Romans ist untrennbar mit der Biografie der Autorin Karosh Taha verbunden. Als Kind floh sie mit ihrer Familie vor der Diktatur Saddam Husseins nach Deutschland, eine Erfahrung, die die Grundlage für die schonungslose Darstellung der Vernichtung von Menschen durch die Auslöschung ihrer Kultur und Sprache bildet. Der Roman reflektiert die historische Realität des Iraks unter Saddam Hussein, in dem das Leben von Kurden durch staatliche Willkür, Folter und das Verschwindenlassen von Personen geprägt war. Die Handlung führt den Leser in eine Welt, in der die Sprache selbst zur Waffe wird. Taha beschreibt, wie das Regime nicht nur auf die physische Vernichtung, sondern auf die totale psychische Zerstörung abzielt. Die Folter wird dabei als Instrument eingesetzt, das nicht primär den Tod zum Ziel hat, sondern den Menschen dazu bringen soll, sich selbst zu vernichten. Der Roman zeigt auf, wie sich dieser Verrat tief in das Körpergedächtnis der Figuren einschreibt. Die historische Einbettung in die Zeit des irakischen Regimes dient dabei als Folie für eine universelle Untersuchung über die Macht der Sprache. Die Erzählung entwickelt sich von der Suche nach einem einzelnen Verschwundenen hin zu einer allgemeinen Anklage gegen ein System, das durch die Spaltung von Identitäten und die Manipulation des gesprochenen Wortes den Wahnsinn in den Alltag der Menschen trägt.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum steht die Protagonistin Gulistan, die als kurdische Frau stellvertretend für die Opfer des Regimes steht. Ihr Ehemann Çiya, dessen Verschwinden die Handlung auslöst, taucht im Verlauf der Geschichte in der Uniform Saddam Husseins wieder auf, was die Absurdität und den Verrat innerhalb des Systems verdeutlicht. Eine weitere zentrale Figur ist der Arzt von Saddam Hussein, der als Zeitzeuge fungiert und dessen Aussagen die Unfähigkeit zur Artikulation des Erlebten unterstreichen. Die Autorin Karosh Taha selbst fungiert als Beobachterin und Chronistin, die durch ihre eigene Fluchtgeschichte eine besondere Nähe zum Thema besitzt. Der Dumont Verlag tritt als Institution auf, die dieses Werk der Öffentlichkeit zugänglich macht. Weitere Akteure sind die namenlosen Männer, die Çiya auf seinen Namen ansprechen, sowie die Polizei und staatliche Stellen, die Gulistan mit Gleichgültigkeit und Verachtung begegnen. Diese Figuren verkörpern die anonyme, aber allgegenwärtige Macht des staatlichen Terrors, der den Einzelnen isoliert und mundtot macht. Die Interaktion zwischen diesen Beteiligten ist geprägt von Misstrauen, wobei die sprachliche Kommunikation oft an ihre Grenzen stößt und den Raum für Interpretation und Angst lässt.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist der Roman als ein literarisches Zeugnis, das die Grenzen des Sagbaren auslotet. Den Berichten zufolge nutzt Taha eine experimentelle Form, um die Zersetzung der Identität abzubilden. Das Schriftbild selbst wird zum Schauplatz des Terrors, indem die Autorin auf Satzzeichen verzichtet und die Sätze mäandern lässt, was die Orientierungslosigkeit der Figuren widerspiegelt. Die Gewalt ist hier nicht nur physisch, sondern manifestiert sich in der Sprache selbst. Die Sprache wird als „Säurebad“ beschrieben, in dem Identitäten aufgelöst werden. Einzuordnen ist dies als eine bewusste ästhetische Entscheidung, um den Wahnsinn des Regimes nicht nur zu beschreiben, sondern für den Leser spürbar zu machen. Die Vielstimmigkeit des Romans, in der sich Sprecher und Angesprochene verlieren, unterstreicht die These, dass in einer solchen Umgebung niemandem – nicht einmal den eigenen Worten – zu trauen ist. Die literarische Kraft des Werkes liegt laut der Analyse darin, dass Gulistan trotz der Drohungen und der drohenden Sprachlosigkeit nicht aufhört zu erzählen. Es ist ein „Erzählen auf die Gefahr hin“, das den Mut zur Wahrheit in einer Welt der Lügen betont. Die Verbindung von Jubel und Angst, von „Oberhäuptern“ und „Enthauptung“, zeigt die Pervertierung der Sprache auf, die den Wahnsinn des Terrors in den Schatten der Figuren sichtbar macht.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen offen, die den Kern der Handlung betreffen. Es bleibt unklar, was genau mit Çiya geschehen ist, bevor er in der Uniform Saddam Husseins wieder auftaucht. Die Umstände seines Verschwindens und seiner Rückkehr bleiben im Dunkeln, was die fragmentarische Natur des Romans unterstreicht. Auch die Identität der Männer, die Çiya wegen seines Namens warnen, wird nicht weiter spezifiziert; sie bleiben anonyme Repräsentanten des Terrors. Zudem beantwortet der Text nicht, ob Gulistan am Ende ihrer Suche eine Form von Erlösung oder Wahrheit findet, oder ob sie in der von Taha beschriebenen Sprachlosigkeit gefangen bleibt. Die genaue zeitliche Einordnung der Handlung innerhalb der Herrschaft Saddam Husseins wird nur vage durch die Flucht des Arztes im Jahr 2003 und die biografischen Daten der Autorin angedeutet. Auch die Frage, wie Gulistan ihre eigene Identität nach den traumatischen Erlebnissen neu definieren kann, bleibt unbeantwortet. Der Text konzentriert sich primär auf die Darstellung des Zustands der Bedrohung und die poetische Verarbeitung der Gewalt, lässt aber die narrative Auflösung der Schicksale der Protagonisten bewusst offen, um die Atmosphäre der Ungewissheit zu wahren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-gebaude-architektur-25053933/ · Foto: detait
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/grenzenlose-gewalt-der-sprache-karosh-tahas-gulistan-201213496.html