Ein Ort zwischen Vergänglichkeit und kreativer Neubelebung
Im Berliner Stadtteil Wedding, wo die urbane Hektik der Müllerstraße auf die Stille eines historischen Friedhofs trifft, hat sich ein außergewöhnliches Kulturprojekt etabliert. Das „Silent Green“ ist weit mehr als nur ein Veranstaltungsort; es ist ein Ort der Transformation, der ein ehemaliges Krematorium in eine pulsierende Stätte für Musik, Film und bildende Kunst verwandelt hat. Die Anlage, die einst als modernstes Krematorium Europas galt, dient heute als Bühne für Konzerte, Ausstellungen und filmische Diskurse. Seit Mai dieses Jahres hat das renommierte Arsenal Filminstitut hier eine neue, langfristige Heimat gefunden, was dem Standort eine zusätzliche kulturelle Tiefe verleiht. Die Gründer Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann haben es geschafft, die schwierige Geschichte des Areals – geprägt von Abschied und Trauer – in eine Atmosphäre zu überführen, die zum Verweilen, Forschen und Feiern einlädt. Der Name „Silent Green“ fungiert dabei als Brückenschlag: Er erinnert an die ursprüngliche Funktion als Ruhestätte und zitiert zugleich den Science-Fiction-Klassiker „Soylent Green“ aus dem Jahr 1973. Damit wird ein Spannungsfeld zwischen der Schwere der Vergangenheit und der Leichtigkeit künstlerischer Visionen erzeugt, das Besucher aus der ganzen Stadt anzieht.
Historische Architektur und die Spuren der Vergangenheit
Das Gelände des „Silent Green“ ist ein architektonisches Zeugnis einer vergangenen Ära. Das Herzstück bildet die Kuppelhalle, eine oktogonale Trauerhalle, deren Eingang von einer imposanten Frauenstatue bewacht wird. Die Anlage umfasst zudem ein Pförtnerhäuschen, eine Liegewiese und einen markanten 50 Meter hohen Schornstein, den Jörg Heitmann liebevoll als „Seelenbeschleuniger“ bezeichnet. Unter der Erde erstreckt sich eine Betonhalle, die früher als Leichenlager diente und heute als Ausstellungsraum fungiert. Die Geschichte des Ortes ist dabei keineswegs frei von düsteren Kapiteln: Einst lagerten hier 817 Leichen auf metallischen Gerüsten, bevor der Betrieb trotz technischer Modernisierungen eingestellt wurde. Nach einer Phase des Leerstands und der Vernachlässigung, die Heitmann als „typischen Berliner Flughafenmoment“ beschreibt, wurde das Gelände 2011 für 750.000 Euro verkauft. Die Sanierung des 6.500 Quadratmeter großen Areals erforderte erhebliche Investitionen, die teilweise durch den Verkauf angrenzender Immobilien refinanziert wurden. Heute ist von der beklemmenden Stille der Vergangenheit wenig zu spüren, da der Ort durch die Gastronomie „Mars“ und die kulturellen Aktivitäten eine neue, lebendige Identität gewonnen hat.
Von der Besetzung zur kulturellen Institution
Die Wurzeln des „Silent Green“ liegen in der bewegten Berliner Nachwendezeit. Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann, die Ende der Achtzigerjahre zum Studium nach Berlin kamen, sahen die Stadt als ein gigantisches Experimentierfeld. Gemeinsam mit Freunden gründeten sie 1991 den Kulturverein „Botschaft e.V.“ und besetzten das WMF-Haus am Checkpoint Charlie, um dort interdisziplinäre Formate zwischen Film, Kunst und Musik zu etablieren. Diese frühen Erfahrungen prägten ihr Verständnis von Kulturarbeit als einen Prozess, der über die bloße Präsentation hinausgeht. Nach der Auflösung des Vereins verfolgten beide zunächst eigene Wege: Ellerkamp lehrte in Halle und Babelsberg, während Heitmann sich im Immobilienbereich spezialisierte. Diese Kombination aus künstlerischem Anspruch und unternehmerischem Geschick erwies sich als entscheidend für die Rettung des ehemaligen Krematoriums. Während viele andere Bieter aufgrund der „Berührungsängste“ vor der Geschichte des Ortes zurückschreckten, erkannten die Gründer das Potenzial, den Raum für die freie Kunstszene zu öffnen und damit einen Ort zu schaffen, der sowohl lokal verankert als auch international anschlussfähig ist.
Die Akteure und das Arsenal Filminstitut
Das Arsenal Filminstitut, eine der bedeutendsten Filminstitutionen Deutschlands, hat im Mai nach 18 Monaten der Heimatlosigkeit seinen Betrieb auf dem Gelände aufgenommen. Die künstlerische Leiterin Stefanie Schulte Strathaus betont, dass der Standort im Wedding weit mehr bietet als nur eine neue Adresse. Erstmals sind alle Abteilungen – vom Kino über das Archiv und den Filmverleih bis hin zur Verwaltung und den Berlinale-Sektionen Forum und Forum Expanded – an einem Ort vereint. Dies fördert nicht nur die interne Zusammenarbeit, sondern ermöglicht auch einen stärkeren nachbarschaftlichen Austausch. Neben dem Arsenal sind weitere Institutionen wie das Harun-Farocki-Institut und die transmediale e.V. auf dem Gelände ansässig. Diese Konzentration an kultureller Kompetenz macht das „Silent Green“ zu einem wichtigen Knotenpunkt für die Berliner Kunstszene. Die Entscheidung, das Arsenal in eine ehemalige Trauerhalle zu integrieren, wird von Schulte Strathaus als bewusster Umgang mit der Geschichte interpretiert: Eine Trauerhalle sei ein Ort der Empathie, was eine starke Verbindung zur emotionalen Kraft des Kinos aufbaue.
Einordnung der kulturellen Bedeutung
Einzuordnen ist das „Silent Green“ als ein Modell für die Umnutzung schwieriger urbaner Räume. In einer Zeit, in der künstlerische Freiräume in Berlin zunehmend unter Druck geraten, bietet das Gelände eine notwendige Infrastruktur für die freie Szene. Den Berichten zufolge ist der Erfolg des Projekts eng mit der Fähigkeit verknüpft, kommerzielle und gemeinnützige Interessen zu balancieren. Die Finanzierung stützt sich auf drei Säulen: die Immobilien GmbH für die Vermietung an Dritte, die Einnahmen aus Gastronomie und Kulturveranstaltungen sowie die gemeinnützige GmbH für Forschungsprojekte. Diese Struktur ermöglicht es, auch kleinere, weniger profitable Herzensprojekte zu realisieren. Die Akustik der Kuppelhalle stellt dabei eine besondere Herausforderung dar, die jedoch durch architektonische Anpassungen, wie die Reduktion des Nachhalls in der Betonhalle, teilweise gelöst wurde. Der Ort fungiert als Gegenentwurf zur Gentrifizierung, auch wenn er sich in einem Stadtteil befindet, der selbst von diesen Prozessen betroffen ist. Die Verbindung von internationalem Anspruch und lokaler Verankerung macht das Projekt zu einem wichtigen Ankerpunkt für die kulturelle Identität Berlins.
Die Herausforderungen der Gegenwart
Trotz des Erfolgs steht das „Silent Green“ vor erheblichen Herausforderungen. Die Abhängigkeit von Drittmittel-Anträgen und die Unsicherheit durch Umverteilungen in der Kulturförderung belasten den Betrieb. Stefanie Schulte Strathaus weist darauf hin, dass das Arsenal trotz der Förderung durch die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien (BKM) stark auf eigene Einnahmen aus dem Kinobetrieb und dem Verleih angewiesen ist. Auch Bettina Ellerkamp spürt den Wandel in der Förderlandschaft und den wachsenden Druck auf die freie Kunstszene. Zudem ist die soziale Realität im Umfeld des „Silent Green“ nicht auszublenden: Wenige Hundert Meter entfernt liegt der Leopoldplatz, ein bekannter Drogenumschlagplatz. Die Politik scheint zwischen Repression und sozialen Hilfsmaßnahmen in diesem Bereich oft überfordert. Diese Diskrepanz zwischen der geschützten, ästhetischen Welt des Kulturortes und der rauen Realität der angrenzenden Müllerstraße bildet einen ständigen Kontrast, der den Charakter des Standorts maßgeblich mitprägt.
Offene Fragen und Zukunftsaussichten
Was der Quelltext nicht beantwortet, ist die langfristige finanzielle Stabilität des Projekts angesichts der sinkenden Erfolgsaussichten bei Förderanträgen. Es bleibt offen, wie das „Silent Green“ auf eine mögliche Verschärfung der wirtschaftlichen Lage in der Berliner Kulturpolitik reagieren kann, wenn die Einnahmen aus der Immobilienvermietung oder dem Kinobetrieb nicht ausreichen sollten. Auch die Frage, wie die Integration in das soziale Gefüge des Wedding nachhaltig gestaltet werden kann, ohne dass der Ort zu einer „Insel der Glückseligen“ innerhalb eines problematischen Umfelds wird, bleibt ein offener Prozess. Für die Zukunft sind keine spezifischen Termine für bauliche Erweiterungen genannt, jedoch deutet alles darauf hin, dass der Fokus auf der Konsolidierung der bestehenden Strukturen liegt. Die Planung weiterer Ausstellungen, wie die von Bjørn Melhus, zeigt, dass der künstlerische Betrieb ungebrochen weiterläuft. Die kommenden Monate werden zeigen, ob das „Silent Green“ seine Rolle als wichtiger Kulturort trotz der finanziellen Unsicherheiten und der komplexen städtischen Rahmenbedingungen langfristig behaupten kann.