Eine neue Perspektive auf die Globalisierung
Die Globalisierung wird in der modernen Welt zumeist anhand technischer oder ökonomischer Kennzahlen bewertet. Man betrachtet die Verbreitung schwedischer Möbelhäuser, die Reichweite des Internets oder den weltweiten Handel mit High-Tech-Produkten. Die deutsche Filmemacherin Lea Hartlaub erweitert dieses Spektrum in ihrem Dokumentarfilm „Von Giraffen und Menschen“ um eine ebenso originelle wie tiefgründige Komponente: den Weg der Giraffen. Diese Tiere, die biologisch zur Gruppe der Paarhufer gehören, haben ihren Ursprung in Afrika. Von sich aus zeigen sie keine Tendenz zur globalen Migration. Dennoch sind sie aufgrund ihrer markanten physischen Erscheinung – allen voran ihr langer Hals und ihre beeindruckende Körpergröße – zu Objekten eines weltweiten Verkehrs geworden. Hartlaub nutzt diese Tiere als Ausgangspunkt, um die Mechanismen der Vernetzung, der Macht und der menschlichen Einwirkung auf die Natur zu untersuchen. Ihr Werk ist dabei weit mehr als eine reine Naturdokumentation; es ist eine essayistische Auseinandersetzung mit der Frage, wie die menschliche Zivilisation die Welt und ihre Bewohner in ein globales Geflecht zwingt, das oft weit von den ursprünglichen Lebensräumen der Tiere entfernt ist.
Die geografische Reise der Giraffen
Die filmische Reise von Lea Hartlaub führt das Publikum an zahlreiche Orte rund um den Globus. Die Giraffen, die in freier Wildbahn nicht territorial leben, werden durch den Menschen in eine künstliche Territorialität gezwungen, etwa in Tiergärten in den USA, Deutschland, China, den Philippinen oder dem Iran. An manchen Orten kommen die Tiere nur noch in präparierter Form an. Ein zentraler Schauplatz ist Ägypten, wo die Regisseurin den ursprünglichen Titel ihres Werkes fand: „sr“. Dieser Begriff stammt von einer Hieroglyphe, die eine Giraffe darstellt. Historische Aufzeichnungen berichten von der Pharaonin Hatschepsut, die eine Expedition in das sagenhafte Land Punt entsandte, um dort botanische Studien zu betreiben und Tiere einzufangen. Weitere Stationen sind Eilat in Israel sowie die Region um den Ararat in der Türkei, ein Ort, der mythologisch eng mit der Arche Noah verknüpft ist. Diese Orte dienen als Ankerpunkte für eine Erzählung, die historische Überlieferungen mit gegenwärtigen Zuständen verknüpft und so ein komplexes Netz aus kulturellen und machtpolitischen Bezügen spannt.
Historische Kontexte und Machtstrukturen
Die Wege der Giraffen durch die Weltgeschichte sind untrennbar mit Machtkonfigurationen verbunden. Hartlaub beleuchtet in ihrem Film, wie Herrscher und Kulturen das Tier für ihre Zwecke instrumentalisierten. Auf den Philippinen etwa ließ der Diktator Marcos eine Insel räumen, um Platz für seine Projekte zu schaffen, wobei die indigene Bevölkerung Widerstand leistete. In anderen Kontexten geht es um religiöse und philosophische Fragen: Jüdische Gelehrte diskutieren, ob das in mosaischen Schriften erwähnte Tier „Zemer“ eine Giraffe sein könnte. Dies führt zu der praktischen, wenn auch im Grunde überflüssigen Frage, ob das Fleisch des Tieres koscher wäre – ein Unterfangen, das schon daran scheitert, dass die Giraffe als zu stark gilt, um geschächtet zu werden. In China wiederum verfolgt die Filmemacherin die Spur des mythischen Einhorns Qilin und prüft die Hypothese, ob dessen Legende durch den Import einer Giraffe während der Ming-Dynastie beeinflusst worden sein könnte. Diese Beispiele verdeutlichen, wie das Tier zum Projektionsraum für menschliche Mythen und Machtansprüche wird.
Die künstlerische Handschrift des Films
„Von Giraffen und Menschen“ zeichnet sich durch seine essayistische Form aus, die durch die Offstimme der Schriftstellerin Dorothee Elmiger getragen wird. Elmiger fungiert hierbei als Verbündete der Regisseurin. Der Film ist ein Werk, das aus der Lektüre von Büchern, Dokumenten und der Beobachtung von Landschaften entsteht. Hartlaub lässt sich von diesen Quellen auf intellektuelle und geografische Pfade leiten, wobei Bild und Kommentar auf einer Ebene verschmelzen. Was normalerweise beim Lesen eines Buches rein mental abläuft, wird im Film in eine äußere Form gebracht. Die Kameraarbeit, für die Lea Hartlaub ebenso verantwortlich zeichnet wie für Schnitt, Buch und Regie, ist von einer sorgfältigen Komposition geprägt. Die Bilder halten eine panoramahafte Distanz, die den Betrachter zur Reflexion einlädt. Dieser Ansatz verwandelt den klassischen Expeditionsgestus früherer Weltreisefilme in eine Form der Selbstobjektivierung, bei der das „Ich“ der Filmemacherin hinter die Beobachtung des gigantischen Weltgeschehens zurücktritt.
Einordnung der filmischen Arbeit
Einzuordnen ist der Film als ein herausragendes Beispiel für den Essayfilm, der die Grenzen zwischen Dokumentation und philosophischer Betrachtung auflöst. Hartlaub gelingt es, das Menschsein im Angesicht der globalen Zusammenhänge winzig erscheinen zu lassen, während sie der Rolle als Zeugin eine stille Größe verleiht. Den Berichten zufolge stellt der Film eine Abkehr vom klassischen Abenteuerkino dar, wie man es etwa von Chris Markers „Sans Soleil“ kennt. Stattdessen wählt Hartlaub einen Weg der Reduktion und der präzisen Beobachtung. Der Film reflektiert den Klimawandel nicht durch plakative Bilder, sondern durch die Art und Weise, wie die globale Ordnung – verkörpert durch den Transport und die Haltung der Giraffen – die Natur und die kulturelle Wahrnehmung beeinflusst. Es ist eine Arbeit, die den Zuschauer fordert, sich auf die langsamen, aber stetigen Verbindungen zwischen den Kontinenten und den Epochen einzulassen, anstatt einfache Antworten auf komplexe Fragen zu erwarten.
Offene Fragen zur filmischen Rezeption
Der Quelltext lässt einige Aspekte offen, die für ein vollständiges Verständnis der Produktionsumstände und der inhaltlichen Tiefe relevant wären. So wird zwar die Bedeutung der „marginalen“ Arbeitsweise betont, doch bleibt unklar, wie genau die Finanzierung des Projekts im Detail aussah, abgesehen von der Erwähnung, dass es für „sehr wenig Geld“ entstand. Ebenso wenig wird detailliert erläutert, wie die Auswahl der spezifischen Drehorte – etwa der Philippinen oder des Irans – im Verhältnis zur Gesamtthematik des Klimawandels gewichtet wurde, da der Titel des Films zwar einen Bezug zum Klima herstellt, der Text jedoch primär die kulturellen und historischen Aspekte der Giraffenhaltung hervorhebt. Auch die konkreten Auswirkungen der „neuen Strukturen“ bei Arte auf die Sendezeit werden zwar als ungünstig bezeichnet, jedoch nicht im Detail analysiert, welche langfristigen Folgen dies für vergleichbare dokumentarische Projekte hat, die sich abseits des Mainstreams bewegen.
Die Zukunft des dokumentarischen Kinos
Der Film erreicht nun die Fernsehauswertung, nachdem er unter dem Arbeitstitel „sr“ einen kleinen Start hatte. Der Sendetermin bei Arte, der nach Mitternacht liegt, wird als Ausdruck einer veränderten Senderpolitik gewertet, die weniger Raum für avanciertes dokumentarisches Kino bietet. Dies wird als Symptom einer größeren Entwicklung gesehen: Die Tradition intellektueller Filmredaktionen, wie sie etwa beim WDR in Nordrhein-Westfalen einst stark ausgeprägt war, scheint derzeit auszutrocknen. „Von Giraffen und Menschen“ dient als Fallbeispiel dafür, dass das deutsche Fördersystem mit randständigen, intellektuellen Arbeiten oft wenig anzufangen weiß. Dennoch zeigt das Werk, dass gerade diese Marginalität für bestimmte Gattungen ein Gewinn sein kann. In einer Zeit, in der die Debatte darüber, was deutsche Kultur sein soll, an Bedeutung gewinnt, liefert Hartlaubs Film einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über die Notwendigkeit von Freiräumen für künstlerisches Arbeiten, das sich nicht an den gängigen Marktmechanismen orientiert.
Ausblick auf die Verfügbarkeit
Interessierte Zuschauer haben die Möglichkeit, den Film am Dienstag um 00.35 Uhr auf dem Sender Arte zu sehen. Darüber hinaus wird der Film für einen Zeitraum von sieben Tagen in der Mediathek des Senders zur Verfügung stehen. Diese begrenzte Zeitspanne unterstreicht die Herausforderung, der sich solche anspruchsvollen Formate im heutigen Medienumfeld gegenübersehen. Trotz der späten Sendezeit und der begrenzten Verfügbarkeit in der Mediathek bleibt der Film ein Dokument, das die Möglichkeiten des modernen Essayfilms aufzeigt. Er fordert dazu auf, die eigene Perspektive auf die Welt zu hinterfragen und die Rolle des Menschen als Beobachter und Akteur in einem globalen, ökologischen und kulturellen Gefüge neu zu bewerten. Lea Hartlaubs Arbeit ist somit nicht nur ein filmisches Porträt von Giraffen, sondern ein Spiegelbild der menschlichen Existenz in einer sich wandelnden, globalisierten Welt, die ihre Geschichte in den kleinsten Verzweigungen ihrer Kultur weiterschreibt.