Ein kulturelles Aushängeschild unter Druck
Das Exit-Festival galt lange Zeit als das kulturelle Herzstück Serbiens. Mit bis zu 50.000 Besuchern pro Tag und einer Kulisse in der historischen Festung Petrovaradin über der Donau hatte sich die Veranstaltung in Novi Sad einen internationalen Ruf erarbeitet. Doch die diesjährige Ausgabe findet nicht mehr an diesem traditionellen Ort statt. Die Veranstalter sehen sich gezwungen, das Festival ins Ausland zu verlagern – eine Entwicklung, die laut den Organisatoren direkt auf den wachsenden politischen Druck der Regierung unter Präsident Aleksandar Vucic zurückzuführen ist.
Vom Musikfestival zur Protestbühne
Die Spannungen zwischen der Regierung und den Festivalmachern eskalierten, nachdem das Exit-Festival den Studentenprotesten in Serbien eine Plattform bot. Diese Protestbewegung formierte sich im November 2024, ausgelöst durch den Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad, bei dem Menschen ums Leben kamen. Kritiker sehen in dem Unglück ein Symbol für Korruption und mangelhafte Bauqualität unter der aktuellen Führung.
Im vergangenen Jahr nutzten die Veranstalter das Festival, um ein Zeichen zu setzen. Studenten, die ihre Universitäten besetzt hielten, traten gemeinsam mit dem italienischen Popstar Gala auf der Bühne auf. Der Song „Freed from Desire“ wurde dabei zur inoffiziellen Hymne des Widerstands. Gala rief das Publikum dazu auf, für die eigenen Rechte einzustehen und die Macht des Volkes zu demonstrieren. Für die serbische Regierung markierte dieser Moment offenbar eine rote Linie.
Repressionen gegen die Organisatoren
Laut Dusan Kovacevic, dem strategischen Kopf und Gründer des Festivals, blieb es nicht bei politischer Rhetorik. Die staatliche Förderung wurde gestrichen, Sponsoren wurden unter Druck gesetzt und es habe direkte Drohungen seitens des Geheimdienstes BIA gegen das Team gegeben. Ein besonders drastischer Vorfall ereignete sich im Mai dieses Jahres: Bei einer Razzia wurde Milos Kovacevic, der Bruder des Festivalgründers, festgenommen.
Die Vorwürfe gegen ihn wandelten sich im Verlauf des Verfahrens mehrfach – von Terrorismusvorwürfen bis hin zum Vorwurf des Aufrufs zur gewaltsamen Änderung der verfassungsmäßigen Ordnung. Letztlich konnte die Haft durch ein medizinisches Gutachten in Hausarrest umgewandelt werden. Dusan Kovacevic wertet diese Maßnahmen als gezielte Einschüchterungsversuche, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Neuanfang in Montenegro und darüber hinaus
Um das Fortbestehen des Festivals zu sichern, haben die Organisatoren den Standort gewechselt. Anfang Juli fand das Event am Sandstrand von Ulcinj in Montenegro statt, gefolgt von weiteren Terminen in Budva und einem geplanten Starlight-Festival in Ägypten. Für die Besucher, von denen viele aus Serbien anreisten, bleibt der Wunsch bestehen, dass das Festival eines Tages in seine Heimat zurückkehren kann. Trotz der neuen Perspektiven, die die internationale Tournee bietet, bleibt die Situation für die Kulturschaffenden in Serbien angespannt.
Kultur als Gradmesser für Demokratie
Politische Beobachter wie Jovana Karaulic von der Demokratischen Partei (DS) sehen in der Verdrängung des Exit-Festivals ein systematisches Vorgehen. Autoritäre Regime betrachten Kultur demnach nicht als Randerscheinung, sondern als zentrales Element, das freies Denken fördern kann. Aus dieser Perspektive ist die Freiheit der Kunst ein wesentlicher Indikator für den Zustand einer Demokratie.
Das Schicksal des Exit-Festivals ist dabei kein Einzelfall. Auch beim bedeutenden Theaterfestival Bitef wurde das Organisationsteam durch regierungskonforme Funktionäre ersetzt. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass die serbische Regierung ihre Kontrolle über kulturelle Institutionen weiter ausbaut, was laut Opposition die Rechtsstaatlichkeit im Land zunehmend gefährdet.