Ein Klassiker im intergalaktischen Gewand
Vor genau einhundert Jahren markierte die Aufführung von Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ einen Meilenstein bei den Salzburger Festspielen: Es war das erste zeitgenössische Werk, das in den Spielplan aufgenommen wurde. Hugo von Hofmannsthal, der Librettist, sah in der Oper eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem menschlichen Streben nach Treue und der Fähigkeit zur Verwandlung. In der aktuellen Spielzeit kehrt das Werk in das Haus für Mozart zurück, doch die Inszenierung von Ersan Mondtag schlägt eine Richtung ein, die mit den ursprünglichen Intentionen der Schöpfer kaum noch Berührungspunkte aufweist.
Vom Wiener Salon auf den Mars
Die ursprüngliche Konzeption der Oper, die erst 1916 ihre endgültige Form als Kombination aus Vorspiel und eigentlicher Oper fand, thematisiert das Spannungsfeld zwischen tragischer Kunst und komödiantischer Unterhaltung. Regisseur Ersan Mondtag wählt für seine Interpretation einen radikal anderen Ansatz. Er verknüpft die Entstehungszeit des Werkes während des Ersten Weltkriegs mit der heutigen Ära der Tech-Milliardäre. Diese Parallele führt ihn zu einer visuellen Umsetzung, die den Schauplatz kurzerhand auf den Mars verlegt.
Die Handlung findet in einem bräunlich-roten Sakralbau statt, in dem der reichste Mann der Welt die Aufführung als exklusive Unterhaltung konsumiert. Ergänzt wird dieses Szenario durch Symbole wie Tierkadaver und fallenden Schnee, die laut Regieanweisung auf die Zerstörung der Natur und die heutige Gegenwart verweisen sollen.
Musikalische Lichtblicke trotz Regie-Exzentrik
Während die Regieentscheidungen – etwa die Darstellung des Bacchus als gealterter Herr im klobigen Raumanzug oder die Zerstörung des Raumschiffs per Knopfdruck – bei Kritikern auf Unverständnis stoßen, bietet die musikalische Darbietung durchaus Qualität. Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Manfred Honeck überzeugen besonders in den orchestralen Passagen durch eine erlesene Klangkultur.
Besondere Anerkennung verdient Christina Nilsson in der Titelpartie. Mit einem farbenreichen und schmiegsamen Sopran gelingt es ihr, Ariadnes Sehnsucht und ihre Erinnerungen an vergangenes Glück eindringlich zu gestalten. Im Gegensatz dazu bleibt Ziyi Dai als Zerbinetta hinter den hohen Anforderungen zurück; ihre Koloraturen wirken eher wie dekoratives Beiwerk denn als inhaltliche Ausformung des Textes. Auch Eric Cutler als Bacchus bleibt blass, was die ohnehin schwer nachvollziehbare Inszenierung weiter schwächt.
Eine Inszenierung im Abseits
Die Kritik an der Produktion wiegt schwer. Die Verbindung zwischen der philosophischen Tiefe von Hofmannsthals Text und der visuellen Umsetzung Mondtags bleibt für viele Beobachter rätselhaft. Dass die renommierte Sängerin Elīna Garanča ihr Engagement für die Rolle der Ariadne im Vorfeld zurückzog, da sie keine ausreichende künstlerische Verbindung zur Partie in diesem Konzept fand, unterstreicht die Distanz zwischen der Vorlage und der aktuellen Umsetzung.
Die Inszenierung wirkt in ihrer Gesamtheit wie eine Aneinanderreihung von Regie-Einfällen – von der lesbischen Liebesgeschichte bis hin zu pädagogischen Umwelt-Hinweisen –, die den Kern der Oper eher verstellen als erhellen. Was bleibt, ist ein Abend, der musikalisch punktuell glänzt, in seiner dramaturgischen Ausrichtung jedoch weit hinter den Erwartungen an eine solch bedeutende Festspielproduktion zurückbleibt.