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Republikanisches Inventar: Schon im alten Rom zirkulierten überall Verschwörungstheorien
Kultur · 17.09.2026 08:24

Republikanisches Inventar: Schon im alten Rom zirkulierten überall Verschwörungstheorien

Kurz: Verschwörungstheorien sind kein modernes Phänomen. Eine neue Studie zeigt, wie bereits in der römischen Republik mit klandestinen Narrativen Politik gemacht wur

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Annahme, dass Verschwörungstheorien ein spezifisch modernes Verfallsphänomen unserer heutigen Zeit darstellen, wird durch die aktuelle althistorische Forschung infrage gestellt. Der Wissenschaftler Jannik Lengeling legt mit seiner in Bern eingereichten Dissertation „Verschwörungstheorien in der späten römischen Republik“ eine fundierte Untersuchung vor, die belegt, dass konspiratives Denken bereits in der Antike ein integraler Bestandteil des politischen Systems war. Entgegen der verbreiteten Meinung, solche Erzählungen seien lediglich Randerscheinungen oder Anzeichen einer demokratischen Krise, zeigt Lengeling auf, dass Verschwörungskommunikation in der römischen Republik eine ähnliche Rolle spielte wie heute. Die Arbeit verdeutlicht, dass Akteure wie Cicero gezielt auf Verschwörungserzählungen zurückgriffen, um ihre politische Agenda voranzutreiben, sich selbst als Retter des Staates zu inszenieren und Gegner zu diskreditieren. Damit liefert die Studie ein neues Verständnis für die Dynamiken republikanischer Politik, in der das Heimliche und das Öffentliche stets in einem spannungsreichen Wechselverhältnis zueinander standen. Das Werk, erschienen im Franz Steiner Verlag, bietet eine tiefgehende Analyse, die weit über das bloße historische Interesse hinausgeht und zur kritischen Reflexion über moderne politische Diskurse einlädt.

Die Einzelheiten der Untersuchung

Jannik Lengelings Werk umfasst 352 Seiten und ist im Stuttgarter Franz Steiner Verlag erschienen. Der Autor stützt seine Argumentation auf vier detaillierte Fallstudien, die die Mechanismen der römischen Verschwörungskommunikation verdeutlichen. Ein zentrales Beispiel ist das Jahr 90 vor Christus, in dem der Gesetzgeber drohte, jene zu bestrafen, die die Verbündeten Roms zum Aufstand gegen die Vormacht angestachelt hatten. Ein weiteres prominentes Beispiel findet sich im Jahr 63 vor Christus: Cicero nutzte hier die angeblichen Pläne des Catilina, um sich als Retter der Republik zu profilieren. Im selben Jahr agitierte er erfolgreich gegen das Landverteilungsgesetz des Volkstribunen Rullus, was Lengeling als Paradebeispiel für eine voll ausgeprägte Verschwörungstheorie wertet. Auch das Attentat auf Julius Cäsar an den Iden des März im Jahr 44 vor Christus wird analysiert, wobei besonders die große Anzahl der Verschwörer und die gezielte Diskreditierung Cäsars durch den Vorwurf eines angestrebten Königtums hervorgehoben werden. Die Studie kostet 74 Euro und ist als gebundene Ausgabe erhältlich, wobei sie durch eine akribische Aufarbeitung der antiken Quellen besticht.

Hintergrund und historische Entwicklung

Die Forschung zu Verschwörungstheorien konzentrierte sich lange Zeit auf die Neuzeit, insbesondere auf die Französische Revolution, die oft als Ausgangspunkt verschwörungstheoretischer Deutungsmuster im Sinne der koselleckschen „Sattelzeit“ betrachtet wird. Das Muster ist dabei stets ähnlich: Eine geheime Gruppe agiert aus eigennützigen Motiven, um Institutionen oder ganze Staaten zu unterwandern. In der römischen Republik war dieses Denken jedoch bereits tief verwurzelt. Die Struktur der „res publica“, der öffentlichen Angelegenheit, brachte es mit sich, dass alles Heimliche als potenzielle Gefahr wahrgenommen wurde. Da Politik in Rom hochgradig personalisiert war und von Netzwerken aus Klienten, Beratern und Financiers lebte, war die Grenze zwischen legitimer politischer Arbeit und konspirativem Handeln oft fließend. Die politische Rhetorik der Zeit war zudem darauf angewiesen, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und durch Polarisierung zuzuspitzen. Lengeling zeigt auf, dass es in Rom nicht zwingend einer akuten Krise bedurfte, um Verschwörungstheorien zu generieren, da die Logik der Verschwörung ein allgemein akzeptiertes und fest etabliertes Kommunikationsmittel innerhalb des politischen Betriebes darstellte.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum der Untersuchung steht unter anderem Marcus Tullius Cicero, der als einer der prominentesten Akteure der späten römischen Republik für seine rhetorische Brillanz und seinen gezielten Einsatz von Verschwörungsvorwürfen bekannt ist. Er nutzte die insinuierende Frage „Cui bono?“ – wem nützt es? – als machtvolles Werkzeug, um komplexe Netzwerke aus Hintermännern und Mittätern zu suggerieren, die nur er selbst zu durchschauen vorgab. Neben ihm werden historische Persönlichkeiten wie Catilina und der Volkstribun Rullus als Zielscheiben solcher Kampagnen angeführt. Auch Julius Cäsar nimmt eine zentrale Rolle ein, insbesondere im Kontext seines Attentats, bei dem seine Reaktionen auf Verschwörungsgerüchte und die gezielte Inszenierung seiner Person als angehender König eine entscheidende Rolle für die Mobilisierung seiner Gegner spielten. Der Autor Jannik Lengeling fungiert dabei als kritischer Beobachter, der diese historischen Akteure nicht nur als historische Figuren, sondern als Strategen einer politischen Kultur analysiert, die von Konsensstreben ebenso geprägt war wie von einer permanenten Bereitschaft zu Ausgrenzung und Gewalt.

Einordnung der Ergebnisse

Einzuordnen ist das Werk als ein wichtiger Beitrag, der bequeme Abgrenzungsgewissheiten infrage stellt. Oft werden Phänomene wie Korruption, Populismus oder gewaltsame Selbsthilfe als bloße Abweichungen vom Ideal einer stabilen Republik betrachtet. Lengeling hingegen zeigt, dass Verschwörungskommunikation ein fester Bestandteil republikanischer Systeme ist. Den Berichten zufolge erfüllt die Insinuation von Machenschaften eine systementlastende Funktion: Wenn die Probleme der Gesellschaft lediglich auf einige wenige „schlechte Individuen“ zurückgeführt werden, entfällt die Notwendigkeit für grundlegende strukturelle Veränderungen. Die Studie warnt jedoch davor, die Bedeutung dieser Theorien zu überschätzen. Es wäre ein Fehler, politische Entwicklungen allein auf das Auftreten von Verschwörungsvorwürfen zurückzuführen, da diese Erzählweisen oft nur ein Hintergrundrauschen eines ohnehin robusten oder bereits erodierenden Politikbetriebs waren. Dennoch verdeutlicht die Analyse, dass das Potenzial zur Destabilisierung bereits in der antiken politischen Kultur angelegt war und die Demokratie stets vor die Herausforderung stellt, mit solchen Polarisierungen umzugehen.

Offene Fragen zur Thematik

Obwohl die Dissertation von Jannik Lengeling eine detaillierte Analyse der späten römischen Republik liefert, bleiben einige Aspekte in der Betrachtung offen. Der Quelltext deutet zwar an, dass Verschwörungstheorien das politische Gefüge weiter erodieren lassen können, doch die genaue Gewichtung, ab welchem Punkt eine solche Rhetorik tatsächlich zum Zusammenbruch einer Institution führt, bleibt Gegenstand weiterer Debatten. Zudem lässt die Untersuchung offen, inwieweit die breite Bevölkerung außerhalb der politischen Elite Roms tatsächlich von diesen Verschwörungserzählungen überzeugt war oder ob es sich primär um ein Instrument innerhalb der herrschenden Schichten handelte. Auch die Frage, wie genau die Grenze zwischen einer realen Verschwörung – wie etwa der Ermordung Cäsars – und der bloßen rhetorischen Behauptung einer solchen im Bewusstsein der Zeitgenossen verlief, wird nur in Ansätzen beantwortet. Die Lücke zwischen der Wirkmacht der Rhetorik und der tatsächlichen Wahrnehmung durch den Bürger bleibt ein spannendes Feld für zukünftige historische Forschungen, da der vorliegende Text primär die Perspektive der politischen Akteure und deren Strategien beleuchtet.

Wie es weitergeht

Die Veröffentlichung der Dissertation von Jannik Lengeling stellt einen wichtigen Meilenstein in der althistorischen Forschung dar und dürfte die Debatte über das Verhältnis von Verschwörungsdenken und demokratischer Stabilität weiter befeuern. Da die Studie erst im Jahr 2026 publiziert wurde, steht eine breitere wissenschaftliche Rezeption in den kommenden Monaten und Jahren noch aus. Es ist zu erwarten, dass die Thesen des Autors in Fachkreisen intensiv diskutiert werden, insbesondere im Hinblick auf die Frage, ob die „imperiale Analogie“ – also der Vergleich zwischen antiken Zuständen und modernen Phänomenen wie QAnon oder dem politischen Stil von Donald Trump – eine tragfähige wissenschaftliche Grundlage bietet. Weitere Schritte könnten darin bestehen, die von Lengeling identifizierten Muster auf andere Epochen der Weltgeschichte zu übertragen oder die Rolle der Medien – in der Antike die öffentliche Rede und das Gerücht – in ihrer Funktion als Verstärker solcher Theorien noch detaillierter zu untersuchen. Die Arbeit dient somit als Ausgangspunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Frage, wie Republiken mit der ständigen Gefahr der internen Zersetzung durch konspirative Narrative umgehen können.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/gebaude-historisch-fassade-vorderseite-11087741/ · Foto: Yasir Gürbüz
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/jannik-lengeling-ueber-rom-verschwoerungstheorien-gehoeren-fest-zur-demokratie-accg-201174435.html