Ein beispielloser Raubzug durch europäische Archive
Ein rätselhaftes Phänomen versetzt derzeit die europäische Bibliothekslandschaft in Aufruhr. Über mehrere Länder hinweg, darunter Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Polen und Tschechien, sind wertvolle russische Erstausgaben aus den Beständen öffentlicher Einrichtungen verschwunden. Der Fall der Berliner Staatsbibliothek steht dabei exemplarisch für eine neue, hochprofessionelle Form der Kriminalität. Täter, die sich als Wissenschaftler tarnten, verschafften sich unter dem Vorwand der Forschung Zugang zu den historischen Beständen. Mit akribischer Vorbereitung, bei der sie die Maße der begehrten Werke exakt vermessen und diese sogar fotografierten, gelang es ihnen, die Originale durch täuschend echte Faksimiles zu ersetzen. Dieser strategische Austausch blieb zunächst unbemerkt, da die Fälschungen so präzise gefertigt waren, dass sie bei einer oberflächlichen Prüfung im Lesesaal nicht sofort als Kopien identifiziert werden konnten. Der materielle Schaden ist beträchtlich: Allein in Berlin beläuft sich der Wert der gestohlenen fünf Werke auf einen niedrigen sechsstelligen Betrag. Die internationale Dimension der Taten wurde durch ein Urteil in Paris deutlich, wo eine Gruppe georgischer Staatsangehöriger zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurde, nachdem sie in großem Stil russische Klassiker entwendet hatten.
Die akribische Vorgehensweise der Tätergruppe
Die Details der Diebstahlserie zeichnen das Bild einer hochgradig organisierten kriminellen Struktur. In Berlin trat ein Mann als vermeintlicher Forscher auf, der vorgab, sich mit dem Demokratiebegriff in den frühen Werken Alexander Puschkins zu befassen. Da er nach Angaben der Bibliotheksmitarbeiter weder Deutsch noch Englisch sprach, wurde er von einer russischsprachigen Bibliothekarin betreut. Sein Verhalten wirkte auf die Angestellten wie das eines Erstbesuchers, was den Argwohn zunächst nicht schürte. Das perfide Spiel setzte sich fort, als weitere Personen den Lesesaal betraten. Obwohl sie den Raum unabhängig voneinander aufsuchten, zeigten sie ein auffälliges Verhalten: Sie nahmen Blickkontakt auf und wirkten seltsam vertraut miteinander. Zu den entwendeten Berliner Schätzen gehören bedeutende literarische Zeugnisse wie die Erstausgabe von Puschkins „Boris Godunow“ aus dem Jahr 1831, das Verspoem „Das Räuberbrüderpaar“ von 1827 sowie „Der Gefangene im Kaukasus“ von 1828. Auch avantgardistische Texte von Aleksandra Ekster und Alexei Krutschonych fielen den Dieben zum Opfer. Die Täter nutzten ihre Besuche, um die Bücher zu vermessen und zu fotografieren, um später die täuschend echten Kopien für den Austausch vorzubereiten.
Ein komplexes Geflecht aus Ermittlungen und Verdachtsmomenten
Die Vorgeschichte der Ermittlungen reicht bis Ende 2023 zurück, als das Berliner Landeskriminalamt aufgrund von Hinweisen französischer Behörden auf die Gruppierung aufmerksam wurde. Kriminalhauptkommissar René Allonge vom zuständigen Landeskriminalamt bestätigte, dass sich im Zuge der Nachforschungen über 30 Tatverdächtige herauskristallisiert haben, die überwiegend georgischer Nationalität sind. Die Pariser Justiz hat bereits Nägel mit Köpfen gemacht: Fünf Männer und eine Frau wurden dort zu Haftstrafen von bis zu sieben Jahren verurteilt, da das Gericht als erwiesen ansah, dass sie auch in Deutschland, der Schweiz, Polen und Tschechien aktiv waren. Die Berliner Staatsanwaltschaft, namentlich die auf Kunstdelikte spezialisierte Abteilung 251, führt zwar Ermittlungen, hat jedoch bisher keine Anklage erhoben. Informationen über den aktuellen Stand des Verfahrens werden aus ermittlungstaktischen Gründen strikt unter Verschluss gehalten. Die Kooperation zwischen den europäischen Polizeibehörden ist eng, doch die juristische Aufarbeitung gestaltet sich aufgrund der grenzüberschreitenden Natur der Verbrechen und der Vielzahl der involvierten Akteure als äußerst langwierig und komplex.
Die Akteure hinter den Kulissen und der wissenschaftliche Betrieb
Die betroffenen Institutionen sehen sich mit einer völlig neuen Qualität der Bedrohung konfrontiert. Johannes Fülberth, Leiter des Referats für historische Handschriften an der Staatsbibliothek zu Berlin, spricht offen von einem „großen Vertrauensschaden“ für die wissenschaftliche Gemeinschaft. Die Art und Weise, wie die Täter unter Vorspiegelung wissenschaftlicher Interessen agierten, habe die Sicherheitsvorkehrungen in den Bibliotheken in Frage gestellt. Die Mitarbeiter, die früher einen offenen und vertrauensvollen Umgang mit den Forschern pflegten, sind nun deutlich misstrauischer. Über konkrete neue Schutzmaßnahmen schweigen sich die Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen aus. Auf der Seite der Täter stehen laut den Ermittlern über 30 Personen, die in einem Netzwerk agieren, das über die bloße Ausführung hinausgeht. Die Verurteilten in Paris sind nur ein Teil dieses Gefüges. Die Rolle derer, die die Faksimiles in Auftrag gaben oder die gestohlenen Originale auf dem Schwarzmarkt oder über Auktionshäuser weiterverkauften, bleibt ein zentraler Fokus der internationalen polizeilichen Bemühungen, wobei die georgische Herkunft der Täter als verbindendes Element in den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler hervortritt.
Einordnung der Diebstähle in den literarischen Kontext
Die Frage, warum ausgerechnet diese russischen Werke ins Visier der Diebe gerieten, beschäftigt auch die Fachwelt. Der Slawist Valentin Peschanskyi von der Universität Münster sieht inhaltlich keinen zwingenden roten Faden. Die gestohlenen Bücher decken ein breites Spektrum ab: Von Puschkins „Südrussischen Poemen“ bis hin zu seinem historischen Drama „Boris Godunow“. Peschanskyi betont, dass diese Werke zwar zum literarischen Kanon gehören, aber nicht unbedingt die zentralen Hauptwerke darstellen, die für eine gezielte ideologische oder politische Sammlung naheliegend wären. Eine staatlich gesteuerte Aktion, um spezifische Werke für eine russische Bibliothek zusammenzutragen, erscheint ihm daher wenig plausibel. Auch Johannes Fülberth schließt sich dieser Einschätzung an und warnt vor Spekulationen über eine direkte Einmischung der russischen Politik. Einzuordnen ist das Geschehen eher als ein hochprofessioneller Raubzug, bei dem der Marktwert der historischen Drucke im Vordergrund steht, statt einer tieferen ideologischen Agenda. Die Auswahl der Bücher scheint eher durch ihre Verfügbarkeit und ihren hohen Auktionswert bestimmt zu sein, als durch eine inhaltliche oder politische Systematik.
Die Spur nach Russland und die Frage der Drahtzieher
Während die Experten in Deutschland eher von kriminellen Motiven ausgehen, zeichnet der Historiker Hieronim Grala von der Universität Warschau ein anderes Bild. Er vermutet für die Diebstähle in Polen und Litauen eine zentrale Organisation aus Russland. Grala verweist auf das russische Auktionshaus Litfond, in dem Bücher mit Bibliotheksstempel der Warschauer Universität aufgetaucht sein sollen. Ein Exemplar wurde dort für 30.500 Euro versteigert. Diese Spur wird auch von Europol gestützt, die nach der Ergreifung von Tätern im Jahr 2024 bestätigte, dass einige der entwendeten Bücher tatsächlich in russischen Auktionshäusern in St. Petersburg und Moskau versteigert wurden. Kriminalkommissar Allonge schließt eine russische Verwicklung zwar nicht grundsätzlich aus, betont jedoch die Notwendigkeit handfester Beweise, bevor man solche Thesen öffentlich vertritt. Für den Berliner Fall fehlen diese Beweise bislang völlig. Die Diskrepanz zwischen der Einschätzung der deutschen Ermittler und den Beobachtungen in Osteuropa verdeutlicht, wie schwierig es ist, die Hintermänner in einem so weit verzweigten, internationalen Netzwerk zweifelsfrei zu identifizieren.
Offene Fragen und ungeklärte Hintergründe
Trotz der laufenden Ermittlungen bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Es ist unklar, wie viele der gestohlenen Werke insgesamt in Umlauf gebracht wurden und wo sich die restlichen Originale derzeit befinden. Auch die genaue Identität der Drahtzieher hinter den über 30 Tatverdächtigen ist noch nicht vollständig geklärt. Die Ermittlungsbehörden halten sich bedeckt, was die Frage aufwirft, ob es weitere, bisher unentdeckte Tätergruppen oder gar eine zentrale Steuerung aus dem Hintergrund gibt. Ebenso bleibt die Frage offen, wie die Täter in der Lage waren, die Faksimiles in einer solch hohen Qualität anzufertigen, die sogar geschultem Personal über einen gewissen Zeitraum entging. Gab es Unterstützung durch Experten aus dem Druckereigewerbe oder der Buchrestaurierung? Diese technischen Details der Fälschungsproduktion sind bisher nicht öffentlich geworden. Auch bleibt ungeklärt, ob die Bibliotheken in Deutschland und anderen europäischen Ländern ihre Sicherheitsstandards nach den Vorfällen so weit anpassen konnten, dass ein erneuter Austausch von Originalen gegen Kopien effektiv verhindert werden kann, ohne den Forschungsbetrieb vollständig zum Erliegen zu bringen.
Der weitere Weg der Ermittlungen und die Zukunft der Bibliotheken
Die kommenden Monate werden entscheidend für den weiteren Verlauf der juristischen Aufarbeitung sein. Während in Frankreich bereits Urteile gesprochen wurden, steht die deutsche Justiz noch vor der Herausforderung, die Beweiskette für die Berliner Vorfälle zu schließen. Die Abteilung 251 der Staatsanwaltschaft Berlin arbeitet weiter an dem Fall, wobei der Schutz des laufenden Verfahrens derzeit Vorrang vor der Information der Öffentlichkeit hat. Es ist davon auszugehen, dass die internationale Zusammenarbeit zwischen den Polizeibehörden weiter intensiviert wird, um die Spur der Bücher in russische Auktionshäuser weiter zu verfolgen. Für die Bibliotheken bedeutet dies eine dauerhafte Phase der erhöhten Wachsamkeit. Die wissenschaftliche Gemeinschaft steht vor der Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen der notwendigen Offenheit für die Forschung und dem Schutz ihrer wertvollen Bestände zu finden. Ob es zu einer internationalen Rückgabekampagne für die bereits verkauften Werke kommen wird, bleibt abzuwarten und hängt maßgeblich davon ab, ob die diplomatischen Kanäle in der aktuellen politischen Lage überhaupt genutzt werden können, um die gestohlenen Kulturgüter aus Russland zurückzuholen.