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Naomi Klein und Astra Taylor: „Die faschistischen Kräfte haben an Momentum gewonnen“
Kultur · 02.10.2026 06:30

Naomi Klein und Astra Taylor: „Die faschistischen Kräfte haben an Momentum gewonnen“

Kurz: Die Publizistinnen Naomi Klein und Astra Taylor analysieren im Gespräch den Aufstieg eines globalen „Endzeitfaschismus“ durch die Allianz von Tech-Elite und Pol

Eine neue Form des Faschismus im 21. Jahrhundert

Die Publizistinnen Naomi Klein und Astra Taylor warnen vor einer besorgniserregenden Entwicklung, die sie als „Endzeitfaschismus“ bezeichnen. In einem ausführlichen Gespräch betonen sie, dass sich faschistische Strukturen in der heutigen Zeit grundlegend gewandelt haben. Anders als im 20. Jahrhundert agieren diese Kräfte in einer hochgradig vernetzten und durch multiple Krisen destabilisierten Welt. Die Autorinnen beobachten, wie Nationalisten, religiöse Fundamentalisten und mächtige Akteure aus der Technologiebranche eine Allianz schmieden, die nicht etwa versucht, die bestehenden Bedrohungen wie den Klimawandel oder die Risiken künstlicher Intelligenz einzudämmen, sondern diese aktiv beschleunigt. Der Begriff des Endzeitfaschismus beschreibt dabei eine Ideologie, die den Zusammenbruch bestehender Ordnungen nicht nur antizipiert, sondern ihn als notwendigen Prozess betrachtet, um eine neue, auf Gewalt und Stärke basierende Weltordnung zu etablieren. Diese Entwicklung ist laut Klein und Taylor kein lokales Ereignis, sondern ein globales Phänomen, das sowohl in Europa als auch in Lateinamerika und den Vereinigten Staaten an Momentum gewonnen hat.

Die Akteure und ihre Strategien

Im Zentrum der Analyse stehen einflussreiche Persönlichkeiten wie Donald Trump, Stephen Miller und Tech-Milliardäre wie Peter Thiel und Elon Musk. Stephen Miller, der ehemalige stellvertretende Stabschef im Weißen Haus, wird von Klein als Schlüsselfigur zitiert, die das Weltbild der Trump-Regierung offen als eine Welt der reinen Stärke und Gewalt definiert. Diese Weltsicht basiert auf einem tief verwurzelten Überlegenheitsdenken, das den Wert von Menschenleben nach ideologischen Kriterien klassifiziert. Astra Taylor weist darauf hin, dass die rechtsextremen Bewegungen die wirtschaftliche Unsicherheit vieler Menschen geschickt instrumentalisieren. Dennoch sei es zu kurz gegriffen, den Erfolg dieser Kräfte allein auf materielle Not zurückzuführen. Viele Anhänger ließen sich ebenso durch rassistische Narrative oder psychologische Kompensationsmechanismen leiten. Die Allianz aus Politik und Silicon Valley, symbolisiert durch die Verbindung zwischen Peter Thiel und seinem Schützling J.D. Vance, zeigt laut Taylor eine systemische Korruption auf, bei der politische Karrieren durch massive private Wahlkampfspenden erkauft werden.

Historische Einordnung und der Begriff der Gewalt

Die Debatte um die Verwendung des Faschismus-Begriffs wird von den Autorinnen bewusst geführt. Während Historiker wie Robert Paxton lange zögerten, den Begriff auf moderne politische Akteure anzuwenden, sehen Klein und Taylor die Grenze durch die eskalierende Rhetorik und Gewaltanwendung längst überschritten. Sie argumentieren, dass man Faschismus nicht mehr allein durch den Vergleich mit historischen Figuren wie Mussolini oder Hitler definieren dürfe. Stattdessen müsse man die aktuelle Dynamik analysieren, in der demokratische Institutionen wie die Vereinten Nationen oder die Europäische Union gezielt delegitimiert werden. Die Autorinnen kritisieren, dass viele Beobachter aus einer falschen Scheu heraus davor zurückschrecken, die Realität beim Namen zu nennen. Dabei sei die Gefahr real: Die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien in Ländern wie Italien, Ungarn, Polen oder Österreich durch die US-Regierung unter Trump unterstreiche die internationale Vernetzung dieser antidemokratischen Bestrebungen, die auf die Zerstörung rechtsstaatlicher Prinzipien zugunsten eines internationalen Systems der rohen Machtausübung abzielen.

Die Rolle der Schocks und religiöser Endzeit-Narrative

Ein wesentlicher Bestandteil des Buches von Klein und Taylor ist die Identifikation von Ereignissen, die als Beschleuniger für diesen Endzeitfaschismus fungierten. Die Corona-Pandemie wird hierbei als zentraler „Schock“ angeführt, der insbesondere bei der religiösen Rechten in den USA eine Radikalisierung auslöste. Die Pandemie wurde von vielen als biblisches Zeichen gedeutet, wobei die Anti-Lockdown-Bewegung teilweise apokalyptische Bildsprache nutzte, um Impfstoffe als „Malzeichen des Tieres“ zu diffamieren. Ein zweiter, ebenso gewichtiger Schock war der Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Laut den Autorinnen wurde dieser Tag von messianischen Strömungen innerhalb Israels und von christlichen Fundamentalisten in den USA, etwa dem Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson, als Bestätigung ihrer biblischen Prophezeiungen instrumentalisiert. Diese religiöse Aufladung politischer Ereignisse diene dazu, gewaltsame Vertreibungen und militärische Aggressionen als gottgewollte Notwendigkeiten zu rechtfertigen, was den Spielraum für diplomatische Lösungen massiv einschränkt.

Kritik an der israelischen Politik und die Völkermord-Debatte

Naomi Klein äußert sich im Gespräch dezidiert zu den Vorwürfen eines Genozids im Gazastreifen. Sie weist die Kritik, dass der Begriff des Völkermords für Israel unangemessen sei, entschieden zurück. Für Klein ist die Berufung auf die eigene Bedrohungssituation kein rechtmäßiger Grund für Kriegsverbrechen. Sie stützt sich dabei auf die Rechtsauffassung renommierter Menschenrechtsorganisationen wie B’Tselem. Die Autorin betont, dass die Handlungen des Staates Israel anhand der konkreten Ereignisse im Gazastreifen bewertet werden müssten, wobei sie insbesondere auf die Vertreibung und Zerstörung der Lebensgrundlagen der Palästinenser verweist. Sie kritisiert zudem eine deutsche Debattenkultur, die sie als blockiert wahrnimmt, und betont, dass die juristische Debatte über den Völkermord-Begriff zwar andauern werde, die Faktenlage vor Ort jedoch eine klare Sprache spreche. Die Vision eines „neuen Gaza“ auf den Trümmern der alten Siedlungen wird von ihr als Ausdruck einer Auslöschungspolitik gewertet, die den Palästinensern jegliche politische Selbstbestimmung entzieht.

Der „Armageddon-industrielle Komplex“ im Silicon Valley

Ein weiteres zentrales Thema ist die Verschmelzung von Technologie-Giganten mit apokalyptischen Ideologien. Astra Taylor beschreibt, wie einflussreiche Akteure aus dem Silicon Valley, allen voran Peter Thiel, Katastrophen als Geschäftsmöglichkeiten begreifen. Das Motto einer Konferenz von Thiels Risikokapitalgesellschaft, die Welt zerstören zu wollen, um Fortschritt zu erzwingen, sei bezeichnend für eine Mentalität, die reale Lebensgrundlagen für virtuelle Paradiese opfern will. Diese Tech-Titanen agieren laut Taylor wie religiöse Fanatiker: Sie nehmen die Zerstörung von Arbeitsplätzen und die Ausbeutung fossiler Ressourcen in Kauf, während sie gleichzeitig die Menschheit mit der Aussicht auf eine technologische Erlösung oder das Risiko einer totalen Auslöschung konfrontieren. Die Verflechtung dieser Akteure mit der Politik, etwa durch die Förderung von J.D. Vance, zeigt, dass es hier um weit mehr als nur wirtschaftliche Interessen geht; es geht um die gezielte Gestaltung einer Zukunft, in der KI und Überwachungstechnologien die Machtverhältnisse zugunsten einer kleinen Elite dauerhaft festigen.

Offene Fragen und die Lücken in der Analyse

Obwohl das Gespräch und das Buch eine umfassende Diagnose des „Endzeitfaschismus“ liefern, bleiben einige Fragen im Raum stehen. Der Quelltext verdeutlicht, dass die Autorinnen zwar die Mechanismen der Radikalisierung und die Rolle der Großspender präzise benennen, jedoch die Frage nach einer konkreten, politisch umsetzbaren Alternative weitgehend offen lassen. Es bleibt unklar, wie eine „positive Zukunftsvision“, die von der Linken gefordert wird, in der heutigen, durch Desinformation und Polarisierung geprägten Medienlandschaft tatsächlich Mehrheiten finden soll. Zudem wird nicht detailliert ausgeführt, wie die technologische Entwicklung, vor der selbst Branchengrößen wie Bill Gates oder Dario Amodei warnen, effektiv reguliert werden könnte, ohne in den von den Autorinnen kritisierten staatlichen Autoritarismus abzugleiten. Die Lücke zwischen der theoretischen Analyse der Machtverhältnisse und der praktischen politischen Umsetzung bleibt eine Herausforderung, die im vorliegenden Text nicht abschließend beantwortet wird.

Ausblick und die Zukunft der politischen Auseinandersetzung

Die Zukunft wird laut Klein und Taylor maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die materielle Unsicherheit der Menschen durch eine Politik zu adressieren, die eine echte Alternative zum gegenwärtigen System darstellt. Die bisherige Bilanz der Trump-Regierung, deren Beliebtheitswerte laut Klein auf unter 30 Prozent gefallen sind, zeige, dass die Versprechen der „Endzeitfaschisten“ – etwa die Senkung der Lebenshaltungskosten durch Massenabschiebungen – in der Realität scheitern. Die Herausforderung für die kommenden Jahre besteht darin, den Einfluss systemischer Korruption durch Großspender zu begrenzen und eine politische Bewegung zu formen, die sich gegen die Allianz aus Tech-Giganten und rechtsextremen Kräften stellt. Termine oder konkrete politische Schritte werden im Quelltext nicht genannt, doch die Mahnung der Autorinnen ist unmissverständlich: Ein Abgleiten in den Faschismus ist nicht vorbestimmt, erfordert jedoch ein entschlossenes Handeln gegen die Kräfte, die den Zusammenbruch der globalen Ordnung als Geschäftsgrundlage nutzen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/rot-vorbereitung-entwicklung-foto-8113902/ · Foto: Annushka Ahuja
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/frankfurter-buchmesse-2026-naomi-klein-und-astra-taylor-accg-201253430.html