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Frankfurter Anthologie: Ludvík Kundera: „Sogar die Sterne sollen abends duften“
Kultur · 02.10.2026 18:30

Frankfurter Anthologie: Ludvík Kundera: „Sogar die Sterne sollen abends duften“

Kurz: Ludvík Kundera, der ältere Cousin von Milan Kundera, war eine prägende Stimme der tschechischen Avantgarde. Eine Würdigung seines Werks in der Frankfurter Antho

Einleitung: Die Wiederentdeckung einer literarischen Stimme

Oftmals wird der Name Kundera in der internationalen Literaturwelt unmittelbar mit Milan Kundera und seinem berühmten Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ assoziiert. Doch in der tschechischen Heimat des Autors ist dieser Name untrennbar mit einer weiteren, ebenso bedeutenden literarischen Persönlichkeit verbunden: Ludvík Kundera. Der ältere Cousin des weltberühmten Romanciers war über sieben Jahrzehnte hinweg eine zentrale Figur der tschechischen Lyrik. Sein Wirken erstreckte sich weit über die Grenzen seiner mährischen Heimat hinaus und prägte eine ganze Generation von Dichtern. In der aktuellen Betrachtung der Frankfurter Anthologie rückt nun sein Werk in den Fokus, insbesondere das Gedicht „Sogar die Sterne sollen abends duften“. Dieses Werk dient als Schlüssel, um die komplexe Verbindung zwischen der tschechischen Provinz und der imaginären Weite der französischen Provence zu verstehen. Ludvík Kundera, der 2010 im Alter von 90 Jahren verstarb, hinterließ ein Werk, das trotz politischer Repressionen und eines jahrzehntelangen Publikationsverbots eine bemerkenswerte Beständigkeit bewahrte. Sein Leben und Schaffen sind ein Zeugnis für die Kraft der Poesie, die selbst in Zeiten politischer Eiszeit einen Raum für geistige Freiheit und grenzenlose Vorstellungskraft zu schaffen vermag. Die Auseinandersetzung mit seinem Text offenbart eine tiefe Verbundenheit zur Natur und eine philosophische Auseinandersetzung mit der Zeit, die weit über das bloße Wort hinausgeht.

Die Einzelheiten: Leben und Werk des Dichters

Ludvík Kundera wurde in Brünn geboren, der mährischen Hauptstadt, die auch die Wiege seines berühmten Cousins Milan war. Während Milan Kundera den Weg des Exils wählte, blieb Ludvík in der Tschechoslowakei und wurde zu einer prägenden Stimme der Avantgarde. Er gehörte zu den Vertretern des Poetismus, einer lyrischen Bewegung, die bereits vor dem deutschen Einmarsch 1939 entstand und sich mit dem französischen Surrealismus oder dem deutschen Expressionismus messen konnte. Zu seinen Mitstreitern in dieser literarischen Strömung zählten bedeutende Namen wie Jiři Wolker, Vitezlav Nezval, Jaroslav Seifert, Ivan Blatny, František Halas und Jan Skácel. Im Jahr 1943 wurde der damals 23-jährige Ludvík Kundera als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Diese traumatische Erfahrung verarbeitete er in der Erzählung „Berlin–Konstantinopolis“, die später von Eduard Schreiber ins Deutsche übersetzt wurde und als halluzinierende Prosa das Erlebte zu bannen sucht. Nach dem Zweiten Weltkrieg sah sich Kundera mit der sozialistischen Doktrin konfrontiert, die das Erbe des Poetismus einzuschränken versuchte. Dennoch blieb er seiner künstlerischen Vision treu, auch in den schwierigen Phasen nach dem Prager Frühling. Zwischen 1971 und 1989 war er, ähnlich wie Václav Havel, mit einem strikten Publikationsverbot belegt, was ihn jedoch nicht daran hinderte, sein literarisches Schaffen im Verborgenen fortzusetzen.

Hintergrund: Die mährische Provinz als geistiges Exil

Die Zeit des Publikationsverbots zwang Ludvík Kundera in eine innere Emigration. Sein Rückzugsort wurde die Kleinstadt Kunštat, die für ihn zum Zentrum seines Schreibens und Überlebens wurde. In dieser Enge entwickelte er eine poetische Gegenwelt, die von einer grenzenlosen geistigen Freiheit geprägt war. Die mährische Landschaft, die er in seinen Gedichten oft mit der Provence assoziierte, wurde für ihn zum Asyl. Er schuf eine Welt, in der tschechische Provinz und südfranzösische Düfte wie Feldthymian und Rosmarin miteinander verschmolzen. Diese Transformation war nicht nur ein ästhetisches Spiel, sondern ein notwendiger Akt des Widerstands gegen die politische Einengung. Kunštat wurde zu einem Treffpunkt für Gleichgesinnte. In den siebziger Jahren besuchten ihn dort sächsische Dichter wie Wulf Kirsten und Rainer Kunze, die in Kunderas Garten eine sommerliche Provence fanden. Kundera fungierte zudem als Brückenbauer zwischen den Kulturen; er übersetzte Werke von Peter Huchel und Johannes Bobrowski ins Tschechische. Besonders zu Peter Huchel pflegte er eine tiefe Freundschaft, die er auch während dessen Hausarrest in Wilhelmshorst zwischen 1963 und 1971 durch materielle und ideelle Unterstützung aufrechterhielt. Diese Wahlverwandtschaften zeugen von einem Netzwerk, das über nationale und ideologische Grenzen hinweg Bestand hatte.

Die Beteiligten: Ein Netzwerk der Dichter

Die literarische Welt Ludvík Kunderas war von einem dichten Geflecht an Beziehungen geprägt. Neben den bereits genannten tschechischen Avantgardisten wie Seifert und Halas spielten deutsche Literaten eine entscheidende Rolle in seinem Leben. Die Verbindung zu den sächsischen Dichtern Wulf Kirsten und Rainer Kunze zeigt, wie der Austausch über die Grenzen hinweg zur Aufrechterhaltung der poetischen Integrität beitrug. Auch die Rolle des Übersetzers Eduard Schreiber ist hervorzuheben, der Kunderas Werk für den deutschsprachigen Raum zugänglich machte. Bernd Jentzsch, der Herausgeber des „Poesiealbum 281“, trug ebenfalls dazu bei, Kunderas Lyrik zu bewahren. Jan Röhnert, der Autor des aktuellen Artikels, ordnet Kundera in den Kontext des Nature Writing ein und betont die Bedeutung von Kunderas Wirken für die zeitgenössische Literatur. Die Institutionen, die Kunderas Werk publizierten, wie der Märkische Verlag in Wilhelmshorst, spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung seiner Texte. Letztlich ist es die Gemeinschaft der Dichter, die Kundera als Wahlverwandte betrachtete, die sein Erbe lebendig hält. Die Erwähnung von Václav Havel unterstreicht zudem den politischen Kontext, in dem sich Kundera als Intellektueller bewegte, der sich den Repressionen des sozialistischen Regimes widersetzte.

Einordnung: Die Poesie als Atemzug

Einzuordnen ist das Werk Kunderas als ein Versuch, die menschliche Existenz in einer Zeit der Uhrenzeit und der politischen Beschränkung durch eine tiefere Naturzeit zu ergänzen. Den Berichten zufolge ist sein Gedicht „Sogar die Sterne sollen abends duften“ ein Beispiel für diese philosophische Tiefe. Die fünfzehn Zeilen des Gedichts, die ohne Punkt auskommen, spiegeln einen Rhythmus wider, der an ein zweifaches Atemholen erinnert. Diese Struktur ist bezeichnend für Kunderas Ansatz: Die Lyrik dient als Mittel, um Herz, Sinne und Geist in Zeiten der Bedrängnis zu erweitern. Die Schwermut, die in seinen Texten mitschwingt, ist kein Zeichen der Resignation, sondern ein „schwermütiger Frohsinn“, der aus der Natur schöpft. Kundera erkennt eine beharrlichere Natur, die neben dem Menschzeitlichen existiert und die atemlosen Dauerläufer der Geschichte überdauert. Das Gedicht wird so zu einer Einladung, die Luft der Provence durch Mähren strömen zu lassen – ein geistiger Akt, der die physische Enge aufhebt. Die Ulme auf seinem Grab in Kunštat, die in vielen Regionen Europas beheimatet ist, wird hier zum Symbol für die universelle Verwurzelung seines poetischen Geistes, der über den Tod hinaus in der Natur weiterlebt.

Offene Fragen: Was bleibt verborgen?

Obwohl der Quelltext einen tiefen Einblick in das Leben und Schaffen Ludvík Kunderas bietet, bleiben einige Aspekte unbeantwortet. So wird nicht im Detail erläutert, welche spezifischen Texte oder Aktionen Kunderas während der Zeit des Publikationsverbots genau zu seiner Verfolgung führten. Auch die genauen Umstände der Deportation als Zwangsarbeiter im Jahr 1943 werden nur in Bezug auf seine literarische Verarbeitung in „Berlin–Konstantinopolis“ erwähnt, nicht jedoch in ihren biografischen Details. Ebenso bleibt offen, wie genau die tägliche Kommunikation mit den sächsischen Dichtern unter den Bedingungen der Überwachung durch die staatlichen Sicherheitsorgane funktionierte. Die Frage, wie viel von Kunderas umfangreichem Werk noch unübersetzt oder bisher unveröffentlicht in Archiven schlummert, wird im Text nicht explizit thematisiert. Auch die genaue Entwicklung der Beziehung zu seinem Cousin Milan Kundera wird lediglich durch die Gegenüberstellung ihrer Lebenswege angedeutet; eine detaillierte Analyse ihres persönlichen Verhältnisses oder etwaiger literarischer Differenzen ist nicht Teil der vorliegenden Quelle. Diese Lücken laden dazu ein, sich weiter mit dem Archivmaterial und den Briefwechseln des Dichters zu beschäftigen, um das Bild dieses vielschichtigen Autors zu vervollständigen.

Wie es weitergeht: Das Erbe bewahren

Die Auseinandersetzung mit Ludvík Kundera endet nicht mit seinem Tod im Jahr 2010. Durch Publikationen wie das „Poesiealbum 281“ und die fortwährende Arbeit von Übersetzern und Literaturwissenschaftlern bleibt sein Werk im öffentlichen Bewusstsein präsent. Die Frankfurter Anthologie leistet hierbei einen wichtigen Beitrag, indem sie Kunderas Lyrik einer breiteren Leserschaft zugänglich macht und in den Kontext europäischer Dichtung stellt. Zukünftige literaturwissenschaftliche Arbeiten werden sich zweifellos weiterhin mit der Frage beschäftigen, wie Kunderas poetische Strategien der „inneren Freiheit“ in anderen Kontexten der Unterdrückung als Vorbild dienen können. Die Tatsache, dass sein Werk auch heute noch als aktuell empfunden wird, zeigt, dass die von ihm beschriebene „andere Erdenzeit“ eine zeitlose Qualität besitzt. Die Pflege seines Grabes in Kunštat und die fortwährende Rezeption seiner Texte in Deutschland und Tschechien sichern ihm einen festen Platz in der europäischen Literaturgeschichte. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Übersetzungen seiner Prosa und Lyrik folgen, um die Lücken in der internationalen Wahrnehmung dieses bedeutenden Dichters weiter zu schließen und sein Werk für kommende Generationen lebendig zu erhalten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/historisches-musikschulgebaude-in-weimar-36136678/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/ein-gedicht-von-ludvik-kundera-in-der-frankfurter-anthologie-201278954.html