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Proust-Fragebogen: Wie möchten Sie sterben, Lutz Huelle?
Kultur · 18.08.2026 20:24

Proust-Fragebogen: Wie möchten Sie sterben, Lutz Huelle?

Kurz: Der Modedesigner Lutz Huelle stellt sich dem klassischen Proust-Fragebogen und gibt persönliche Einblicke in seine Werte, Träume und Ängste.

Einblicke in die Gedankenwelt eines Modeschöpfers

Der renommierte deutsche Modedesigner Lutz Huelle, der ursprünglich aus Remscheid stammt und heute als feste Größe in der Pariser Modewelt gilt, hat sich den Fragen des berühmten Proust-Fragebogens gestellt. Dieses historische Gesellschaftsspiel, das einst vom Schriftsteller Marcel Proust zweimal ausgefüllt wurde, dient als Spiegel der Persönlichkeit und erlaubt es, tiefere Einblicke in die Motivationen und die Weltsicht einer Person zu gewinnen. Huelle, der für seine hochwertige, alltagsnahe Mode bekannt ist, die traditionelle Grenzen der Branche immer wieder neu definiert, nutzte diese Gelegenheit, um abseits seiner beruflichen Tätigkeit als Designer und Dozent an der Kunsthochschule HEAD in Genf über existenzielle Themen zu reflektieren. In einer Zeit, in der sich die Weltgesellschaft mit komplexen Herausforderungen konfrontiert sieht, bietet das Gespräch mit Huelle eine erfrischende Mischung aus persönlicher Bescheidenheit, beruflichem Ehrgeiz und einer tief verwurzelten humanistischen Grundhaltung, die sich durch seine gesamten Antworten zieht.

Persönliche Werte und die Definition von Glück

Für Lutz Huelle ist das vollkommene irdische Glück eng mit zwischenmenschlichen Momenten verknüpft. Ein entspanntes Getränk im Kreis von Familie und Freunden oder ein ruhiger Freitagabend mit seinem Partner David auf der Couch stellen für ihn die Essenz eines glücklichen Lebens dar. Diese Bodenständigkeit spiegelt sich auch in seinem Verständnis von Tugenden wider: Ehrlichkeit und Mut stehen für ihn an oberster Stelle. Humor ist dabei eine Eigenschaft, die er sowohl bei Männern als auch bei Frauen am meisten schätzt und die er auch bei seinen Freunden als unverzichtbar erachtet. Sein eigener Charakter ist geprägt von einer ausgeprägten Positivität und einem eisernen Glauben an das Gute im Menschen sowie an die Zukunft. Diese Haltung ist bemerkenswert, da er gleichzeitig zugibt, manchmal Angst vor seiner eigenen Courage zu haben und einen gewissen Hang zum Protestantischen in sich zu tragen, was seine Selbstreflexion unterstreicht.

Die berufliche Laufbahn und die Suche nach dem eigenen Weg

Der Weg von Remscheid nach Paris war für Lutz Huelle kein vorgezeichneter Pfad. In seinen Antworten reflektiert er über die Erwartungen seines Umfelds: Seine Großmutter sah in ihm einen Staubsaugervertreter, während seine Eltern ihn eher in einer klassischen Karriere als Arzt oder Bankangestellter sahen. Er selbst hegte jedoch Träume, die in eine ganz andere Richtung gingen – er wollte Tänzer, Popsänger oder eben Modedesigner werden. Dass er schließlich den Weg in die Mode fand, nachdem er vom belgischen Designer Martin Margiela nach Paris geholt wurde, hat seinen Lebensweg maßgeblich geprägt. Heute ist er ein fester Bestandteil der Pariser Schauen. Dennoch bleibt eine gewisse Ambivalenz, ob er den für ihn richtigen Weg eingeschlagen hat, was zeigt, dass auch ein erfolgreicher Designer wie Huelle die Pfade, die nicht beschritten wurden, mit einer gewissen Neugier betrachtet.

Gesellschaftliche Haltung und politische Sorgen

Ein wesentlicher Teil des Fragebogens widmet sich Huelles gesellschaftlichem Engagement und seinem Blick auf die Welt. Auf die Frage nach dem größten Unglück nennt er neben dem persönlichen Abschied von geliebten Menschen auch die beunruhigende Tendenz, dass sich die Welt in Richtung eines neuen Mittelalters zu bewegen scheint. Er verabscheut Intoleranz, Gemeinheit und Ignoranz zutiefst. Sein Traum vom Glück ist universell: Friede, Freiheit, Wohlstand und Toleranz für alle Menschen. In Bezug auf geschichtliche Gestalten, die er verachtet, verweist er auf seine Identität als Deutscher, die eine klare Positionierung nahelege. Auch bei militärischen Leistungen bleibt er skeptisch und hinterfragt, ob solche Leistungen überhaupt bewundernswert sein können, wenn sie nicht explizit dem Ziel von Frieden und Freiheit für alle Menschen dienen.

Kulturelle Einflüsse und Vorbilder

Die kulturelle Welt von Lutz Huelle ist vielfältig und reicht von der Literatur bis zur Musik. Als Romanhelden nennt er Pippi Langstrumpf und Lisbeth Salander, was auf eine Vorliebe für starke, unkonventionelle Frauenfiguren hindeutet. Seine Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit sind die Suffragetten, während er in der Dichtung Circe hervorhebt. Auch in der zeitgenössischen Kunst und Fotografie hat er Vorbilder: Alexandra Bircken und Wolfgang Tillmans nennt er als seine Helden in der Wirklichkeit. Sein Lieblingsmaler ist Michael Krebber, und literarisch schätzt er Michael Cunningham. Musikalisch zeigt er eine Vorliebe für die Komponisten Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Diese Auswahl verdeutlicht, dass Huelle sich von Persönlichkeiten inspirieren lässt, die durch ihre Arbeit oder ihr Wirken Grenzen verschoben oder festgefahrene gesellschaftliche Strukturen hinterfragt haben.

Die Frage nach dem Ende und die Zukunft

Auf die sehr spezifische, fast schon provokante Frage, wie er sterben möchte, antwortet Huelle mit einer Mischung aus Lakonie und Stilbewusstsein: „Schnell und gut angezogen“. Dies ist ein bezeichnender Abschluss für jemanden, der sein Leben der Ästhetik gewidmet hat. Dennoch bleiben Fragen offen, etwa wie sich seine Lehrtätigkeit in Genf konkret auf seine Designphilosophie auswirkt oder welche spezifischen Projekte er für die Zukunft plant, um seinem Ziel, ein anständiger, empathischer und guter Designer zu sein, weiter näherzukommen. Der Text gibt keine Auskunft darüber, wie er den Spagat zwischen der schnelllebigen Modewelt und seinem Wunsch nach Beständigkeit und Toleranz im Alltag genau bewältigt. Dennoch bleibt sein Motto „Et hätt noch emmer joot jejange“ als Ausdruck eines tiefen rheinischen Optimismus bestehen, der ihn durch stressige Zeiten in Paris leitet.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/weltmuseum-wien-in-wien-osterreich-tagsuber-29689527/ · Foto: Vladimir Srajber
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-proust-fragebogen-mit-dem-modedesigner-lutz-huelle-201119182.html