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Rätselhaftes Bienensterben in Hofgeismar und Grebenstein
Regional · 03.09.2026 19:48

Rätselhaftes Bienensterben in Hofgeismar und Grebenstein

Kurz: In Hofgeismar und Grebenstein starben Millionen Bienen. Experten rätseln über die Ursache, da Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel ausgeschlossen wurden.

Ein massenhaftes Sterben im Sommer

In den nordhessischen Kommunen Hofgeismar und Grebenstein ereignete sich im Juli dieses Jahres ein Vorfall, der die Imkerschaft in tiefe Bestürzung versetzt hat. Innerhalb kürzester Zeit verendeten rund 100 Bienenvölker, was nach Schätzungen von Experten dem Verlust von mehreren Millionen Einzeltieren entspricht. Ein derartiges Massensterben mitten in der Hochsaison, in der die Bienenvölker normalerweise ihre größte Vitalität und Arbeitskraft entfalten, stellt ein höchst ungewöhnliches Ereignis dar. Üblicherweise ist der Sommer die Zeit, in der die Tiere intensiv Nektar sammeln und Honig einlagern, um das Überleben des Stocks zu sichern. Während der natürliche Tod einzelner Bienen nach einem arbeitsreichen Leben oder der Verlust von Völkern durch die Varroamilbe im Winter zum kalkulierbaren Risiko der Imkerei gehören, sprengt das aktuelle Geschehen in der Region Kassel diesen Rahmen bei weitem. Die betroffenen Imker stehen nun vor einem Rätsel, da die Ursache für das plötzliche Zusammenbrechen der Völker bislang nicht identifiziert werden konnte. Die betroffenen Bestände verteilen sich auf einen Umkreis von acht Kilometern, was die Suche nach einem gemeinsamen Auslöser für das Sterben zusätzlich erschwert.

Die Untersuchung der Experten

Um Licht in das Dunkel zu bringen, wurde der Bienensachverständige des Imker-Kreisverbands Hofgeismar, Wolfgang Scheele, aktiv. Er schaltete umgehend den Pflanzenschutzdienst des hessischen Landwirtschaftsministeriums sowie das Julius-Kühn-Institut (JKI) ein. Letzteres fungiert als nationale Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen und ist in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt, ansässig. Die Forscher dort führten eine umfassende Analyse der eingesandten Proben durch. Dabei wurden die Bienen auf insgesamt 290 verschiedene Wirkstoffe untersucht, die aus zugelassenen sowie nicht zugelassenen Pflanzenschutzmitteln, Bioziden, Fungiziden und Mitteln zur Varroa-Bekämpfung stammen könnten. Ergänzend dazu suchten die Wissenschaftler nach spezifischen Krankheitserregern und Viren, die für ein solches Massensterben verantwortlich sein könnten. Das Ergebnis liegt seit dieser Woche vor und ist für die Betroffenen gleichermaßen entlastend wie frustrierend: Eine Vergiftung durch chemische Substanzen konnte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Auch für die anderen untersuchten Faktoren fanden sich keine belastbaren Hinweise, die das Sterben erklären könnten.

Hintergrund und Vergleichsfälle

Ein derartiges Ausmaß an Verlusten weckt Erinnerungen an frühere Vorfälle, die deutschlandweit für Aufsehen sorgten. Ein prominentes Beispiel ist das Massensterben im Frühjahr 2008 in der Region Oberrhein in Baden-Württemberg. Damals verendeten etwa 12.000 Bienenvölker, wovon rund 700 Imker betroffen waren. Erst nach monatelangen Ermittlungen konnte die Ursache zweifelsfrei geklärt werden: Mangelhaft gebeiztes Saatgut für Mais hatte dazu geführt, dass Pestizide freigesetzt wurden, mit denen die Bienen in direkten Kontakt kamen. Die Konsequenz war ein Verbot des entsprechenden Pestizids. Im aktuellen Fall von Hofgeismar und Grebenstein wurde jedoch bereits eine toxische Ursache durch das JKI weitgehend ausgeschlossen. Eine weitere Theorie, die bei Bienensterben oft diskutiert wird, ist der Hungertod infolge extremer Hitze und Trockenheit, bei der Pflanzen nicht genügend Nektar produzieren. Dieser Erklärungsansatz lässt sich jedoch für die nordhessischen Völker kaum halten. Der Sachverständige Wolfgang Scheele betont, dass in den betroffenen Stöcken ausreichend Futter vorhanden war und die Region Anfang Juli noch eine reiche Blütenpracht aufwies, die den Tieren genügend Nahrung bot.

Die betroffenen Akteure und Institutionen

Insgesamt 17 Imker sind von dem massiven Verlust ihrer Bienenvölker betroffen. Sie haben viel Zeit, finanzielle Mittel und emotionale Zuwendung in ihre Arbeit investiert, weshalb die Ungewissheit über die Todesursache besonders schwer wiegt. Neben der emotionalen Belastung kommt ein handfestes finanzielles Problem hinzu: Die für Imker obligatorische Versicherung greift in diesem Fall nicht. Da das Julius-Kühn-Institut keine Vergiftung nachweisen konnte, liegt nach Auskunft der Sprecherin des Instituts kein versicherter Schadenfall vor. Die Imker stehen somit ohne Entschädigung für ihre Verluste da. Neben dem Bienensachverständigen Wolfgang Scheele, der die Koordination mit den Behörden übernommen hat, sind nun das Hessische Bieneninstitut in Kirchhain bei Marburg sowie das JKI in die weiteren Schritte eingebunden. Diese Institutionen versuchen nun, durch eine Ausweitung der Untersuchungen – insbesondere auch des Honigs – der Ursache näherzukommen. Die Zusammenarbeit zwischen den lokalen Imkern und den wissenschaftlichen Einrichtungen ist dabei essenziell, um eine wissenschaftlich fundierte Klärung des Vorfalls herbeizuführen.

Einordnung der Situation

Einzuordnen ist das Geschehen als ein hochgradig ungewöhnlicher Vorfall, der die Grenzen der aktuellen Diagnostik aufzeigt. Dass ein derart massives Sterben auftritt, ohne dass sich chemische Rückstände oder bekannte Pathogene nachweisen lassen, ist ein seltenes Phänomen. Den Berichten zufolge ist die Situation für die betroffenen Imker besonders belastend, da sie nicht nur ihre Völker verloren haben, sondern auch mit der Unsicherheit über die Qualität ihrer Produkte konfrontiert sind. Die Tatsache, dass eine Vergiftung ausgeschlossen werden konnte, ist zwar eine gute Nachricht für die Vermarktung des bereits geernteten Honigs, löst aber nicht das Kernproblem des Bienensterbens. Die wissenschaftliche Einordnung deutet darauf hin, dass die Ursachensuche nun in komplexere Bereiche vordringen muss, etwa in Richtung bisher nicht identifizierter Umweltfaktoren oder spezifischer Stressfaktoren für die Bienenvölker. Es bleibt eine schwierige Situation, in der die Abwesenheit eines klaren Befundes die Betroffenen in einer rechtlichen und wirtschaftlichen Grauzone zurücklässt, da ohne Ursachennachweis keine Haftung Dritter oder Versicherungsleistungen geltend gemacht werden können.

Offene Fragen und weitere Schritte

Trotz der umfangreichen Analysen bleiben entscheidende Fragen unbeantwortet. Es ist nach wie vor unklar, welcher Faktor in der nordhessischen Region Hofgeismar und Grebenstein zum Tod von Millionen Bienen geführt hat, wenn weder Gifte noch Krankheiten als Ursache infrage kommen. Auch die Frage, ob es sich um eine Kombination aus verschiedenen Umweltbelastungen gehandelt haben könnte, bleibt offen. Die betroffenen Imker haben zudem eine praktische Herausforderung zu bewältigen: Sie verfügen über fast eine Tonne Honig, der vor dem Sterben der Bienen produziert wurde. Um diesen sicher verkaufen zu können, muss die gesundheitliche Unbedenklichkeit des Produkts zweifelsfrei belegt sein. Die Entscheidung, in welches Labor der Honig zur weiteren Untersuchung geschickt wird, soll an diesem Wochenende fallen. Parallel dazu laufen die Bemühungen des Bienensachverständigen Scheele weiter, das Hessische Bieneninstitut in Kirchhain in die Ursachenforschung einzubeziehen. Die Imker hoffen, dass durch diese weiteren Analysen Klarheit geschaffen wird, um sowohl die wirtschaftliche Zukunft der Betriebe zu sichern als auch das Rätsel um das plötzliche Ableben der Völker endlich lösen zu können.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/charmante-gasse-in-ansbach-deutschland-36686175/ · Foto: Müca 🇩🇪
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-raetselhaftes-bienensterben-in-hofgeismar-und-grebenstein-100.html