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Reederei-Verband: "Wir sind Krisen und Kriege gewohnt"
Wirtschaft · 15.09.2026 19:05

Reederei-Verband: "Wir sind Krisen und Kriege gewohnt"

Kurz: Die Huthi-Blockade im Roten Meer zwingt Reedereien zu Umwegen. VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger erklärt, wie die Branche mit den Mehrkosten umgeht.

Die aktuelle Lage im Roten Meer

Die internationale Schifffahrt sieht sich seit geraumer Zeit mit einer massiven Sicherheitsbedrohung konfrontiert, die insbesondere das Rote Meer betrifft. Die Huthi-Miliz hat dort eine Blockade errichtet, die den regulären Handelsverkehr empfindlich stört. Für die betroffenen Reedereien ist diese Entwicklung keineswegs überraschend gekommen, da sich die Sicherheitslage in dieser Region bereits seit etwa drei Jahren kontinuierlich verschlechtert hat. Die Angriffe der Huthi auf zivile Handelsschiffe, bei denen gezielt Raketen und Drohnen eingesetzt werden, haben zu erheblichen Schäden geführt. Infolgedessen haben viele Unternehmen die Passage durch das Rote Meer und den Suez-Kanal bereits vor einiger Zeit aus ihrem Routenplan gestrichen. Stattdessen nehmen die Schiffe nun den deutlich längeren Weg um den afrikanischen Kontinent in Kauf, um ihre Fracht sicher an das Ziel zu bringen. Diese Entscheidung ist eine direkte Reaktion auf die akute Bedrohungslage, die eine sichere Durchfahrt für zivile Schiffe nahezu unmöglich macht. Die Branche sieht sich damit gezwungen, ihre logistischen Ketten grundlegend anzupassen, um den Welthandel trotz der widrigen Umstände aufrechtzuerhalten.

Einzelheiten zu den wirtschaftlichen Auswirkungen

Die Umleitung der Schiffe um Afrika bringt gravierende wirtschaftliche Konsequenzen mit sich. Laut Martin Kröger, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), verlängert sich die Reisedauer je nach Geschwindigkeit des Schiffes um zehn bis vierzehn Tage. Diese zeitliche Verzögerung schlägt sich direkt in den Betriebskosten nieder. Für eine einzelne Fahrt entstehen Mehrkosten im mittleren bis hohen sechsstelligen Bereich. Da jedoch auch die Rückfahrt absolviert werden muss, summieren sich die zusätzlichen Ausgaben für eine komplette Rundreise auf eine siebenstellige Summe. Diese Kosten setzen sich primär aus gestiegenen Treibstoffverbräuchen sowie deutlich höheren Versicherungsprämien zusammen. Auch andere notwendige Betriebsmittel verteuern sich durch die längere Einsatzdauer der Schiffe. Den Berichten zufolge werden diese finanziellen Lasten jedoch nicht allein von den Reedereien getragen. Vielmehr erfolgt eine Weitergabe der Kosten entlang der Lieferkette, bis sie schließlich bei den Unternehmen oder den Endverbrauchern ankommen. Dennoch betont Kröger, dass die tatsächlichen Preiserhöhungen für den Endkunden aufgrund der hohen Transportkapazitäten meist nur im Cent-Bereich liegen.

Hintergrund der Sicherheitskrise

Die aktuelle Blockade ist kein isoliertes Ereignis, sondern das Ergebnis einer schleichenden Eskalation. Bereits vor drei Jahren begannen die Huthi-Milizen damit, den Schiffsverkehr im Roten Meer ins Visier zu nehmen. Die explizite und gewaltsame Art der Angriffe hat dazu geführt, dass das Vertrauen in die Sicherheit der Passage durch das Bab al-Mandab-Nadelöhr nachhaltig erschüttert wurde. Diese Entwicklung ist eingebettet in eine global zunehmende Instabilität auf den Weltmeeren. So gab es beispielsweise am 23. Juli 2026 Berichte über einen Angriff der pro-iranischen Huthi-Miliz auf einen saudischen Tanker, nachdem diese zuvor eine Blockade für saudische Schiffe verhängt hatte. Auch in anderen Regionen, etwa in der Straße von Hormus, ist der Schiffsverkehr durch Spannungen zwischen den USA und dem Iran eingebrochen. Diese gehäuften Vorfälle verdeutlichen, dass die Schifffahrtsbranche permanent mit Krisen und kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert ist, die eine ständige Anpassung der Routenführung erfordern.

Die Akteure und ihre Rollen

Im Zentrum dieser Debatte steht der Verband Deutscher Reeder (VDR), vertreten durch seinen Hauptgeschäftsführer Martin Kröger. Als Arbeitgeberverband vertritt der VDR die wirtschaftlichen und rechtlichen Interessen der deutschen Reedereien. Kröger, der Rechtswissenschaften in Hamburg studiert hat, fungiert als Sprachrohr der Branche. Er ordnet die aktuelle Situation als eine Herausforderung ein, der die Branche durch ihre inhärente Resilienz begegnen kann. Auf der anderen Seite stehen die Huthi-Milizen, die als Aggressoren auftreten und den Seehandel gezielt stören. Zudem spielen internationale Mächte wie die USA und der Iran eine zentrale Rolle, da ihre geopolitischen Konflikte direkt auf die Sicherheit der Seewege durchschlagen. Die Reedereien selbst sehen sich dabei in einer defensiven Rolle: Als Betreiber ziviler Schiffe verfügen sie über keine militärischen Verteidigungsmittel. Sie sind auf den Schutz durch Marineschiffe angewiesen oder setzen in begrenztem Umfang auf privates Sicherheitspersonal, wobei letzteres lediglich gegen Piraterie wirksam ist, nicht jedoch gegen moderne Waffensysteme wie Raketen oder Drohnen.

Einordnung der Gesamtsituation

Einzuordnen ist die Lage laut Kröger als eine Fortsetzung der jahrhundertealten Tradition, in der die Schifffahrt stets Wege durch Krisengebiete finden musste. Die Branche ist darauf ausgelegt, mit großen Einheiten zu operieren und im Bedarfsfall flexibel umzurouten. Den Berichten zufolge ist der Seehandel ein essenzieller Bestandteil der Weltwirtschaft, der idealerweise eine ausgleichende Funktion in der internationalen Geopolitik einnehmen sollte. Die aktuelle Störung wird als erheblich, aber beherrschbar eingestuft, solange die Transportkapazitäten insgesamt ausreichen. Die Gefahr einer massiven Preissteigerung für Verbraucher besteht erst dann, wenn eine wichtige Handelsroute vollständig und dauerhaft ausfällt. Die aktuelle Strategie der Reedereien besteht darin, die zivile Natur ihrer Schiffe zu wahren. Eine Bewaffnung der Handelsschiffe mit Raketenabwehrsystemen wird explizit abgelehnt, da dies den Status als ziviles Schiff untergraben würde. Die Resilienz der Branche basiert somit nicht auf militärischer Stärke, sondern auf der operativen Flexibilität, Krisenherde weiträumig zu umfahren.

Offene Fragen und Lücken im Bericht

Obwohl die Ausführungen von Martin Kröger ein klares Bild der operativen Herausforderungen zeichnen, bleiben einige Punkte unbeantwortet. So wird nicht spezifiziert, wie lange die Reedereien die finanziellen Mehrkosten noch abfedern können, bevor diese signifikant auf die Endverbraucherpreise durchschlagen. Auch bleibt unklar, welche konkreten diplomatischen oder militärischen Maßnahmen die internationale Staatengemeinschaft ergreifen könnte, um die Sicherheit im Roten Meer langfristig wiederherzustellen. Der Text macht zudem keine Angaben dazu, wie hoch der Anteil der deutschen Reedereien am gesamten Welthandel ist, der derzeit von den Umleitungen betroffen ist. Ebenso fehlen detaillierte Informationen über die Auswirkungen auf die Lieferzeiten von spezifischen Gütergruppen, die besonders zeitkritisch sind. Die Frage, ob die derzeitige Umfahrung Afrikas eine dauerhafte Lösung darstellt oder ob die Branche mittelfristig mit einem Zusammenbruch der Versorgungsketten rechnet, wenn weitere Regionen wie die Straße von Taiwan in den Fokus geopolitischer Spannungen rücken, bleibt ebenfalls offen. Diese Lücken zeigen, dass die Prognosefähigkeit der Branche stark von der unvorhersehbaren politischen Entwicklung abhängt.

Ausblick auf die weitere Entwicklung

Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von der geopolitischen Stabilität ab. Die Reedereien haben sich auf die aktuelle Situation eingestellt und werden ihre Routenplanung weiterhin flexibel an die Sicherheitslage anpassen. Ein Ende der Blockade ist derzeit nicht absehbar, weshalb die Umrundung Afrikas als neue Normalität für die betroffenen Passagen gilt. Die Branche setzt weiterhin auf die Hoffnung, dass den beteiligten Staaten bewusst ist, wie sehr sie auf eine freie und sichere Seeschifffahrt angewiesen sind. Sollten die Spannungen, etwa rund um Taiwan, weiter zunehmen, könnte dies die Resilienz der Branche auf eine harte Probe stellen. Vorerst bleiben die Reedereien jedoch bei ihrer Linie: Sie fahren um Krisengebiete herum, geben die Mehrkosten weiter und vertrauen darauf, dass der Welthandel trotz der widrigen Umstände in Bewegung bleibt. Es gibt keine Anzeichen für eine militärische Aufrüstung der Handelsschiffe, da dies den Grundsätzen der zivilen Schifffahrt widerspricht. Die Entwicklung bleibt somit ein ständiges Reagieren auf die sich ändernden Sicherheitsbedingungen weltweit.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/verwustete-stadtische-zerstorung-in-damaskus-syrien-36798302/ · Foto: Baraa Obied
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/blockierte-seewege-102.html