Was geschehen ist: Die Rückkehr des braven Soldaten
Das Schauspiel Frankfurt hat die Spielzeit 2026/27 mit einer ambitionierten Inszenierung eröffnet, die sich dem Stoff des „braven Soldaten Schwejk“ widmet. Regisseur Jan-Christoph Gockel, der gemeinsam mit Katrin Spira das Textkonzept entwickelte, spannt einen weiten Bogen von der literarischen Vorlage des tschechischen Autors Jaroslav Hašek über Bertolt Brechts Bearbeitung bis hin zur unmittelbaren ukrainischen Gegenwart. Die Aufführung versteht sich als ein langer Theaterabend, der drei unterschiedliche Werke und Spielformen miteinander verknüpft. Im Zentrum steht dabei die Figur des Schwejk, die als subversiver Geist durch verschiedene Epochen der europäischen Geschichte wandert. Die Inszenierung beginnt mit einer Adaption des unvollendeten Romans, führt über Brechts Stück „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“ und mündet schließlich in eine Auseinandersetzung mit Berichten russischer Soldaten aus dem Ukraine-Krieg der Jahre 2022 und 2023. Mit dieser Struktur versucht das Ensemble, die zeitlose Relevanz des „verkannten, bescheidenen Helden“ zu ergründen, der sich durch Unterlassen und übertriebenen Gehorsam gegen die Absurdität militärischer und diktatorischer Apparate zur Wehr setzt.
Die Einzelheiten der Inszenierung
Die Aufführung ist in drei distinkte Teile gegliedert, die jeweils eine eigene Ästhetik verfolgen. Der erste Teil inszeniert Hašeks Roman als Stummfilm. Die Schauspieler, darunter Wolfram Koch in der Titelrolle, agieren ohne gesprochenen Text, während ihre Bewegungen von einer Kamera eingefangen und auf Leinwände projiziert werden, ergänzt durch das typische Flackern und die Fehlstellen historischer Filmaufnahmen. Hier wird Schwejk im Wirtshaus „Zum Kelch“ verhaftet, nachdem er unvorsichtige Reden über den Thronfolger gehalten hat. Das Bühnenbild wird von einer riesigen Kanone dominiert, in der sich Ensemblemitglieder als „Kanonenfutter“ verbergen, bevor sie symbolisch verschossen werden. Im zweiten Teil, Brechts Stück, kommen Puppen zum Einsatz, die von Michael Pietsch gestaltet wurden. Annie Nowak führt als Concierge eine kleine Hitler-Marionette, während andere Akteure Masken tragen und ihre Stimmen in verschiedenen Tonlagen modulieren. Der dritte Teil schließlich besteht aus einem szenischen Vortrag von Soldatenberichten aus der Schlacht um Bachmut, bei dem die Puppen nun als Leichen auf Einkaufswagen dargestellt werden. Ein Interview mit Karlheinz Braun, einem ehemaligen Regieassistenten von Harry Buckwitz, dient als verbindendes Element.
Hintergrund und historische Einordnung
Die Inszenierung greift auf eine lange Tradition der Schwejk-Rezeption zurück. Ein besonderer Bezugspunkt ist die westdeutsche Erstaufführung von Brechts „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“, die einst von Harry Buckwitz in Frankfurt inszeniert wurde. Die aktuelle Produktion thematisiert diese historische Aufführungspraxis explizit, indem sie das Wirtschaftswunder der späten fünfziger Jahre als Rahmenhandlung nutzt. In dieser Szene diskutiert eine Hochzeitsgesellschaft über die moralische Zulässigkeit, über Hitler zu lachen, während im Hintergrund die Verdrängung der NS-Vergangenheit und die bruchlose Fortsetzung alter Karrieren kritisch beleuchtet werden. Die Verbindung zwischen der historischen Distanz von 1959 und der heutigen geopolitischen Lage wird durch die Einbeziehung der Soldatenberichte aus dem Ukraine-Krieg hergestellt. Die Regie stellt damit die Frage, wie ein subversiver Charakter wie Schwejk in einer Welt funktioniert, die von Diktatur, Krieg und totalitärer Überwachung geprägt ist. Die Inszenierung reflektiert dabei auch die Schwierigkeit, sich mit Krieg und Diktatur auseinanderzusetzen, wenn die gesellschaftliche Lust daran – wie bereits in den fünfziger Jahren – nur begrenzt vorhanden ist.
Die Beteiligten und ihre Rollen
Das Ensemble des Schauspiel Frankfurt unter der Leitung von Regisseur Jan-Christoph Gockel spielt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung dieses komplexen Konzepts. Wolfram Koch verkörpert den Schwejk, der in der Brecht-Adaption als einziger Akteur ohne Puppenpanzer oder Maske agiert, was ihn als Sand im Getriebe der Staatsmaschinerie hervorhebt. Annie Nowak übernimmt die Rolle der Concierge und führt die Hitler-Marionette, wobei sie dem Diktator durch ihre Stimmführung eine groteske Note verleiht. Weitere Ensemblemitglieder wie Christoph Pütthoff und Lotte Schubert sind in die wechselnden Spielformen eingebunden. Michael Pietsch zeichnet für die Gestaltung der Puppen verantwortlich, die in der Inszenierung als Mittel der Entfremdung und zur Darstellung von Unterdrückung dienen. Karlheinz Braun, Zeitzeuge der Buckwitz-Inszenierung, ist durch projizierte Interviews präsent und schlägt die Brücke zur Frankfurter Theatergeschichte. Die gesamte Produktion ist ein Gemeinschaftswerk, das auf der dramaturgischen Arbeit von Katrin Spira basiert und die verschiedenen literarischen Vorlagen in einen neuen, zeitgenössischen Kontext überführt.
Einordnung der künstlerischen Mittel
Die ästhetische Gestaltung ist laut den Berichten ein wesentliches Merkmal der Inszenierung. Die Verwendung des Stummfilms im ersten Teil dient dazu, die historische Distanz zu betonen und den Fokus auf die grotesken Bewegungsabläufe der Figuren zu legen. Die Puppen im zweiten Teil fungieren als Ausdrucksmittel für die Unfreiheit in einer Diktatur; sie verdeutlichen die Qual, in einem System zu leben, in dem man sich verstellen muss. Einzuordnen ist das so: Die Puppen wirken hier nicht als eigenständige Wesen, sondern als schützende oder einschränkende Hüllen der Akteure. Dass Schwejk als einzige Figur ohne Maske auftritt, unterstreicht seine Rolle als jemand, der durch absoluten Gehorsam die Idiotie der Befehle entlarvt. Der Wechsel zur dokumentarischen Form im dritten Teil markiert einen radikalen Bruch. Hier wird die Ästhetik der Puppen zweckentfremdet: Sie dienen nicht mehr der Charakterisierung, sondern der Darstellung des Grauens und der Entmenschlichung im Krieg. Die Inszenierung verweigert dabei einfache Antworten und lässt die Zuschauer mit der Frage zurück, ob der Schwejk-Weg in der heutigen Realität überhaupt noch gangbar ist.
Offene Fragen und kritische Lücken
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Inszenierung offen, die für eine vollständige Bewertung relevant wären. Es bleibt beispielsweise unklar, wie das Publikum auf die drastischen Wechsel der Spielformen reagiert und ob die Verbindung zwischen den drei Teilen – dem Stummfilm, dem Puppenspiel und den Soldatenberichten – für den Zuschauer in der Praxis tatsächlich schlüssig bleibt. Der Text deutet an, dass der Versuch, das subversive Handeln Schwejks allein durch das Erzählen vom Krieg im dritten Teil wiederzufinden, nicht völlig überzeugt. Es wird jedoch nicht im Detail ausgeführt, woran genau dieser dramaturgische Brückenschlag scheitert oder welche spezifischen inhaltlichen Lücken dabei entstehen. Auch die genaue Funktion des verknoteten Kanonenrohrs am Ende wird nur als Bild beschrieben, ohne die inhaltliche Auflösung oder die Intention der Regie in diesem Moment tiefergehend zu analysieren. Die Frage, ob die „Idiotie der Befehle“ durch Schwejks Gehorsam heute noch genauso wahrgenommen wird wie in Brechts Vorlage, bleibt ebenfalls eine offene Reflexion, die der Text dem Zuschauer überlässt.
Wie es weitergeht und Ausblick
Die Inszenierung ist als fester Bestandteil der Spielzeit 2026/27 am Schauspiel Frankfurt konzipiert. Da es sich um eine Premiere handelt, stehen in den kommenden Monaten weitere Aufführungen an, bei denen sich zeigen wird, wie sich die Wirkung des Stücks im Repertoire entfaltet. Der Text deutet an, dass die Produktion eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte anstößt, die über den einzelnen Abend hinausgeht. Weitere Entscheidungen oder angekündigte Änderungen am Stück werden im Text nicht genannt. Die Inszenierung bleibt ein Angebot zur Reflexion über die Rolle des Individuums in Zeiten von Krieg und Unterdrückung. Da das Ende mit dem verknoteten Kanonenrohr ausdrücklich nicht als Trost gemeint ist, bleibt die Produktion eine offene Herausforderung an das Publikum, sich mit der Unmöglichkeit einfacher Lösungen auseinanderzusetzen. Die weitere Entwicklung des Stücks wird maßgeblich davon abhängen, wie die Zuschauer die drastische Konfrontation mit den Soldatenberichten aus der Ukraine in den kommenden Vorstellungen aufnehmen und wie die Debatte über die Aktualität von Schwejk in Frankfurt weitergeführt wird.