Was geschehen ist: Die Entwertung eines Architektur-Begriffs
Der Begriff „Bauhaus“ erlebt in der heutigen Zeit eine bemerkenswerte, wenn auch problematische Konjunktur. Was einst als Bezeichnung für eine spezifische Kunstschule zwischen 1919 und 1933 diente, ist mittlerweile zu einem diffusen Modewort verkommen. Besonders in der Immobilienbranche wird heute nahezu jeder Neubau, der über eine kubische Form, weißen Putz und ein Flachdach verfügt, vorschnell als „Bauhausstil“ vermarktet. Diese Entwicklung, die Andreas Rossmann in seiner Analyse scharf kritisiert, findet nun ihre Fortsetzung in einem neuen Bildband der Autorin Kaija Voss. Das Werk mit dem Titel „Bauhaus in Nordrhein-Westfalen“, das im BeBra Verlag erschienen ist, greift diesen Trend auf und trägt nach Ansicht des Kritikers maßgeblich zu einem Etikettenschwindel bei. Die Kernmeldung ist dabei nicht nur die Besprechung eines Buches, sondern die fundamentale Infragestellung der Art und Weise, wie wir heute mit dem Erbe der klassischen Moderne umgehen. Die inflationäre Verwendung des Begriffs droht die tatsächlichen historischen Leistungen der Bauhaus-Schule zu verwässern und ihre spezifischen sozialen sowie humanen Ideen hinter einer rein ästhetischen Fassade verschwinden zu lassen.
Die Einzelheiten: Von Zollverein bis zu Kölner Villen
Das Buch von Kaija Voss und dem Fotografen Jean Molitor präsentiert zahlreiche Bauwerke, die unter dem Label „Bauhaus“ subsumiert werden, obwohl sie historisch kaum eine Verbindung zu der Institution haben. Ein prominentes Beispiel auf dem Cover ist das Doppelbockfördergerüst der Zeche Zollverein in Essen. Die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, die diese Schachtanlage entwarfen, lernten sich 1916 an der TH Karlsruhe kennen. Mit dem Bauhaus hatten sie weder als Studenten noch als Lehrende zu tun. Ähnlich verhält es sich mit Hans Schumacher, der für Villen in Köln-Rodenkirchen verantwortlich zeichnet, oder Theodor Hennemann, dem Architekten der „Bauhaussiedlung Schlieper“ in Iserlohn. Auch Größen wie Bruno Taut oder Erich Mendelsohn werden fälschlicherweise in diesen Kontext gerückt, obwohl sie bereits vor der Gründung der Bauabteilung in Dessau 1927 etablierte Werke schufen. Die fachliche Ausbildung dieser Architekten erfolgte meist bei Theodor Fischer in Stuttgart und München. Zudem enthält das Buch handfeste Fehler: So wird der Rheinpavillon fälschlich von Bonn nach Köln verlegt und der Gastronom des Hauses kurzerhand zum Architekten ernannt. Auch orthografische Mängel, wie die Schreibweise „Mühlheim“ statt „Mülheim“, schmälern die Qualität der Publikation.
Hintergrund: Eine Karriere des Markennamens
Die Karriere des Begriffs „Bauhaus“ ist vielschichtig und reicht weit über die Architektur hinaus. Bereits 1974 erstritt sich die Baumarktkette Bauhaus die exklusiven Rechte an dem Markennamen, nachdem sie 1960 von Heinz Georg Baus gegründet worden war. Diese kommerzielle Vereinnahmung legte den Grundstein für eine breite gesellschaftliche Wahrnehmung, die den Namen von seinem kunsthistorischen Kern entkoppelte. In der Architekturgeschichte Nordrhein-Westfalens sind die tatsächlichen Spuren des Bauhauses ohnehin rar gesät. Wirkliche Bezüge bestehen fast ausschließlich durch Werke von Ludwig Mies van der Rohe, etwa Haus Lange, Haus Esters oder ein Fabrikgebäude in Krefeld. Dass Krefeld sich dennoch als „Bauhaus-Stadt“ inszeniert, ist weniger der Architektur als dem Bauhaus-Meister Johannes Itten geschuldet, der dort zwischen 1932 und 1938 eine Fachschule leitete. Die Verlegenheit, mit der das Jubiläum 2019 in NRW begangen wurde, zeigt laut Rossmann, wie sehr man versuchte, durch eine weite Auslegung des Begriffs eine Relevanz zu konstruieren, die historisch kaum durch Fakten gedeckt ist. Diese Tendenz zur Verklärung und zur Aufweichung von Konturen scheint nun ein fortwährender Prozess zu sein.
Die Beteiligten: Architekten und Kritiker
Im Zentrum der Debatte stehen neben der Autorin Kaija Voss und dem Fotografen Jean Molitor eine Vielzahl historischer Persönlichkeiten. Dazu zählen die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, die für die Zeche Zollverein verantwortlich zeichnen, sowie Hans Schumacher und Theodor Hennemann. Auch der Kirchenbaumeister Rudolf Schwarz wird im Buch thematisiert, wobei seine kritische Haltung zum Bauhaus – er nannte es 1953 eine „fehlgeleitete Entwicklung“ – im Werk nur verkürzt dargestellt wird. Andreas Rossmann fungiert als kritischer Beobachter, der die journalistische Sorgfalt der Publikation hinterfragt. Er verweist zudem auf die Rolle von Ludwig Mies van der Rohe als einem der wenigen echten Bauhaus-Vertreter in der Region. Die Diskrepanz zwischen der historischen Realität und der heutigen Vermarktung wird durch die Einbeziehung von Randfiguren und Kontrahenten des Bauhauses in das Buch verdeutlicht. Die Akteure, die das Bauhaus heute für ihre Zwecke instrumentalisieren, werden als Teil einer allgemeinen Tendenz zur Beliebigkeit wahrgenommen, die den tatsächlichen Wert der historischen Institution eher schwächt als stärkt.
Einordnung: Warum die Begriffe verschwimmen
Einzuordnen ist das Phänomen als ein Ausdruck von Verlegenheit und kommerziellem Opportunismus. Dem Bericht zufolge führt die Ausweitung des Bauhaus-Begriffs auf alles, was ein Flachdach besitzt, dazu, dass die Besonderheit der Kunstschule verwischt wird. Indem man Parallelinstitute oder völlig unabhängige Architekten unter das Label „Bauhaus“ zwingt, werden die tatsächlichen Konturen der Moderne geglättet. Die Kritik zielt darauf ab, dass eine solche „fotografische Reise“, wie sie das Buch unternimmt, den Blick auf die wirkliche architektonische Vielfalt verstellt. Wenn alles Bauhaus ist, verliert der Begriff seine analytische Schärfe. Den Berichten zufolge ist das Buch ein Beleg für eine „Bekenntnis zur Beliebigkeit“, bei der selbst Nachkriegsbauten bis ins Jahr 2010 unter einem Label zusammengefasst werden, das sie historisch nicht verdienen. Diese Praxis der Etikettierung ist aus Sicht des Kritikers nicht nur ungenau, sondern auch wissenschaftlich fragwürdig, da sie die Komplexität der Architekturgeschichte zugunsten eines marktgängigen Begriffs opfert.
Offene Fragen und wie es weitergeht
Der Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, insbesondere im Hinblick auf die redaktionelle Strategie des Verlags. Es bleibt offen, warum die historische Einordnung derart zugunsten einer populären Vermarktung vernachlässigt wurde und welche Kriterien bei der Auswahl der im Buch gezeigten Gebäude tatsächlich den Ausschlag gaben. Ebenso wird nicht geklärt, wie die betroffenen Institutionen oder Nachfahren der genannten Architekten auf diese Vereinnahmung reagieren. Was die Zukunft betrifft, so deutet der Text darauf hin, dass die „fotografische Reise“ durch die Klassische Moderne kein Ende findet. Nach Berlin im Jahr 2023 und nun Nordrhein-Westfalen ist zu erwarten, dass die Vermarktung des Begriffs „Bauhaus“ in weiteren Publikationen fortgesetzt wird. Es bleibt abzuwarten, ob die Fachwelt auf diese Form der populärwissenschaftlichen Aufbereitung mit einer stärkeren Differenzierung reagieren wird oder ob der Etikettenschwindel weiter an Boden gewinnt. Die Debatte um die Deutungshoheit über die Moderne bleibt damit ein offener Prozess, der über die bloße Rezension eines Bildbandes weit hinausgeht.