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Zum Fall NaStassja Kinski: Was Wenders getan hat, ist ein moralisches Verbrechen
Technik · 05.08.2026 14:58

Zum Fall NaStassja Kinski: Was Wenders getan hat, ist ein moralisches Verbrechen

Kurz: Die Debatte um eine Nacktszene mit der damals 13-jährigen Nastassja Kinski im Film „Falsche Bewegung“ wirft grundlegende Fragen zu Moral und Ästhetik im Kino au

Ein moralisches Dilemma am Set

Vor über fünf Jahrzehnten entstand der Film „Falsche Bewegung“ unter der Regie von Wim Wenders. Im Zentrum einer kontroversen Debatte steht eine zweiminütige Sequenz, in der die damals erst dreizehnjährige Hauptdarstellerin Nastassja Kinski halbnackt zu sehen ist. Die Szene, in der das junge Mädchen zunächst im Dämmerlicht und später voll ausgeleuchtet in einer Schlafzimmersituation agiert, wird heute als schweres moralisches Versäumnis gewertet. Laut Berichten war sich das Filmteam des Ausmaßes des Unrechts, das dem Kind widerfuhr, zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst.

Die traumatische Erfahrung des Kicherns

Ein zentraler Punkt der Kritik ist der Umgang mit der jungen Schauspielerin während der Dreharbeiten. Wenders selbst räumte in einem Interview aus dem Jahr 2001 ein, dass die Dreharbeiten zu dieser speziellen Szene äußerst schwierig waren. Die Schauspielerin habe wiederholt gekichert, was den Regisseur und ihre Mutter dazu veranlasste, streng zu reagieren. Aus heutiger Sicht wird dieses Verhalten als Ausdruck einer Überforderung oder eines Traumas gedeutet. Dass das Kichern eines Kindes in einer solchen Situation nicht als Warnsignal erkannt wurde, sondern als Störung des Produktionsablaufs wahrgenommen wurde, gilt als Beleg für eine beklagenswerte Blindheit der Verantwortlichen.

Die Forderung nach Schnitt und Verantwortung

Nachdem Nastassja Kinski die Entfernung der Szene gefordert hatte, geriet Wim Wenders unter öffentlichen Druck. Seine Reaktion bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises, bei der er die Filmakademie um Rat fragte, wurde von vielen als Versuch gewertet, sich der Verantwortung zu entziehen. Kritiker sahen darin ein perfides Manöver, während andere die Äußerungen als Ausdruck einer ehrlichen, wenn auch ungeschickten Hilflosigkeit interpretierten.

Inzwischen hat Wenders die Szene aus dem Film entfernt und den Streit mit Kinski beigelegt. Dieser Schritt bietet der Schauspielerin eine Form der symbolischen Genugtuung und beendet die jahrelange Belastung, bei öffentlichen Vorführungen immer wieder auf diese Sequenz angesprochen zu werden.

Ästhetik versus Moral

Die Debatte führt zu einer grundlegenden philosophischen Frage: Kann ein moralisches Verbrechen durch nachträgliche Eingriffe in ein Kunstwerk geheilt werden? In der Moralphilosophie wird oft argumentiert, dass moralische Erwägungen alle anderen Gesichtspunkte übertrumpfen. Dennoch bleibt die ästhetische Frage bestehen: Darf ein Werk, das als Meisterwerk gilt, durch das Entfernen einzelner Elemente beschädigt werden?

Einige Experten verweisen auf die enge Verflechtung von Elementen in komplexen Kunstwerken, bei denen jeder Schnitt das gesamte Gefüge gefährden könnte. Die Entscheidung, die Szene zu entfernen, stellt somit einen Kompromiss dar: Während das historische Unrecht nicht ungeschehen gemacht werden kann, wird die fortwährende Retraumatisierung der Betroffenen gestoppt. Die Diskussion zeigt, dass die Bewertung von Kunstwerken heute zunehmend durch den Filter einer strengeren moralischen Prüfung verläuft, die auch den Entstehungsprozess eines Werkes stärker in den Fokus rückt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/fashion-mode-person-frau-4672739/ · Foto: KATRIN BOLOVTSOVA
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/nacktszene-mit-nastassja-kinski-aesthetisches-und-moralisches-urteil-im-fall-wenders-201050411.html