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?Für immer 16“ im kino: Der Mord hat ihr gutgetan
Kultur · 29.08.2026 07:51

?Für immer 16“ im kino: Der Mord hat ihr gutgetan

Kurz: Brezel Göring setzt seiner verstorbenen Partnerin Françoise Cactus mit dem experimentellen Film „Für immer 16“ ein anarchisches und trashiges Denkmal.

Ein filmisches Denkmal für Françoise Cactus

Der Musiker Brezel Göring hat mit seinem neuesten Werk „Für immer 16“ einen Film geschaffen, der weit über eine bloße Hommage hinausgeht. Es handelt sich um ein experimentelles Projekt, das den Geist der 2021 verstorbenen Künstlerin Françoise Cactus atmet. Cactus, die als Musikerin und Autorin durch ihre Arbeit mit der Band Stereo Total bekannt wurde, prägte eine ganze Generation mit ihrem spezifischen, trashigen und punkigen Stil. Göring, der über drei Jahrzehnte hinweg sowohl privat als auch künstlerisch eng mit ihr verbunden war, nutzt diesen Film, um ihre Philosophie des „gepflegten Chaos“ und ihre Haltung zur Kunst zu konservieren. Dabei vermeidet er bewusst eine nostalgische Verklärung. Stattdessen präsentiert er einen DIY-Metafilm, der den Punk-Spirit feiert und den Zuschauer einlädt, sich auf eine unkonventionelle Reise einzulassen. Der Titel „Für immer 16“ fungiert dabei als ironischer Kommentar auf den Wunsch nach Konservierung, während der Film selbst die Lebendigkeit und den anarchischen Humor von Cactus in den Vordergrund stellt. Es ist ein Werk, das sich gegen die gängigen Konventionen des deutschen Kinos auflehnt und stattdessen eine eigene, raue Ästhetik etabliert, die den Zuschauer fordert und gleichzeitig durch ihre Authentizität besticht.

Die ästhetische Gestaltung und die filmische Form

Wer sich auf „Für immer 16“ einlässt, sollte seine Erwartungen an klassische Sehgewohnheiten ablegen. Der Film ist bewusst als bewusster Gegenentwurf zum Hochglanz-Mainstream konzipiert. Die visuelle Gestaltung erinnert an amateurhafte Familienaufnahmen: wackelige Super-8-Bilder, knisternde Tonspuren und verwaschene Farben dominieren das Bild. Diese bewusste Entscheidung zur Verfremdung wird durch die technische Umsetzung verstärkt, bei der die Dialoge separat aufgenommen und teilweise bewusst asynchron über die Aufnahmen gelegt wurden. Diese Diskrepanz zwischen Bild und Ton erzeugt eine surreale Atmosphäre, die den Zuschauer permanent daran erinnert, dass er sich in einem konstruierten, künstlichen Raum befindet. Ein durchgehender Soundteppich aus Songs von Stereo Total untermalt das Geschehen und sorgt für eine konstante Verbindung zur musikalischen Vergangenheit der beiden Protagonisten. Die Kamera fängt dabei Momente ein, die zwischen Dokumentation und Inszenierung changieren, wobei die Grenzen zwischen der Realität der Schauspieler und ihren fiktiven Rollen im Film zunehmend verschwimmen. Es ist ein mutiges ästhetisches Statement, das den Mut zur Lücke und zum bewussten „Billig-Look“ zelebriert.

Die Handlung und das Trio in Palermo

Die Geschichte führt die Zuschauer nach Palermo, wo drei Freunde – Charlotte, Helena und Oskar – einen gemeinsamen Urlaub verbringen. Die drei Charaktere, die in der Vergangenheit gemeinsam die Experimentalfilmgruppe „Les enfants terrible“ bildeten, sind jedoch alles andere als eine harmonische Einheit. Charlotte, verkörpert von Lilith Stangenberg, hat als Schauspielerin Karriere gemacht, während ihre Freunde Helena (gespielt von Mücke) und Oskar (Chang Wang) am Existenzminimum nagen. Diese soziale Diskrepanz sorgt für ständige Spannungen und Neid, die den Urlaub prägen. Um ihre alte Kreativität wiederzubeleben, beschließt das Trio, einen Undergroundfilm über die Serienkillerin Dementia zu drehen. Charlotte übernimmt die Rolle der Mörderin, während der Nachbar Rudolph (Twiggy Glouglou) als Opfer gecastet wird. Was als kreatives Projekt beginnt, entwickelt sich schnell zu einem absurden Prozess, in dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Die Dreharbeiten sind geprägt von Slapstick-Gewalt, bei der Dementia ihre Opfer mit Holzstäben durchbohrt oder mit Steinen bearbeitet. Die Dynamik innerhalb der Gruppe, die sich ständig streitet und doch zusammenhält, bildet das emotionale Zentrum des Films.

Die Hintergründe und die literarische Vorlage

Die inhaltliche Basis für das Drehbuch bildet der unveröffentlichte Roman „Lebenslänglich vierzehn“ von Françoise Cactus. Brezel Göring hat diesen Text gemeinsam mit weiteren Werken aus der Sammlung „Oh Oh Mythomanie“ (2024) genutzt, um ein filmisches Narrativ zu weben. Die Sammlung erschien anlässlich des 60. Geburtstags der Künstlerin im Ventil Verlag. Der Film fungiert somit als eine Art lebendiges Archiv, das die Texte von Cactus in eine neue, visuelle Form überführt. Die Geschichte um die Serienkillerin Dementia dient dabei als Vehikel, um über Themen wie Emanzipation, Neid und die Vergänglichkeit des Ruhms zu reflektieren. Der Mord an den männlichen Opfern wird im Film ironisch als eine Form der feministischen Befreiung gedeutet, was dem trashigen Treiben eine zusätzliche, gesellschaftskritische Ebene verleiht. Dass der Film dabei nie in eine moralisierende Richtung abdriftet, ist der anarchischen Grundhaltung von Göring und dem Geist von Cactus geschuldet, die stets den Spießbürger mit einem Augenzwinkern herausgefordert haben.

Einordnung: Eine Absage an die Warenförmigkeit

Einzuordnen ist „Für immer 16“ als ein radikaler Akt der künstlerischen Selbstbehauptung. In einer Zeit, in der die Mainstreamkultur zunehmend auf Warenförmigkeit und glatte Oberflächen getrimmt ist, wirkt Görings Film wie ein Fremdkörper. Er verweigert sich der Erwartungshaltung eines breiten Publikums und setzt stattdessen auf ein unangepasstes Eigenbrötlertum. Den Berichten zufolge ist der Film eine bewusste Provokation, die jedoch gerade durch diese Verweigerungshaltung eine eigene, tiefere Wahrheit offenbart. Die Subversion, die Cactus Zeit ihres Lebens verkörperte, findet hier eine Fortsetzung. Der Film ist nicht nur eine Hommage an eine verstorbene Partnerin, sondern auch ein Manifest gegen die Kommerzialisierung der Kunst. Er zeigt, dass man für echte künstlerische Freiheit kein großes Budget benötigt, sondern lediglich den Mut, sich von den Erwartungen anderer zu lösen. Damit gelingt es Göring, den Punk-Spirit in eine neue Zeit zu retten, ohne ihn in ein Museum zu sperren. Es ist ein Film, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, aber genau dadurch eine erstaunliche Vielschichtigkeit entfaltet.

Offene Fragen und der weitere Weg

Der Quelltext lässt einige Aspekte des Entstehungsprozesses und der Rezeption offen. So bleibt beispielsweise unklar, wie die genaue Zusammenarbeit zwischen den Schauspielern und dem Regisseur am Set in Palermo ablief, insbesondere im Hinblick auf die improvisatorischen Anteile der Dialoge. Auch wird nicht explizit benannt, wie das Projekt finanziert wurde, was bei einem derart experimentellen DIY-Ansatz von Interesse wäre. Ebenso bleibt offen, ob weitere unveröffentlichte Texte von Françoise Cactus in Zukunft in ähnlicher Weise filmisch adaptiert werden sollen. Der Text gibt keine Auskunft darüber, ob der Film nach dem Kinostart auch auf anderen Plattformen oder in einem anderen Format zugänglich gemacht wird. Auch die Frage nach der langfristigen Wirkung auf das deutsche Independent-Kino bleibt spekulativ. Es ist lediglich bekannt, dass der Film nun im Kino zu sehen ist. Weitere Termine für Festivals oder spezielle Vorführungen werden im vorliegenden Material nicht genannt, sodass der Zuschauer auf die regulären Kinoprogramme angewiesen ist, um sich ein eigenes Bild von diesem anarchischen Werk zu machen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/luxus-polizeiauto-in-istanbul-ausgestellt-28674693/ · Foto: Cihan Çimen
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino/denkmal-fuer-francoise-cactus-fuer-immer-16-im-kino-201150034.html