Ein neuer Weg für Europas digitale Souveränität
Die globale Technologielandschaft wird derzeit von den USA und China dominiert. Während die europäische Wirtschaft unter dem Druck von Handelskriegen, Lieferkettenproblemen und einem spürbaren Technologierückstand leidet, wächst die Skepsis gegenüber der Handlungsfähigkeit nationaler Regierungen. In diesem Umfeld formiert sich jedoch ein neuer Ansatz: Anstatt auf rein nationale Lösungen zu hoffen, rücken europäische Städte als Akteure der digitalen Unabhängigkeit in den Fokus.
Matteo Lepore, Bürgermeister von Bologna, gilt als einer der Köpfe hinter dieser Strategie. Sein Ziel ist es, die norditalienische Stadt zu einem technologischen Gegenpol zum Silicon Valley zu entwickeln. Dabei setzt er nicht auf eine Abkehr von der Industrie, sondern auf eine gezielte Transformation bestehender Strukturen durch Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Vernetzung.
Bologna als Modell für den digitalen Wandel
Bologna blickt auf eine lange Tradition als Industrie- und Universitätsstandort zurück. Die Stadt verbindet historisch gewachsene Kompetenzen in der Produktion mit einer starken akademischen Basis. Lepore betont, dass die Wettbewerbsfähigkeit heute nicht mehr allein durch physische Waren, sondern durch Daten, Fachwissen und Innovationsnetzwerke definiert wird. Mit dem Projekt „Tecnopolo“ hat die Stadt bereits eine Infrastruktur geschaffen, die als europäischer Hub für Supercomputing und KI fungiert.
Das Tecnopolo, angesiedelt in einer architektonisch bedeutenden ehemaligen Tabakfabrik, beherbergt unter anderem den Höchstleistungsrechner „Leonardo“. Hier wird nicht nur an technologischen Lösungen gearbeitet, sondern auch an einer ethischen Ausrichtung der Digitalisierung. Ein zentrales Element ist dabei der „Civic Digital Twin“, eine Plattform, die Daten für Bürger, Forscher und Unternehmen transparent macht, anstatt sie zur reinen Gewinnmaximierung zu nutzen.
Die Rolle der Städte als politische Akteure
Angesichts einer schwächelnden multilateralen Ordnung und der Krise der Nationalstaaten könnten Städte eine neue diplomatische Rolle einnehmen. Lepore schlägt vor, dass ein Netzwerk europäischer Metropolen – wie Bologna, Barcelona und Helsinki – über nationale Grenzen hinweg zusammenarbeitet. Diese Kooperation soll nicht nur den technologischen Austausch fördern, sondern auch sicherstellen, dass digitale Infrastrukturen den demokratischen Werten und dem Gemeinwohl dienen.
Dieser Ansatz zielt darauf ab, eine Alternative zur rein gewinnorientierten Logik der großen Digitalkonzerne zu bieten. Indem Universitäten und öffentliche Institutionen die Kontrolle über Datenflüsse wahren, soll verhindert werden, dass Technologie zur Ausbeutung oder Steuerung der Bevölkerung eingesetzt wird. Stattdessen sollen KI-Systeme dazu beitragen, Lebensbedingungen zu optimieren, etwa durch eine intelligentere Verkehrsplanung oder nachhaltige Stadtentwicklung.
Herausforderungen und Zukunftsperspektiven
Die Transformation Bolognas ist in einen umfassenden Plan eingebettet, der bis 2030 Klimaneutralität anstrebt. Mit Investitionen in Milliardenhöhe in grüne Infrastrukturen und bezahlbaren Wohnraum versucht die Stadt, die soziale Komponente des technologischen Fortschritts zu sichern. Dies ist eine direkte Antwort auf die wachsende Angst vor der Zukunft, die laut Lepore viele Wähler in Europa in die Arme konservativer Kräfte treibt.
Die politische Lage in Italien bleibt dabei ein Spannungsfeld. Während die Regierung in Rom auf eine Politik der Sicherheitsverschärfung setzt, propagiert Lepore einen „Mut zur Fortschrittlichkeit“. Seiner Ansicht nach ist die technologische Souveränität Europas untrennbar mit der Verteidigung demokratischer Werte und universeller Rechte verbunden. Der Erfolg dieses Modells wird davon abhängen, ob es gelingt, Talente in Europa zu halten und die Zusammenarbeit zwischen den Städten dauerhaft zu etablieren, um in der globalen Machtpolitik nicht zwischen den USA und China zerrieben zu werden.