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Shakespeares Sonette: Der Tod hat nur die Stummen in der Hand
Kultur · 06.09.2026 15:16

Shakespeares Sonette: Der Tod hat nur die Stummen in der Hand

Kurz: Christian Friedel inszeniert am Staatsschauspiel Dresden Shakespeares Sonette als opulentes Bildertheater unter dem Titel „Love, Death & Shadows“.

Eine theatrale Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit

Am Staatsschauspiel Dresden hat der Schauspieler und Regisseur Christian Friedel eine bemerkenswerte Inszenierung auf die Bühne gebracht, die sich den berühmten Sonetten William Shakespeares widmet. Unter dem Titel „Love, Death & Shadows“ präsentiert Friedel eine Produktion, die weit über eine bloße Lesung oder klassische Rezitation hinausgeht. Es handelt sich um ein groß angelegtes, visuell beeindruckendes Bildertheater, das die gesamte Bandbreite der modernen Bühnenmaschinerie nutzt. Die Inszenierung, die in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Anspannung Premiere feierte, versteht sich als eine Reflexion über die menschliche Existenz, die Einsamkeit und die unaufhaltsame Kraft der Zeit. Friedel, der in Dresden einst als „Pop-Hamlet“ große Erfolge feierte und mittlerweile international als Filmstar und Musiker tätig ist, kehrt mit diesem Projekt zu seinen theatralen Wurzeln zurück. Die Aufführung verzichtet auf eine lineare Handlung und setzt stattdessen auf eine Abfolge von szenischen Imaginationen, die durch Livemusik, choreografische Elemente und eine ausgefeilte Lichtregie getragen werden. Dabei gelingt es dem Ensemble, die zeitlose Sprache Shakespeares in eine zeitgenössische Ästhetik zu übersetzen, die sowohl unterhält als auch tiefgreifende existenzielle Fragen aufwirft.

Die kompositorische Struktur des Abends

Die Inszenierung basiert auf einer Auswahl von vierzig der insgesamt 154 Sonette Shakespeares, die in der Übersetzung von Christa Schuenke dargeboten werden. Friedel hat diese Auswahl in drei thematische Blöcke gegliedert: die Liebe, den Tod und das Schattenreich, das sich zwischen diesen beiden Polen erstreckt. Der Abend beginnt mit einer musikalischen Energie, die stark an die Arbeit von Friedels Band „Woods of Birnam“ erinnert. Ein Ensemble-Song, der auf dem Sonett Nr. 80 basiert, fungiert dabei als emotionaler Ankerpunkt. Die zentrale Zeile „Then if he thrive and I be cast away / the worst was this: my love was my decay“ wird in einer Pop-Version zum zentralen Motiv des Abends. Die Besetzung umfasst neben dem Ensemble auch Balletttänzer der Semperoper sowie Kinder, die gemeinsam eine dichte, beinahe traumartige Atmosphäre schaffen. Besonders hervorzuheben ist die Präsenz von Hannelore Koch, die als eine Art Beobachterin der Szenerie fungiert und die Dynamik der jungen, agierenden Körper auf der Bühne mit einer Mischung aus Staunen und Melancholie kommentiert.

Ein Dialog über die Zeit und die Treue

Der inhaltliche Kern der Inszenierung speist sich aus der Auseinandersetzung mit der Einsamkeit und der Sehnsucht nach Beständigkeit. Das Sonett Nr. 66 dient hierbei als philosophisches Fundament. Es thematisiert das Gefühl eines Individuums, das in einer Welt voller Enttäuschungen, unterbezahlter Arbeit und verratener Treue zurückgelassen wurde. Die Vorstellung, dass eine Tür ins Schloss fällt und man in der Einsamkeit verharrt, bildet das Schreckbild, gegen das die Liebe als rettendes Moment gesetzt wird. Interessanterweise korrespondiert diese künstlerische Arbeit mit der Lebensleistung des Privatgelehrten Ulrich Erckenbrecht aus Kassel. Dieser hat sich über Jahrzehnte hinweg intensiv mit den Sonetten beschäftigt und 154 Übersetzungsvarianten gesammelt. Erckenbrecht, der bei Adorno ausgebildet wurde, verkörpert in seiner beharrlichen, fast einsamen Arbeit die „Treue zum Text“, die auch Friedel in seiner Inszenierung zelebriert. Während der eine die Sonette im Stillen übersetzt, bringt der andere sie auf die große Bühne und macht sie für ein breites Publikum erfahrbar.

Die Ästhetik der Inszenierung

Visuell ist „Love, Death & Shadows“ ein hochgradig effektvolles Unterfangen. Friedel nutzt eine Vielzahl von theatralen Mitteln, um die verschiedenen Stimmungen der Sonette einzufangen. Im ersten Teil dominieren lebendige, fast überbordende Bilder. Die Choreografien der Balletttänzer, die sich gegenseitig stützen und wieder fallen lassen, dienen als Metapher für die Ambivalenz der Liebe – eine Mischung aus Halt, Vertrauen und Verrat. Im weiteren Verlauf wandelt sich die Ästhetik. Die Darstellung des Todes wird durch eine fast schon plakative Abendmahltafel mit Totenkopf und Sanduhr eingeleitet, die später in eine düstere, fast schwarze Messe übergeht. Hier treten Horrorgestalten mit Tierköpfen auf, und die Darstellung lebloser Kinderkörper unterstreicht die Vergänglichkeit. Nach der Pause ändert sich der Stil merklich. Friedel orientiert sich hier an der Ästhetik seines verstorbenen Lehrmeisters Robert Wilson. Die Licht-Klang-Perfektion, die für Wilson typisch war, prägt den letzten Teil des Abends. Scherenschnittartiges Schattentheater, gestreckte Zeigefinger und aufgerissene Münder erzeugen eine stilisierte, fast unheimliche Ruhe, die in einem elegischen Sternenhimmel gipfelt.

Einordnung der künstlerischen Mittel

Einzuordnen ist diese Inszenierung als ein Versuch, die klassische Lyrik Shakespeares in eine moderne, multimediale Form zu überführen, ohne dabei den Kern der Texte zu verlieren. Den Berichten zufolge gelingt es Friedel, die Balance zwischen unterhaltsamem Spektakel und nachdenklicher Reflexion zu halten. Die Entscheidung, die Liebe primär als gleichgeschlechtliche Liebe zu inszenieren, verleiht der Produktion eine zusätzliche Dringlichkeit und Modernität. Die Verwendung von Techno-Beats und monotonen Körperbewegungen im mittleren Teil des Abends erinnert an die Regiehandschrift von Ulrich Rasche und unterstreicht den unerbittlichen Rhythmus der Vergänglichkeit. Die Inszenierung ist dabei nicht als bloße Nacherzählung zu verstehen, sondern als eine subjektive, hochemotionale Aneignung. Die Verbindung von Popmusik, klassischem Ballett und avantgardistischem Schattentheater schafft einen hybriden Raum, der es dem Zuschauer ermöglicht, die Sonette als ein lebendiges, atmendes Werk wahrzunehmen, das auch nach vierhundert Jahren nichts von seiner emotionalen Wucht verloren hat.

Offene Fragen zur Dramaturgie

Obwohl die Inszenierung eine klare ästhetische Linie verfolgt, bleiben einige Fragen zur dramaturgischen Struktur unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, inwieweit die radikale Abkehr von einer klassischen Handlung den Zugang für Zuschauer erschwert, die mit den Sonetten nicht vertraut sind. Zudem wird nicht explizit thematisiert, nach welchen Kriterien die spezifische Auswahl der vierzig Sonette erfolgte und warum gerade diese eine so starke Gewichtung auf den Themenkomplex von Tod und Verfall legen. Auch die Rolle der „digitalen Ansteckung“ als modernes Pendant zur Pest, die zu Shakespeares Zeiten wütete, wird zwar als Motiv genannt, bleibt jedoch in der Ausführung eher vage. Es bleibt unklar, wie genau diese Analogie in der Inszenierung physisch umgesetzt wird, jenseits der allgemeinen Atmosphäre der Bedrohung. Die Verbindung zwischen der privaten, fast obsessiven Arbeit des Übersetzers Erckenbrecht und der groß angelegten, öffentlichen Inszenierung Friedels wird zwar assoziativ hergestellt, doch die konkrete Wechselwirkung zwischen diesen beiden Polen bleibt eine offene Interpretationsebene.

Die Zukunft der Produktion und ihre Wirkung

Die Inszenierung „Love, Death & Shadows“ am Staatsschauspiel Dresden ist als ein bedeutendes Ereignis im aktuellen Spielplan zu werten. Da es sich um eine Produktion handelt, die stark von der physischen Präsenz und der musikalischen Energie des Ensembles lebt, ist davon auszugehen, dass sie in den kommenden Monaten eine feste Größe im Dresdner Theaterleben bleiben wird. Die Kombination aus internationalem Theaterzauber und der lokalen Verwurzelung durch das Ensemble des Staatsschauspiels verleiht dem Abend eine besondere Bedeutung. Ob die Inszenierung nach ihrer Spielzeit in Dresden auf Tournee gehen wird oder ob weitere Projekte in dieser Richtung geplant sind, geht aus dem vorliegenden Text nicht hervor. Festzuhalten bleibt jedoch, dass Christian Friedel mit diesem Abend erneut unter Beweis gestellt hat, dass er in der Lage ist, klassische Stoffe für ein modernes Publikum neu zu kontextualisieren. Die Botschaft des 107. Sonetts, dass der Tod nur die Stummen in der Hand hat, fungiert dabei als ein hoffnungsvolles Signal, das die Inszenierung über den Abend hinaus in den Köpfen der Zuschauer nachwirken lässt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/person-portrat-schminke-makeup-6842225/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/theater/christian-friedel-inszeniert-shakespeares-sonette-in-dresden-accg-201198869.html