Was geschehen ist – die Kernmeldung
Der renommierte Musikwissenschaftler Reinhard Strohm, emeritierter Professor der Universität Oxford, hat mit seinem neuesten Werk „Oper in Bewegung“ eine tiefgreifende Untersuchung zur Geschichte des europäischen Musiktheaters vorgelegt. Das Buch, das im Jahr 2025 in den Verlagen Bärenreiter und Metzler erschienen ist, widmet sich der Entwicklung der Oper vom Barock bis hin zur Romantik. Dabei legt der Autor einen besonderen Schwerpunkt auf das italienische Repertoire. Strohm gelingt es, die Gattung Oper nicht nur als statisches historisches Konstrukt zu begreifen, sondern als ein lebendiges, sich ständig wandelndes Phänomen. Er betrachtet die Oper als ein „transportables Gut“, das durch wanderndes Personal – Sänger, Komponisten und Librettisten – über die Grenzen Europas hinweg verbreitet wurde. Die Kernbotschaft des Autors ist dabei ebenso prägnant wie poetisch: Oper sei letztlich Literatur, die durch die Musik ihre eigentliche Erzählkraft entfaltet. Mit diesem Ansatz bricht Strohm mit traditionellen, oft zu eng gefassten wissenschaftlichen Perspektiven und lädt den Leser ein, die Oper als performativen Akt zu verstehen, der sowohl das Singen als auch das aktive Zuhören als untrennbare Bestandteile einer gemeinsamen Erfahrung begreift.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Das Werk umfasst 319 Seiten und ist mit zahlreichen Abbildungen illustriert. Reinhard Strohm, der für seinen präzisen und zugleich witzigen Schreibstil bekannt ist, analysiert eine Vielzahl von Werken und historischen Kontexten. Ein zentrales Beispiel ist Claudio Monteverdis „Orfeo“, dessen Uraufführung 1607 in Mantua stattfand. Hier hebt Strohm die Rolle der allegorischen Figur der „Musica“ hervor, die als Prolog-Sängerin fungiert. Ein weiteres bedeutendes Beispiel ist Georg Friedrich Händels „Tamerlano“, das 1724 in London zur Aufführung kam. Strohm konnte hierbei eine besondere Entdeckung in der französischen Nationalbibliothek machen: einen achtseitigen „Dialogue sur le nouvel opéra de Tamerlan“, in dem ein französischer Diplomat und eine Hannoveraner Comtesse über das Werk debattieren. Auch Giuseppe Verdis „La traviata“ aus dem Jahr 1853 wird herangezogen, insbesondere die Arie „Di quell’ amor che palpito“. Zudem beleuchtet der Autor Mozart, etwa das Stück „Voi che sapete“ aus „Le nozze di Figaro“. Strohm bezieht sich auf eine Vielzahl von Dichtern, darunter Euripides, Vergil, Tasso und Corneille, und setzt sich kritisch mit Persönlichkeiten wie Lorenzo da Ponte, Friedrich II. und Pietro Metastasio auseinander.
Hintergrund – Die Entstehung der Opernwelt
Die Opernwelt, wie sie Strohm beschreibt, war schon immer von Mobilität geprägt. Im achtzehnten Jahrhundert waren Opern keineswegs ortsgebunden; sie wurden als „transportables Gut“ betrachtet, das durch ganz Europa reiste. Die Künstler, die sogenannten „Operisten“, waren ein „wanderndes Personal“, das durch ihren leibhaftigen Einsatz an wechselnden Spielorten die europäische Kulturlandschaft maßgeblich prägte. Diese Dynamik war die Voraussetzung für den Erfolg und die Verbreitung der Gattung. Strohm führt aus, dass die Opernprologe des siebzehnten Jahrhunderts, die ihre Wurzeln in den Götterprologen der antiken griechischen Tragödie haben, eine entscheidende Funktion innehatten. Figuren wie Apollo, Venus oder Ovid standen als Vermittler zwischen der Bühne und dem Publikum. Sie wussten mehr als die handelnden Charaktere und fungierten als Brücke zwischen der fiktiven Welt des Dramas und der realen Welt der Zuschauer. Diese Struktur diente dazu, das Publikum daran zu erinnern, dass es eine übergeordnete „Weltgeschichte“ gibt, die mit den Menschen spielt, ähnlich wie die Bühnengötter mit den Bühnenmenschen interagieren. Diese historische Tiefe bildet das Fundament für Strohms Verständnis der Opernästhetik.
Die Beteiligten – Wer entscheidet und wirkt
In der Analyse von Reinhard Strohm spielen nicht nur die Komponisten eine zentrale Rolle, sondern auch die Librettisten, Sänger und sogar das Publikum. Strohm betont, dass die Autoren der Oper nicht allein die Komponisten sind, sondern alle Mitwirkenden, die durch ihren Einsatz die Aufführung gestalten. Ein prominentes Beispiel für diesen Einfluss ist der Tenor Francesco Borosini, dessen Kenntnisse über eine ältere Vertonung des „Tamerlano“-Stoffes die künstlerische Gestaltung von Händels Oper maßgeblich beeinflusste. Auf der theoretischen Ebene setzt sich Strohm mit der Rolle des Aufklärers auseinander. Er übt Kritik an der Darstellung von Frauen durch Männer wie Lorenzo da Ponte und Friedrich II., während er den Dichter Pietro Metastasio für seine differenzierte und selbstbewusste Zeichnung weiblicher Charaktere lobt. Metastasio wird hier als jemand gewürdigt, der Frauen in seinen Tragödien nicht nur als Mitbetroffene, sondern als handelnde Subjekte mit eigenem Entscheidungsrecht darstellte. Diese Akteure – von den historischen Sängern bis zu den Dichtern – bilden das komplexe Netzwerk, das die Oper als Gattung erst ermöglichte.
Einordnung – Die Bedeutung der Musik
Einzuordnen ist das Werk als ein Plädoyer für eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Oper. Strohm kritisiert, dass der Musikwissenschaft oft das Gespür für die theatralische Dimension fehle, während die Literaturwissenschaft sich selten für die musikalischen Details wie Arienanfänge interessiere. Sein Ansatz ist es, diese Disziplinen zu vereinen. Den Berichten zufolge gelingt es ihm, das „Opernleben“ in seiner Gesamtheit zu erfassen. Besonders bemerkenswert ist seine Interpretation der Arie. Anstatt sie als bloßes Kommunikationsmittel zu sehen, begreift er sie als einen Vollzug, ein „Andare“ (Gehen), das ein aktives Mitgehen des Publikums erfordert. Das Zuhören wird bei Strohm zu einem performativen Akt, der in einer engen Beziehung zum Singen steht. Einzuordnen ist dies als eine Abkehr von einer rein analytischen, distanzierten Betrachtung hin zu einer erfahrungsorientierten Ästhetik. Die Oper wird so zu einem Raum, in dem Musik und Dichtung in einer Weise verschmelzen, die das Publikum unmittelbar anspricht und in den Prozess des Erzählens einbindet.
Offene Fragen – Was bleibt unbeantwortet
Obwohl Strohm eine umfassende Analyse vorlegt, lässt der Quelltext einige Aspekte offen, die über den Fokus des Buches hinausgehen. Es wird beispielsweise nicht explizit thematisiert, wie sich die von Strohm beschriebenen Entwicklungen in der Operngeschichte auf die moderne Opernproduktion des 21. Jahrhunderts auswirken könnten, jenseits der historischen Betrachtung. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, wie die breite Masse des damaligen Publikums, die nicht dem Salon-Milieu angehörte, die von Strohm beschriebenen metatheatralischen Ebenen wahrnahm. Der Quelltext konzentriert sich stark auf die europäische Tradition vom Barock bis zur Romantik; ob und wie sich diese Erkenntnisse auf außereuropäische Musiktheaterformen übertragen ließen, wird nicht erörtert. Ebenso bleibt die Frage nach den ökonomischen Rahmenbedingungen der damaligen Theaterbetriebe nur am Rande durch den Begriff des „transportablen Gutes“ gestreift, ohne eine detaillierte finanzgeschichtliche Analyse zu liefern. Diese Lücken sind jedoch dem spezifischen Fokus des Autors auf die ästhetische und praktische Umsetzung der Operngattung geschuldet.
Wie es weitergeht – Ausblick und Rezeption
Das Buch „Oper in Bewegung“ ist als ein Beitrag zu verstehen, der die wissenschaftliche Debatte über das Musiktheater neu beleben soll. Indem Strohm dazu ermuntert, konventionelle Betrachtungsweisen beiseitezuschieben, öffnet er den Raum für eine neue Auseinandersetzung mit dem Repertoire. Die Struktur des Buches, in der einige Kapitel auch als Programmheftbeiträge konzipiert wurden, deutet darauf hin, dass der Autor eine Brücke zwischen der akademischen Forschung und dem interessierten Opernpublikum schlagen möchte. Es ist zu erwarten, dass diese Arbeit in der Musikwissenschaft für Diskussionen sorgen wird, insbesondere durch die Einbeziehung der „Trouvaillen“ wie des Dialogs aus der französischen Nationalbibliothek. Die Aufforderung, den Gesang als Literatur zu begreifen, könnte zudem Anstöße für zukünftige Inszenierungen geben, die den Text und die Musik noch enger miteinander verknüpfen. Das Buch steht somit nicht nur als abgeschlossenes Werk für sich, sondern fungiert als ein lebendiges Instrument, das dazu einlädt, die Oper bei jedem Besuch im Festspielhaus oder im Stadttheater mit neuen Ohren zu hören und mit einem tieferen Verständnis für die historischen Bewegungen zu erleben.