News aus aller Welt
Start
Islamischer Antisemitismus: Woher kommt der Judenhass in der arabischen Welt?
Kultur · 06.09.2026 14:04

Islamischer Antisemitismus: Woher kommt der Judenhass in der arabischen Welt?

Kurz: Der Historiker Omar Kamil analysiert in seinem neuen Buch die historischen und ideologischen Wurzeln des muslimischen Antisemitismus in der arabischen Welt.

Die Wurzeln des Hasses: Eine Analyse der aktuellen Lage

Seit dem verheerenden Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ist eine Welle des muslimischen Antisemitismus in Deutschland zu beobachten. Die Auswirkungen sind im Alltag spürbar: Jüdische Mitbürger werden auf offener Straße beleidigt, bespuckt oder tätlich angegriffen. Auch an den Universitäten hat sich das Klima für jüdische Studierende massiv verschlechtert, viele fühlen sich dort nicht mehr sicher. Zudem werden jüdische Gedenkorte zunehmend zum Ziel von Schmierereien. Der Nahostkonflikt, insbesondere der Gazakrieg, dient dabei als Katalysator für eine tiefsitzende Feindseligkeit. Israel fungiert für viele arabischstämmige Deutsche als Projektionsfläche, wobei die Wut über die Zerstörungen im Gazastreifen und die hohe Zahl an Todesopfern direkt auf Juden übertragen wird. Die Ohnmacht gegenüber der internationalen Politik sowie ein komplexes Gemisch aus Zorn und Neid auf die technologische und militärische Stärke Israels entladen sich in einer pauschalen Ablehnung. Der Historiker Omar Kamil, der an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg lehrt, untersucht in seinem aktuellen Werk „Muslimischer Antisemitismus“ die ideologischen Quellen, aus denen sich dieser Hass speist, und erklärt, warum er in der arabischen Welt eine derartige Wirkmächtigkeit entfalten konnte.

Historische Details und die Rolle der Propaganda

Kamil beleuchtet in seiner Studie, wie sich das Verhältnis zwischen Judentum und Islam über Jahrhunderte entwickelte. Er betont, dass es sich dabei nie um eine reine Geschichte der Feindschaft oder der Nähe handelte, sondern stets um ein komplexes Wechselspiel beider Pole. Ein entscheidender Wendepunkt war die Damaskus-Affäre von 1840, in deren Zuge sich die Ritualmordlegende rasant verbreitete. Der libanesische Lehrer Habib Faris nutzte diese Legende als Grundlage für seine antisemitischen Schriften. Sein 1891 veröffentlichtes Werk „Der Schrei des Unschuldigen nach Freiheit und die talmudische Opfergabe“ gilt laut Kamil als das erste antisemitische Buch in arabischer Sprache. Faris transformierte den europäischen Antisemitismus in ein arabisches Narrativ, das sich nach außen hin als moralische Aufklärung tarnte, in Wahrheit jedoch tiefsitzende Feindseligkeit förderte. Ein weiterer zentraler Akteur in diesem Prozess war der ehemalige Großmufti von Jerusalem, Muhammad Amin al-Husaini. Er suchte 1941 in Berlin Zuflucht und paktierte mit dem nationalsozialistischen Regime. Al-Husaini verbreitete nicht nur antisemitische Propaganda, sondern warb zudem für muslimische SS-Einheiten auf dem Balkan, was den Grundstein für einen spezifisch arabisch-islamischen Antisemitismus legte.

Der historische Kontext: Zusammenbruch und Ohnmacht

Die Entstehung des modernen Antisemitismus in der arabischen Welt ist laut Kamil eng mit der Erfahrung der Moderne verknüpft. Seit der Landung Napoleons in Ägypten im Jahr 1798 erlebten die arabischen Gesellschaften einen Prozess des Zusammenbruchs gewachsener Ordnungen. Das Gefühl, aus dem eigenen historischen Rhythmus gerissen worden zu sein, prägte die Wahrnehmung der Moderne als Bedrohung. Dieses Trauma verstärkte sich durch die Grenzziehungen des Ersten Weltkriegs, insbesondere durch das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, das als „Geburtsstunde eines künstlich gegliederten Nahen Ostens“ betrachtet wird. In diesem Kontext wurde die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Europa nicht als universelles menschliches Leid begriffen, sondern als bloßes europäisches Versagen interpretiert. Die Konsequenzen dieses Versagens wurden nach Palästina verlagert, was die zionistische Forderung nach einem eigenen Staat in den Augen vieler Araber nicht als legitimes Streben nach Sicherheit erscheinen ließ, sondern als kolonialen Übergriff und Enteignung der palästinensischen Bevölkerung. Die Staatsgründung Israels wurde so zum Symbol für den Verlust an politischer Gestaltungsmacht und kultureller Identität.

Die Akteure und die Verbreitung der Ideologie

Kamil identifiziert verschiedene Akteure und Institutionen, die zur Verbreitung des Antisemitismus beigetragen haben. Der ehemalige ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, eine zentrale Figur des arabischen Nationalismus, nutzte beispielsweise die „Protokolle der Weisen von Zion“ als vermeintliches Beweisstück für seine Ideologie. Auch Ahmad Hasan az-Zayyat, Gründer der einflussreichen Zeitung „ar-Risala“, spielte eine wesentliche Rolle. Er interpretierte die militärische Niederlage der arabischen Staaten im Jahr 1948 als eine Art „kosmische Störung“. Da er Juden traditionell als Dhimmis – also als politisch ohnmächtige Schutzbefohlene – wahrnahm, erschien ihm der zionistische Erfolg als unnatürlicher Bruch mit der göttlichen Ordnung. Diese Ideologie sickerte in alle gesellschaftlichen Bereiche ein: von politischen Salons über Redaktionen und Universitäten bis hin zu den Freitagsgebeten in den Moscheen. Die Verschmelzung von politischer Kritik am Staat Israel mit metaphysischen Anklagen gegen das Judentum insgesamt schuf einen Nährboden, auf dem sich antisemitische Stereotype festsetzen konnten und bis heute wirksam bleiben.

Einordnung: Eine psychologische Perspektive auf den Konflikt

Einzuordnen ist das laut Kamil so: Der israelische Staat wurde zum Spiegelbild des eigenen Scheiterns der arabischen Welt. Die Unfähigkeit, die Herausforderungen der Moderne zu bewältigen, wurde auf den jüdischen Staat projiziert. Der Zionismus wurde mit dem Judentum an sich verschmolzen, wodurch territoriale Konflikte in moralische Kämpfe umgedeutet wurden. Den Berichten zufolge ist diese Entwicklung nicht nur ein politisches Phänomen, sondern tief in der Psyche der betroffenen Gesellschaften verwurzelt. Die Niederlage im Sechstagekrieg von 1967 fungierte dabei als weiterer Beschleuniger, der ein politisches Trauma in einen ideologischen Sprengsatz verwandelte. Kamil stellt fest, dass die Bewunderung für europäische Aufklärungsideale in der arabischen Intelligenz des 20. Jahrhunderts zunehmend in eine erbitterte Ablehnung umschlug. Diese ideologische Verschiebung erklärt, warum antisemitische Narrative so erfolgreich in die bestehenden islamischen Deutungsmuster integriert werden konnten. Es handelt sich somit um eine komplexe Mischung aus importiertem europäischem Antisemitismus und einer spezifisch arabisch-islamischen Krisenbewältigung, die den „Anderen“ als Sündenbock für historische Verletzungen markiert.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Obwohl Kamils Studie eine umfassende historische und ideologische Analyse liefert, bleiben einige Fragen offen, die der Quelltext nicht explizit adressiert. So stellt sich die Frage, wie die jüngere Generation der arabischstämmigen Bevölkerung in Deutschland, die in einem säkularen und demokratischen Umfeld aufgewachsen ist, diese historischen Narrative heute konkret verarbeitet oder ob sie diese kritisch hinterfragt. Ebenso lässt der Text offen, welche Rolle soziale Medien bei der heutigen Verbreitung dieser spezifischen antisemitischen Ideologien spielen. Während Kamil die historischen Wurzeln und die Rolle klassischer Medien wie Zeitungen ausführlich darlegt, bleibt die Dynamik der digitalen Radikalisierung in den sozialen Netzwerken in dieser Darstellung weitgehend ausgeklammert. Auch bleibt offen, welche konkreten pädagogischen oder gesellschaftspolitischen Maßnahmen – jenseits der historischen Aufklärung – in Deutschland als wirksam erachtet werden könnten, um die beschriebene Verfestigung antisemitischer Stereotype in den betroffenen Milieus aufzubrechen und einen konstruktiven Dialog zu ermöglichen.

Wie es weitergeht: Ausblick auf die Debatte

Die Veröffentlichung von Omar Kamils Buch „Muslimischer Antisemitismus“ im Jahr 2026 markiert einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte. Es ist zu erwarten, dass die Studie als Grundlage für weitere Diskussionen über die Integrationsfähigkeit und die kulturellen Herausforderungen in Deutschland dienen wird. Die Analyse der historischen Zäsuren und der polit-psychologischen Mechanismen bietet einen analytischen Rahmen, um die gegenwärtigen Spannungen besser zu verstehen. Die Frage, ob und wie diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in die politische Bildungsarbeit einfließen werden, bleibt eine zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre. Da der Antisemitismus in Deutschland weiterhin eine akute Bedrohung für das jüdische Leben darstellt, ist die Auseinandersetzung mit den von Kamil aufgezeigten ideologischen Strömen ein notwendiger Schritt. Die Arbeit des Historikers, der sowohl die arabische als auch die deutsche und israelische Perspektive kennt, wird zweifellos als Referenzpunkt für künftige Bemühungen dienen, den muslimischen Antisemitismus nicht nur zu beklagen, sondern in seinen Ursprüngen zu begreifen und ihm mit fundierten Argumenten entgegenzutreten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/festhalten-halten-buch-senior-12381332/ · Foto: Denys Gromov
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/historiker-omar-kamil-ueber-den-judenhass-in-der-arabischen-welt-201141330.html