Was geschehen ist: Die Rückkehr in den Abgrund
Alfred Hitchcock, der Meister des Suspense, kehrte mit seinem Film „Frenzy“ in seine Heimat England zurück, um ein Werk zu schaffen, das in seiner Grausamkeit und seinem sarkastischen Unterton weit über seine bisherigen Arbeiten hinausging. Der Film, der als eine Art „grausame Komödie“ bezeichnet werden kann, bricht mit den klassischen Konventionen des Genres. Während Komödien üblicherweise von Liebeswirren und dem Streben nach einer glücklichen Ehe handeln, steuert „Frenzy“ konsequent in die entgegengesetzte Richtung. Im Zentrum steht eine Serie von Morden in London, bei denen Frauen mit Krawatten erdrosselt werden. Die Handlung entfaltet sich als ein düsteres Panorama menschlicher Rohheit, in dem die Grenze zwischen dem Schrecklichen und dem Grotesken ständig verschwimmt. Hitchcock nutzt das London der frühen siebziger Jahre nicht als idyllische Kulisse, sondern als Schauplatz eines sexuellen Herzens der Finsternis. Die Rückkehr des Regisseurs in seine Heimat war dabei nicht nur eine künstlerische Entscheidung, sondern auch ein Versuch, sich nach einer Phase finanzieller und filmischer Misserfolge mit einem radikalen Stoff neu zu erfinden. Der Film markiert einen Wendepunkt, an dem die vertraute Welt des alten Londons endgültig zu verschwinden droht und einer rohen, modernen Realität weicht, die Hitchcock mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination porträtiert.
Die Einzelheiten: Ein Mosaik des Schreckens
Die Geschichte dreht sich um den geschiedenen Barkeeper Blaney, der eine Affäre mit der Barfrau Barbara unterhält. Blaneys Ex-Frau Brenda betreibt ein Institut für Eheanbahnung, wird jedoch zum ersten Opfer des Krawattenmörders. Auch Barbara findet ein gewaltsames Ende. Der Täter, ein Mann namens Rusk – dessen Name ironisch an Zwieback erinnert –, arbeitet im Gemüsegroßhandel und zeigt eine Vorliebe für Äpfel. Ein zentraler Charakter ist der Chief Inspector Tim Oxford, der mit den kulinarischen Eskapaden seiner Gattin kämpft. Diese serviert ihm wässrige Fischsuppe, zähe Wachteln und Schweinsfüße, während sie gleichzeitig die Theorie vertritt, dass Blaney unschuldig sei, da nach zehn Jahren Ehe kein „crime de passion“ mehr möglich wäre. Die Ermittlungen führen durch ein London, in dem Gaffer am Ufer der Themse über Jack the Ripper philosophieren, während die erste Leiche im Wasser treibt. Der Bezirksbürgermeister verspricht den Bürgern derweil einen „Fluss ohne Fremdkörper“. Die makabre Choreographie erreicht ihren Höhepunkt, als Rusk in einem Kartoffelsack versucht, die Krawattennadel aus den Fingern eines toten Opfers zu lösen, während er in Schweiß gebadet ist. Diese Szenen unterstreichen die Verbindung zwischen dem englischen Begriff für Beziehung, „tie“, und der Krawatte als Mordwaffe.
Hintergrund: Der Weg zum Film
Die Entstehung von „Frenzy“ war eingebettet in eine schwierige Phase für Hitchcock. Nach dem Erfolg von „Die Vögel“ im Jahr 1963 folgten mit „Torn Curtain“ und „Topaz“ Filme, die sich mit dem Ost-West-Konflikt auseinandersetzten und bei Publikum sowie Kritikern weniger Anklang fanden. Hitchcock, der zuletzt 1950 mit „Dial M for Murder“ in England gedreht hatte, verspürte das Bedürfnis nach einer Rückbesinnung. Er wollte ein London einfangen, das in seiner Erinnerung existierte, das jedoch während der Dreharbeiten bereits im Verschwinden begriffen war. Die Suche nach authentischen Drehorten gestaltete sich schwierig, da viele der traditionellen Pubs mit dunklem Holz bereits modernisiert worden waren. Hitchcock bedauerte zutiefst, dass er gezwungen war, moderne Gebäude für das Polizeihauptquartier und das Hilton Hotel zu akzeptieren. Die Reise war für den Regisseur auch eine sentimentale: Sein Vater war einst Gemüsehändler in Covent Garden gewesen, was die Wahl des Gemüsegroßhandels als Arbeitsplatz des Mörders Rusk in einem neuen Licht erscheinen lässt. Es war ein Versuch, die eigene Vergangenheit mit dem modernen Schrecken zu verknüpfen.
Die Beteiligten: Akteure im Netz der Gewalt
Die Besetzung und die Figurenkonstellation in „Frenzy“ spiegeln Hitchcocks pessimistisches Menschenbild wider. Jon Finch verkörpert den Barkeeper Blaney, der in den Strudel der Verdächtigungen gerät, während Barry Foster den Mörder Rusk spielt. Die Ehefrau von Chief Inspector Tim Oxford fungiert als eine Art komödiantisches Gegengewicht, deren kulinarische Unfähigkeit und soziale Urteile die Atmosphäre des Films maßgeblich prägen. Die Frauenrollen im Film sind vielschichtig und oft von einer Härte gezeichnet, die Hitchcock als Reaktion auf die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre interpretiert wird. Tania Modleski merkt in ihrem Werk „The Women Who Knew Too Much“ an, dass die sexuell aktive Frau in Hitchcocks Spätwerk als Quelle der Angst fungiert. Andere Frauen im Film werden als prüde, dominant oder gehässig dargestellt, was die ohnehin schon angespannte Stimmung zwischen den Geschlechtern weiter verschärft. Die Institutionen, allen voran Scotland Yard, wirken in dieser Welt der „Frenzy“ oft hilflos oder abgelenkt durch private Befindlichkeiten, was den Schrecken der Morde nur noch deutlicher hervortreten lässt.
Einordnung: Eine Provokation der Sinne
Einzuordnen ist „Frenzy“ als ein zutiefst ambivalentes Werk, das den Zuschauer bewusst in einen Zustand der Ratlosigkeit versetzt. Den Berichten zufolge ist der Film der gewalttätigste in Hitchcocks gesamter Karriere. Die Art und Weise, wie Gewalt gegen Frauen dargestellt wird, ist explizit und verstörend. Hitchcock spielt mit den Erwartungen: Mal zeigt er den Mord in drastischer Offenheit als Nachspiel einer Vergewaltigung, mal verlässt die Kamera den Tatort, um den Zuschauer in der Stille des Treppenhauses mit dem Grauen allein zu lassen. Die Komik, die sich aus der makabren Choreographie der Leichenbeseitigung ergibt, wirkt wie ein zynischer Kommentar auf die menschliche Natur. Die Rohheit der Engländer, die Hitchcock hier porträtiert, zeigt sich in ihrer Vorliebe für minderwertiges Essen und ihrem Mangel an Geschmack. Die Ambivalenz zwischen dem Grausamen und dem Komischen macht den Film zu einer fortwährenden Provokation. Es ist ein sarkastischer Versuch, die Fassade der britischen Gesellschaft zu durchbrechen und das darunter liegende Chaos offenzulegen.
Offene Fragen: Lücken im Narrativ
Obwohl „Frenzy“ sehr detailliert in seiner Darstellung von Gewalt und Milieu ist, bleiben bestimmte Aspekte der Handlung und der Motivationen im Dunkeln. Der Quelltext lässt offen, welche psychologischen Hintergründe den Mörder Rusk genau zu seinen Taten treiben, abgesehen von einer allgemeinen Tendenz zum Frauenhass. Auch die Frage, wie die Polizei trotz der offensichtlichen Hinweise so lange im Dunkeln tappen kann, wird nicht explizit aufgelöst. Es bleibt zudem unklar, wie die Gesellschaft im Film auf die Serie von Morden reagiert, abgesehen von den kurzen Einblicken in die Gaffer-Mentalität am Themseufer. Die spezifische Dynamik der Beziehung zwischen Blaney und seiner Ex-Frau Brenda wird zwar angedeutet, aber nicht in ihrer ganzen Tiefe beleuchtet. Ebenso bleibt die Frage, warum Hitchcock sich gerade für diese spezifische Art der „Krawatten-Symbolik“ entschied, über den bloßen sprachlichen Wortwitz hinausgehend, ein Punkt, der Raum für weitere Interpretationen lässt. Der Film wirft mehr Fragen über die menschliche Natur auf, als er Antworten liefert.
Wie es weitergeht: Das Erbe eines Klassikers
Die Bedeutung von „Frenzy“ in der Filmgeschichte ist durch die Rückkehr Hitchcocks zu seinen Wurzeln und die gleichzeitige Radikalität der Darstellung gesichert. Der Film bleibt ein Studienobjekt für die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er Jahre. Während der Quelltext keine konkreten zukünftigen Termine oder geplanten Neuveröffentlichungen nennt, zeigt die anhaltende Rezeption, dass der Film nichts von seiner verstörenden Kraft verloren hat. Die Diskussionen um Hitchcocks Darstellung von Frauen und seine Technik der Spannungsaufbauung werden in der Filmwissenschaft fortgeführt. Die „Frenzy“ ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein Werk, das durch seine Ambivalenz und seine kompromisslose Sicht auf die menschliche Rohheit auch heute noch als Provokation dient. Die Frage, wie Hitchcock das „alte London“ in seinem letzten großen Film verewigte, wird weiterhin dazu führen, dass „Frenzy“ als ein Dokument einer untergegangenen Ära betrachtet wird, das gleichzeitig die düsteren Abgründe der Moderne vorwegnahm.