Ein Mythos zwischen Krieg und Propaganda
Während der Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 war die Stadt einem ständigen Terror durch Scharfschützen und Artilleriebeschuss ausgesetzt. Unter dem Kommando von Ratko Mladić und der politischen Führung von Radovan Karadžić wurde die Bevölkerung systematisch drangsaliert. Inmitten dieses realen Leids entstand eine Erzählung, die bis heute in den Köpfen vieler Menschen präsent ist: die Geschichte der sogenannten „Sarajevo-Safaris“.
Dieser Legende nach sollen wohlhabende Touristen aus dem Ausland gegen hohe Summen die Möglichkeit erhalten haben, von den serbischen Stellungen aus gezielt auf Zivilisten in der belagerten Stadt zu schießen. Obwohl es für diese Behauptungen keine stichhaltigen Beweise gibt, erfreut sich die Geschichte einer bemerkenswerten Langlebigkeit. Sie wird regelmäßig in Medien und sozialen Netzwerken aufgegriffen, als wäre sie ein historisch belegtes Faktum.
Die Psychologie hinter der Lüge
Warum halten sich solche Berichte über „Killertouristen“ so hartnäckig, obwohl sie faktisch nicht haltbar sind? Beobachter und bosnische Intellektuelle, darunter der renommierte Schriftsteller Miljenko Jergović, sehen darin ein tiefsitzendes Bedürfnis des Publikums. Die Erzählung bedient eine spezifische Sehnsucht nach einem klaren Feindbild.
Indem man „böse Eliten“ oder reiche, skrupellose Ausländer als Täter inszeniert, wird das Grauen des Krieges in ein Schema gepresst, das moralische Empörung leicht macht. Die Vorstellung, dass Menschen aus bloßem Vergnügen töten, ist zwar grausam, aber sie entlastet das Publikum von der Auseinandersetzung mit den komplexen, oft bürokratischen und ideologischen Strukturen, die den tatsächlichen Krieg in Bosnien-Herzegowina prägten.
Die Funktion von Feindbildern
Die „Sarajevo-Safari“ fungiert als eine Art moderne Legende, die den Hass auf Eliten kanalisiert. In einer Welt, in der soziale Ungleichheit und Machtgefälle ohnehin für Unmut sorgen, bietet die Geschichte eine Projektionsfläche: Reichtum wird hier direkt mit absoluter moralischer Verkommenheit gleichgesetzt. Wer bereit ist, für den Tod eines anderen zu zahlen, wird zum ultimativen Symbol für eine entmenschlichte Elite.
Diese Erzählweise ist besonders erfolgreich, weil sie die Grenze zwischen realem Kriegstrauma und fiktionaler Gruselgeschichte verwischt. Für die Opfer der Belagerung war die Gefahr durch Scharfschützen eine tägliche, tödliche Realität. Die Umdeutung dieser Gefahr in ein „Touristen-Event“ verleiht dem Schmerz eine neue, fast schon filmreife Dimension, die sich medial besser verbreiten lässt als die nüchterne Analyse der politischen Verhältnisse.
Einordnung und gesellschaftliche Folgen
Die Verbreitung solcher Mythen hat weitreichende Konsequenzen für die Erinnerungskultur. Wenn erfundene Geschichten als historische Wahrheit akzeptiert werden, verliert die tatsächliche Aufarbeitung der Kriegsverbrechen an Substanz. Die „Sarajevo-Safari“ lenkt von den Verantwortlichen ab, die den Krieg geplant und die ethnischen Säuberungen befohlen haben.
Die nächsten Schritte für eine sachliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Bosnienkrieges müssen daher darin bestehen, zwischen den realen Gräueltaten und den nachträglich konstruierten Mythen zu unterscheiden. Die literarische Aufarbeitung, wie sie etwa durch Jergović erfolgt, zeigt, dass die Wahrheit über den Krieg in Sarajevo bereits erschütternd genug ist, ohne dass sie durch erfundene „Safaris“ dramatisiert werden muss. Die Herausforderung bleibt, die Sehnsucht nach simplen, moralisch aufgeladenen Feindbildern zu erkennen und ihr mit einer differenzierten historischen Betrachtung entgegenzuwirken.